Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine hat in den vergangenen vier Jahren Hunderttausende Menschen das Leben gekostet. Doch auch die Folgen für die Umwelt und den Klimawandel sind erheblich.
Naturnahe Landschaften machen 29 Prozent des ukrainischen Territoriums aus. Ein Sechstel des Landes ist von Wäldern bedeckt, darunter das Urwaldgebiet und UNESCO-Welterbe der Karpaten. Jede dritte europäische Pflanzenart wächst hier, schreibt Oleksandr Opanasenko von der Kiewer Umweltorganisation Ecoaction.
Der russische Angriff zieht jedoch die Natur in der Ukraine stark in Mitleidenschaft. Viele Schutzgebiete liegen in umkämpften Gebieten und werden durch Ölverschmutzung oder Schwermetallablagerungen nach Artilleriefeuer nachhaltig geschädigt. Und durch die Kampfhandlungen verbrennt der Wald, zeigt eine aktuelle Kartierung von Alexander Mkrtchian und Daniel Müller mit Hilfe von Satellitenaufnahmen: In einem Streifen von 100 Kilometern beiderseits der Frontlinie sind etwa neun Prozent des Waldes vollständig zerstört. Das ist etwa das Doppelte der Fläche Hamburgs (Stand Oktober 2025). Waldbrände können im Krieg nicht aus der Luft bekämpft werden. So breiten sich auch kleine Feuer rasch aus.
Langfristige Folgen für Wald und Wild
Dazu kommt: “In einigen Schutzgebieten sind 20 bis 30 Prozent der Fläche vermint”, berichtet Michael Brombacher von der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt. Wie viele Wildtiere diesen Minen zum Opfer gefallen sind, weiß niemand. Neue Grenzanlagen zu Belarus durchtrennen zudem die Wanderrouten von Tieren, so der Experte.
Auch außerhalb der Kampfgebiete haben sich die Prioritäten des Landes verständlicherweise verschoben. Gehälter für Mitarbeitende von Schutzgebieten werden zwar weitergezahlt, mehr aber nicht. Schon eine Autoreparatur ist beispielsweise nur dank Spenden möglich, etwa von der Zoologischen Gesellschaft.
Positiv wirkt sich für die Natur jedoch aus: Viele Gebiete entlang der rumänischen Grenze dürfen nicht mehr betreten werden. Dort erholen sich die Bestände von Bären, Luchsen und Wölfen, auch weil die Jagd im gesamten Land derzeit untersagt ist.
Regeneration der Natur
Doch selbst wenn die Front weitergezogen ist oder eines Tages ein Waffenstillstand in Kraft sein sollte: Die Folgen des Krieges bleiben. Bäume brauchen Jahrzehnte, um zu wachsen. Minen töten auch weiterhin Hirsche und Elche. Gewässer und Ufergebiete sind langfristig geschädigt.
Etwa am Dnipro, wo am 6. Juni 2023 der Kachowka-Staudamm nach einer Explosion gebrochen ist. Die Wassermassen haben unmittelbar 20.000 Tiere mit sich gerissen und 83.000 Tonnen Schwermetalle über das angrenzende Land verteilt. Nach Angaben der Ukrainian Nature Conservation Group könnten zudem mehrere Tier- und Pflanzenarten ausgestorben sein, die nur in diesem Gebiet heimisch waren, etwa die Sandblindmaus oder der Dnipro-Thymian. Unabhängig bestätigen lässt sich das nicht.
Stark belastet ist nach wie vor auch das Schwarze Meer, in das der Fluss mündet: durch Düngemittel und Pestizide aus der Landwirtschaft und durch Transformatorenöl der ehemaligen Wasserkraftwerke. Die Folgen einer Ölpest nach der Kollision zweier russischer Tanker vor der Küste der Krim im Dezember 2024 sind ebenfalls noch nicht beseitigt. Von einer “stillen Frontlinie” einer langfristig wirksamen Naturzerstörung spricht daher die Politik- und Umweltwissenschaftlerin Rebecca Hirschfeld.
Auswirkungen auf das Klima
Nicht zuletzt ist seit Kriegsbeginn eine große Menge an Treibhausgasen in die Atmosphäre gelangt. Das wird das Erdklima nachhaltig aufheizen, schreibt die Initiative on GHG accounting of war (GHG = Greenhouse Gases, Treibhausgase) in einem Bericht zum vierten Jahrestag des Kriegsbeginns, der von der European Climate Foundation (ECF) gefördert wurde.
Wegen der Kämpfe sind demnach 311 Millionen Tonnen an Treibhausgasemissionen entstanden. Das entspricht etwa der Menge, die in Österreich in den vergangenen vier Jahren freigesetzt wurde. Während Emissionen (wie in anderen Staaten) wegen der Bemühungen um Klimaneutralität Jahr für Jahr sinken, nehmen die mit dem Krieg zusammenhängenden ungebremst zu – allein seit Februar 2025 um fast ein Drittel.
Der größte Faktor ist nach den Berechnungen der Initiative dabei die Kriegsführung selbst (37 Prozent). Kampfflugzeuge und Panzer benötigen große Mengen an fossilen Treibstoffen, bei deren Verbrennung das Treibhausgas Kohlendioxid (CO2) entsteht. Zudem wird durch den Einsatz von Drohnen immer mehr militärische Infrastruktur gezielt zerstört und muss wieder instand gesetzt werden. Das gilt auch für zivile Wohngebäude und Industrieanlagen. Ihr Wiederaufbau ist mit 23 Prozent der kriegsbedingten Treibhausgasemissionen der zweite große Posten, vor allem weil dafür große Mengen Beton und Stahl benötigt werden. Die Herstellung beider Materialien setzt ebenfalls eine große Menge an CO2 frei.
Zerstörte Energie-Infrastruktur fällt zusätzlich ins Gewicht, da dabei auch Schwefelhexafluorid und Methan entweichen. Beide sind sehr viel stärker wirksame Treibhausgase als CO2. Ferner nennen die Wissenschaftler die bereits erwähnte Zerstörung von Wäldern (23 Prozent). Denn Bäume benötigen für ihr Wachstum CO2 aus der Atmosphäre und wirken dadurch der Erderwärmung entgegen.
Zivile Flugzeuge auf Umwegen
Einfluss auf das Klima hat auch, dass zivile Flugzeuge wegen des Krieges teils große Umwege in Kauf nehmen müssen. Nicht nur, weil der ukrainische Luftraum komplett gesperrt ist, sondern für russische Maschinen auch der in der EU. Flüge von Europa nach Fernost können derzeit nicht über Sibirien verkehren. Von London nach Tokio wird derzeit über Grönland und Kanada geflogen. Gegenüber der Sibirien-Route bedeutet das drei Stunden mehr Flugzeit – und entsprechend höhere Emissionen.
All das verblasst selbstverständlich vor dem großen menschlichen Leid, das der Krieg in der Ukraine mit sich bringt: Hunderttausende Tote, zerstörte und traumatisierte Familien, Verlust von Wohnraum und Heimat. Zu ihr gehört nicht zuletzt die vielfach noch wilde und ursprüngliche Natur, in der Erholung möglich wäre. Doch auch sie ist immer stärker gefährdet.
