Geografisch sind sie getrennt, doch sie teilen die Kriegserfahrung: Ein Projekt verbindet Schriftstellerinnen aus unterschiedlichen Konfliktgebieten miteinander – in Briefwechseln tauschen sie sich aus.
“Vielleicht denkst auch du darüber nach, wie dein Leben aussehen würde, wenn nicht der Krieg in deinem Land ausgebrochen wäre”, schreibt Baraa Altrn aus Syrien an Oksana Stomina aus der Ukraine. Diese antwortet: “Ich schaue mich im Spiegel an und sehe die Spuren, die der Krieg auf meinem Gesicht hinterlassen hat.”
Die Dichterin Oksana Stomina kommt aus Mariupol und lebt nun in Kiew. Mariupol wurde von Russland stark zerstört und wird seit Mai 2022 von russischen Besatzern kontrolliert. Die Stadt ist eines der Symbole für das aggressive und blutige Vorgehen Russlands in der Ukraine. Sie vermisse ihre Heimatstadt sehr, schreibt Oksana Stomina an Baraa Altrn. Und meint: “Die Besatzer werden sie niemals so lieben wie ich. Denn ich träume davon, dich dorthin einzuladen.”
Briefe zwischen ukrainischen und syrischen Schriftstellerinnen
Zum vierten Jahrestag der russischen Vollinvasion in die Ukraine wird der Briefwechsel zwischen Stomina und Altrn auf der Homepage von “Weiterschreiben.jetzt” veröffentlicht. Es ist eine von aktuell zwei Korrespondenzen zwischen ukrainischen und syrischen Schriftstellerinnen.
“Es ist interessant, wie durch diese Ferne eine Art von Intimität entsteht und am Ende auch ein besseres Verständnis”, sagt Kateryna Mishchenko auf radio3 vom rbb. Sie ist Essayistin, Übersetzerin und Verlegerin. Sie hat die Briefe für “Weiterschreiben.jetzt” kuratiert. Und sich dazu entschieden, Autorinnen auszusuchen, die noch nicht flüchten mussten, sondern in der Ukraine und in Syrien geblieben sind: “Dadurch kriegen wir eine Art der Verbindung und der Kommunikation.”
Kateryna Mishchenko ermöglicht den Frauen in ihrem Briefe-Schreibprojekt eine “geteilte Kriegserfahrung”.
Projekt öffnet Türen zum deutschsprachigen Kulturbetrieb
“Weiterschreiben.jetzt” ist mittlerweile ein Netzwerk aus Schriftstellerinnen und Schriftstellern aus Kriegs- und Krisengebieten, das seit 2017 in erster Linie Autorinnen und Autoren im Exil mit deutschsprachigen Schriftstellerinnen und Schriftstellern verbindet. Das Ziel: den Geflohenen den Zugang zum deutschen Kultur- und Literaturbetrieb über Kontakte zu erleichtern.
Mittlerweile gehören mehr als 150 Autoren, Übersetzer, Fotografen und Musiker aus 19 Ländern zu diesem Netzwerk. Und die Publikationen reichen von Texten, über Magazine, Podcasts bis zu Büchern. Dafür wurden die unterschiedlichen Projekte mehrfach ausgezeichnet, etwa mit dem Deutschen Kulturförderpreis. “Die Menschen bleiben im Netzwerk,” sagt Kateryna Mishchenko, das sei das Besondere an “Weiterschreiben.jetzt”.
Geteilte Erfahrungen von Krieg, Zerstörung und Widerstand
Sie wäre gerne Journalistin geworden, schreibt Baraa Altrn in ihrem Brief. Doch die Regierung in Syrien legt über Notendurchschnitte fest, welche Fächer für wen zugänglich sind. Jetzt sei sie Anwältin geworden. Eine Arbeit, für die sie nicht geeignet sei. Sie sei in Syrien geblieben, weil sie Angst vor neuen Orten habe. Die Zeit der Diktatur habe sie immer wieder im gleichen Café verbracht, in dem sie “der Erniedrigung, der Unterdrückung und des Todes wiederstanden” hätte.
Sie könne mehr als 50 Namen von Kindern nennen, die allein in den zwei Monaten der Belagerung von Mariupol ums Leben gekommen seien, schreibt Oksana Stomina aus der Ukraine in ihrem Antwortbrief, nennt einige Namen und erzählt von ihnen.
“Es gibt diese geteilte Kriegserfahrung,” sagt Kateryna Mishchenko. Darüber hinaus sei für sie aber auch eine andere Kontinuität von Bedeutung, und zwar die der russischen Einflussnahme in der Region. Lange Zeit stützte der russische Präsident Wladimir Putin das syrische Regime um Baschar al-Assad.
Den Briefwechsel versteht Mishchenko als Verbindung zwischen zwei Zeitebenen: Der Krieg in Syrien ist vorbei, während die Zerstörung in der Ukraine weitergeht.
