Der Vagusnerv regelt Entspannung, Immunfunktion und Stimmung. Geräte zu seiner Stimulation versprechen Hilfe per Knopfdruck bei Stress, Kopfschmerzen und Müdigkeit. Doch was davon ist belegt?
Der Vagusnerv ist in der Longevity- und Biohacking-Szene zum Star geworden. Denn er steuert den Parasympathikus, also das System, das im Körper für Entspannung und Regeneration zuständig ist. Bewusst aktiviert werden kann er beispielsweise durch Atemübungen, Kälte und Meditation. Inzwischen gibt es aber auch Geräte zu kaufen, die den Nerv elektrisch stimulieren. Doch was können sie wirklich?
Der Vagusnerv verbindet das Gehirn unter anderem mit Herz, Lunge, und Magen-Darm-Trakt. Rund 80 Prozent seiner Fasern leiten Informationen vom Körper ins Gehirn. Im Hirnstamm werden die Signale verarbeitet und an andere Hirnregionen weitergegeben, die an Stressreaktionen, Emotionen und Aufmerksamkeit beteiligt sind. Er ist der wichtigste Nerv des parasympathischen Nervensystems und so für Herzfunktion, Magen-Darm-Aktivität, Atemregulation und Immunsystem von entscheidender Bedeutung.
Vagusnerv-Stimulation seit fast 40 Jahren im Einsatz
Schon in den 1930er-Jahren zeigten Studien, dass die Stimulation des Vagusnervs die Aktivität des Gehirns beeinflusst. In den 1980er-Jahren wurden dann die ersten implantierbaren Vagusnerv-Stimulatoren entwickelt. Bei diesen wird operativ eine Elektrode am Hals um den Nerv gelegt, verbunden mit einem Impulsgeber im Brustbereich. Schwache Stromimpulse stimulieren dann den Nerv. Zugelassen wurde das Verfahren zunächst für therapieresistente Epilepsie, später auch für schwere Depressionen.
Nicht-invasive Stimulation an Ohr und Hals
Seit etwa 15 Jahren gibt es auch nicht-invasive Vagusnerv-Stimulationsgeräte, deren Signale den Nerv über die Haut erreichen. Sie werden entweder am Ohr oder Hals angelegt. Dort verlaufen Äste des Vagusnervs relativ oberflächennah. 2017 wurde in den USA von der dortigen Gesundheitsbehörde mit “gammaCORE” das erste Gerät zur Anwendung am Hals zugelassen, nämlich zur Behandlung von Cluster-Kopfschmerzen.
In Deutschland hat das Unternehmen tVNS Technologies aus Erlangen ein Stimulationsgerät für den Einsatz am Ohr entwickelt, das seit Mitte 2023 zugelassen ist. Das “tVNS” (transkutane Vagusnervstimulation) ist bisher das einzige nicht-invasive Gerät, das als Medizinprodukt gemäß der Europäischen Medizinprodukteverordnung zertifiziert ist. Bei dem tVNS-Gerät wird eine Elektrode in die sogenannte Cymba Conchae geklemmt, eine Falte am Ohr über dem Gehörgang. Ein Kabel führt zu einem kleinen Handgerät, an dem sich die Stromstärke einstellen lässt.
Keine “Heilung auf Knopfdruck”
Bei der Vagusnerv-Stimulation handelt es sich “nicht um eine Akuttherapie”, betont Jörg Trinkwalter, Geschäftsführer von tVNS Technologies. Auch Professor Nils Kroemer, Medizinischer Psychologe an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Bonn, weiß aus seinen Studien: “Wir wissen, dass für die therapeutische Wirksamkeit der Vagusnerv-Stimulation in der Regel eine relativ lange Anwendungsdauer nötig ist.”
Bei einer täglichen Nutzung von einer halben Stunde bis vier Stunden gehen beide von Effekten nach Wochen bis Monaten aus: “Das ist auch sehr individuell”, erklärt Trinkwalter. “Aber als Daumenregel, nach etwa zwischen vier bis zwölf Wochen.” Allerdings kann das Gerät nach Angaben des Herstellers fast überall eingesetzt werden: beim Kochen, beim Arbeiten oder beim spazieren gehen. Man muss nicht mit geschlossenen Augen auf dem Sofa liegen.
Günstige “Wellness”-Geräte zur Vagusnerv-Stimulation?
Neben den hochpreisigen medizinischen Geräten kann man sich inzwischen auch “Wellness”-Varianten im Internet bestellen. Beworben werden sie mit Stressreduktion oder besserem Schlaf. Doch Kroemer ist skeptisch: Um die Zulassung zu erhalten, musste tVNS Technologies Wirksamkeit und Sicherheit seines Geräts in kontrollierten Studien belegen.
Dazu gehörte der Nachweis, dass das Gerät den Vagusnerv überhaupt in ähnlicher Weise erreichen konnte wie die operativ eingesetzten Varianten. Dabei wurden unter anderem bildgebende Verfahren eingesetzt, um die Stimulationsareale im Gehirn zu sehen, erklärt Geschäftsführer Trinkwalter: “Wir wissen jetzt, dass wir mit unserem Verfahren ähnliche Areale aktivieren.”
Bei den Wellness-Gadgets gibt es solche Nachweise nicht. Es ist weder klar, ob ihre Signale den Vagusnerv überhaupt erreichen, noch, welche Wirkung sie bei welcher Anwendungsdauer tatsächlich erzielen. Zudem müssen zertifizierte Geräte Nebenwirkungen in der Datenbank EUDAMED dokumentieren und verfolgen. Das gilt für die Wellness-Geräte nicht.
Die Zukunft der Vagusnerv-Stimulatoren
Derzeit sind die nicht-invasiven Vagusnerv-Stimulatoren für die Behandlung von Epilepsie, chronischen Migräne, Depressionen und Prader-Willy-Syndrom zugelassen. Doch in den letzten Jahren ist das Forschungsinteresse an weiteren möglichen Anwendungen stark gewachsen. Vor allem bei Schlafstörungen, Post Covid und chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen erhofft man sich positive Effekte.
Eine Studie in Großbritannien untersucht neuroplastische Effekte: Frühere Studien haben gezeigt, dass die Stimulation des Vagusnervs mit einem implantierten Gerät während gezielter Bewegungen die Erholung der Armfunktion nach einem Schlaganfall verbessern kann. Jetzt wird erstmals in großem Umfang untersucht, ob dieser Effekt auch mit einer nicht-invasiven Methode zu erreichen ist.
