Der Iran-Krieg hat so viele Unsicherheiten geschaffen, dass Anleger aus Aktien fliehen und die üblichen “sicheren Häfen” ansteuern. Einzelne Branchen sind in der neuen Lage allerdings gefragt.
Wie befürchtet, hat der neue Krieg im Nahen Osten eine Verkaufswelle an den Aktienmärkten ausgelöst. Der deutsche Leitindex DAX büßt bis zum frühen Nachmittag 2,4 Prozent auf 24.686 Punkte ein.
Zugleich sprangen die Öl- und Gaspreise nach oben. Rohöl der Nordseesorte Brent kostet mit 79,40 Dollar pro Barrel rund acht Prozent mehr als vor dem Wochenende.
Auch an den US-Börsen deutet sich bereits jetzt eine Verkaufswelle an. Die Futures für den Leitindex Dow Jones liegen deutlich über ein Prozent im Minus. Die heftigsten Kurseinbußen dürften aber an der Technologiebörse Nasdaq bevorstehen.
Anleger flüchten sich in Gold
Die Krisenwährung Gold ist dagegen gefragt. Mit einem Sprung von über 100 Dollar auf 5.400 Dollar pro Feinunze nähert sich der Goldpreis wieder seinem Rekordhoch von Ende Januar. Damals hatte das Edelmetall fast 5.600 Dollar pro Feinunze gekostet. Auch der Silberpreis legt zu. “Es ist das typische Szenario in solchen Krisenzeiten, Anleger flüchten aus Risiko-Assets und suchen Schutz in ‘sicheren Häfen'”, kommentierten die Analysten von ActivTrades.
Unsicherheit trifft Märkte empfindlich
Was den Anlegern vor allem zusetzt, ist die schiere Unsicherheit über das weitere Kriegsgeschehen. So bleibt vor allem ungewiss, wie lange die Konfrontation dauern wird.
Damit hängt zusammen, wie lange es dem Iran gelingt, die Straße von Hormus effektiv zu sperren. Beim letzten größeren Konflikt, dem sogenannten Zwölf-Tage-Krieg im vergangenen Sommer, hatte das Mullah-Regime noch von Angriffen auf die wichtige Handelsroute abgesehen. Unklar bleibt auch, inwieweit das Regime noch fähig ist, den Konflikt in weitere Regionen zu tragen.
Weltkonjunktur in Gefahr
Die entscheidende Frage für die Weltwirtschaft sei offensichtlich, stellte Holger Schmieding, Chefökonom bei Berenberg, fest: “Wird die Straße von Hormus für Öl- und Gasexporte für mehr als ein paar Wochen effektiv geschlossen sein? Falls ja, würde das das globale Wachstum beeinträchtigen und die globale Inflation deutlich erhöhen.”
“Ein anhaltender Anstieg des Ölpreises um 15 US-Dollar pro Barrel könnte das Niveau der Verbraucherpreise in der Eurozone um fast 0,5 Prozent erhöhen und den Anstieg der verfügbaren Einkommen entsprechend einschränken”, so Schmieding.
“Die deutsche Wirtschaft gilt in der aktuellen Situation als klarer Verlierer. Die Schließung der Straße von Hormus und die damit verbundenen Beeinträchtigungen auf dem internationalen Energiemarkt treffen die deutsche Wirtschaft besonders hart”, schrieb Andreas Lipkow, Chef-Marktanalyst bei CMC Markets. Gleichzeitig stören die Behinderungen im Luft- und Seeverkehr die internationalen Lieferketten.
Branchen unterschiedlich betroffen
Die neue Lage schlägt sich einer typischen Branchenrotation, also einem Favoritenwechsel bei den investierten Sektoren, nieder. So gerieten Aktien der Luftfahrt- und Reisebranche angesichts gesperrter Routen und der allgemeinen Unsicherheit besonders stark unter Druck. Die Flughäfen der Golfregion dienen als Drehkreuze für den asiatischen Flugverkehr, die Auswirkungen treffen Verbindungen und Fluggesellschaften weltweit. Die Aktien von TUI und Lufthansa büßten zeitweise über zehn Prozent ein.
Verluste erlitten auch die Papiere aus dem Chemiesektor wie BASF, Evonik, Wacker Chemie und Lanxess. Höhere Kosten für Öl drohen die Gewinne zu schmälern.
Papiere aus der Rüstungsbranche waren dagegen anfangs stark gefragt. Die krisenhafte Zuspitzung der geopolitischen Lage trieb Anleger vor allem in Rheinmetall, Hensoldt und Renk. Bis zum frühen Nachmittag fielen die Titel allerdings wieder deutlich zurück.
Deutliche Gewinne verzeichnete auch die Aktie von Hapag-Lloyd. Die Hamburger Containerreederei profitiert von steigenden Frachtraten. Hapag-Lloyd teilte mit, es werde ein “Kriegsrisikozuschlag” von 1.500 Dollar pro Standardcontainer und 3.500 Dollar pro Kühlcontainer und Spezialausrüstung erhoben.
