Wie geht es weiter bei der Berlinale?

Wie geht es weiter bei der Berlinale?

Eine Person geht nahe dem Potsdamer Platz an einer Berlinale-Leuchttafel vorbei.


analyse

Stand: 02.03.2026 • 17:18 Uhr

Ein Gaza-Statement und heftige Kritik an der Bundesregierung: Die Abschlussgala der Berlinale sorgt für Diskussionen. Auch über die Zukunft der Festivalleitung wird spekuliert. Wie könnte es weitergehen?

Alexander Budweg

Eine Woche voller Aufregung und wilder Spekulationen liegt hinter der Berlinale, ihrer Intendantin Tricia Tuttle und Kulturstaatsminister Wolfram Weimer. Ob sich die Wogen nun wieder glätten und wie es mit Deutschlands größtem Filmfestival weitergeht, könnte sich am Mittwoch entscheiden. Dann kommt der Aufsichtsrat der für die Berlinale zuständigen Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH (kurz KBB) erneut zusammen. Diesmal wird auch Tuttle dabei sein.

Über ein Aus der Filmfest-Chefin wird seit vergangener Woche in Teilen der Presse spekuliert. Auslöser war eine kurzfristig einberufene Sitzung des KBB-Aufsichtsrates am Donnerstagvormittag im Kanzleramt. In seiner Funktion als Vorsitzender hatte Weimer dazu eingeladen, um – wie es hieß – über die künftige Ausrichtung von Deutschlands wichtigstem Filmfestival zu sprechen. Weitere Details dazu gab es von offizieller Seite nicht.

Dennoch waren zu diesem Zeitpunkt die Schlagzeilen schon geschrieben. So berichtete die Bild-Zeitung bereits am Mittwochnachmittag, also gut 19 Stunden vor Beginn des Treffens, dass Kulturstaatsminister Weimer Berlinale-Chefin Tuttle ablösen wolle. Auslöser sei ein Statement während der Abschlussgala am Samstag zuvor.

“Nicht alle Berichte treffen den Kern der Wahrheit”

Dort wurde das Werk “Chronicles from the Siege” des palästinensischen Regisseurs Abdallah Alkhatib als “Bester Erstlingsfilm” ausgezeichnet. In seiner Dankesrede warf er der Bundesregierung vor, “Partner des Völkermords in Gaza” zu sein und fügte hinzu: “Wir werden uns an jeden erinnern, der an unserer Seite stand, und wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war.” Der vor Ort anwesende Bundesumweltminister Carsten Schneider verließ daraufhin den Saal und ließ mitteilen, die Aussagen seien nicht akzeptabel.

Auch Weimer kritisierte die Geschehnisse scharf und bezeichnete die Äußerungen von Alkhatib als bösartigen Israel-Hass. Angesprochen auf die Bild-Berichterstattung sagte er aber ebenfalls noch am vergangenen Mittwoch im Kulturausschuss des Bundestages: “Nicht alle Medienberichte, die zurzeit zu lesen sind, treffen den Kern der Wahrheit.”

Auslöser der Debatte war die Rede des palästinensischen Regisseurs Abdallah Alkhatib.

Raum für Spekulationen

Am nächsten Tag folgte dann die Sitzung des KBB-Aufsichtsrates. Weder Weimer noch andere Mitglieder wollten sich anschließend äußern. Ein Sprecher des Kulturstaatsministers teilte lediglich mit: Es habe keine Beschlüsse gegeben, die Gespräche würden fortgesetzt, in der kommenden Woche auch mit Tuttle selbst. Mehr war nicht zu erfahren.

Dass sich Weimer in der ganzen Zeit nicht zweifelsfrei für Tuttle als Berlinale-Chefin aussprach, hat Raum für Spekulationen geschaffen. Mehr aber auch nicht. Auf der anderen Seite hatte er sie erst kurz zuvor gegen Kritik verteidigt und ihr eine “sehr ausgewogene, sehr feinfühlige” Führung attestiert. Und dennoch: Auch anderen Medien berichteten plötzlich so, als ob das Aus der Berlinale-Chefin schon beschlossene Sache gewesen sei.

Verpflichtung erschien als Glücksfall

Dabei wäre ihre Ablösung nach nicht einmal zwei Jahren im Amt ein massiver Imageschaden für das Filmfest. Tuttle hatte die Leitung im April 2024 übernommen. Ihre beiden Vorgänger im Amt, Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian, konnten die hohen Erwartungen, welche die Filmbranche, aber auch die Politik an sie stellte, nicht erfüllen. Die Gründe waren vielfältig: Corona-Pandemie, Finanznöte, eine missglückte Kommunikation mit der Politik. Im Vergleich zur europäischen Festivalkonkurrenz verlor die Berlinale unter ihnen an Glamour und Renommee.

Da erschien die Verpflichtung von Tuttle – noch unter Weimers Vorgängerin Claudia Roth – geradezu als ein Glücksfall. Die US-Amerikanerin leitete zuvor das London Filmfestival, dem sie in dieser Zeit einen enormen Besucherzuwachs verschaffte. Und wieder waren die Hoffnungen groß, mit ihr die Richtige für die Berlinale gefunden zu haben. Sollte sie nun gehen, welche Kulturmanagerin oder welcher Kulturmanager mit entsprechender Kompetenz und der notwendigen Verve würde den Job noch machen wollen?

Tricia Tuttle leitet seit 2024 die Berlinale.

Wie geht es weiter?

Ein Abgang von Tuttle kann deshalb auch nicht im Sinne des Kulturstaatsministers sein. So hatte Weimer ebenfalls im Kulturausschuss des Bundestages gesagt, dass er das Filmfest stärken wolle. Genau das Gegenteil wäre dann aber der Fall. Zudem würde es auch kein gutes Licht auf ihn als Krisenmanager werfen.

In einem Interview mit der Rheinischen Post hat Weimer am Wochenende erklärt, dass Tuttle selbst “wegen der vergifteten Atmosphäre” ans Aufhören gedacht habe. Die Frage, ob er die Berlinale-Chefin loswerden wollte, beantwortet er weder mit einem klaren Ja noch Nein. Doch er lässt durchblicken, dass er mit Tuttle weitermachen würde, wenn sie dazu bereit sei.

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