Erst kappte Starlink die Verbindung, dann kam die ukrainische Gegenoffensive: Während Moskau die Bedeutung der Satelliten herunterspielt, geben Hacker Einblick, wie sie Russland eine Falle stellten.
Die russische Armee nutzte bis vor Kurzem intensiv das US-amerikanische Internet-System Starlink. Es funktioniert über Satelliten und gehört zum Unternehmen SpaceX. Eigentümer: der US-Milliardär Elon Musk.
Für Russland ist Starlink zwar längst blockiert, in der Ukraine aber bis vor Kurzem nicht. Russische Einheiten beschafften sich also die Terminals illegal und setzten sie auf dem besetzten Gebiet der Ukraine ein.
Russland: Starlink-Abschaltung habe “keinerlei Einfluss”
Nachdem die Terminals auch dort ausgesperrt wurden, sah sich das russische Militär zu einer Stellungnahme genötigt. Die Abschaltung der Starlink-Terminals hätten keinerlei Einfluss auf die Kommunikation, sagte der stellvertretende Verteidigungsminister Aleksej Kriworutschko im russischen Fernsehen. Die Kommunikation sei über geschützte Kanäle gewährleistet.
Beobachter halten das für eine Schutzbehauptung. Viele russische Einheiten hätten sich auf Starlink verlassen, sagen Militärexpertinnen und -experten. Das belegen die Reaktionen russischer Militär-Blogger, mit direkten Kontakten in die Einheiten. Einige schrieben in ihren Kanälen von ernsthaften Problemen.
Ukraine nutzt Ausfall für Rückeroberungen
Unabhängige Analysten meinen: Die russischen Probleme mit Starlink hätten der ukrainischen Armee geholfen, einige erfolgreiche Gegenstöße durchzuführen, so im Gebiet Saporischschja. Davon geht etwa die US-Denkfabrik “Institute for the Studies of War” aus. Der ukrainische Präsident Selenskyj sprach von 300 Quadratkilometern, die die Ukraine zurückerobert habe.
Wer ist das ISW?
Das Institute for the Study of War (ISW) ist nach eigenen Angaben eine unabhängige und überparteiliche Denkfabrik in Washington D.C., die zu Sicherheitspolitik und militärischen Krisen forscht und dazu regelmäßig Aufsätze und Analysen veröffentlicht. Die Schwerpunkte liegen derzeit auf der Ukraine und Russland, auf dem Nahen Osten sowie auf China und seinen Nachbarn. Im Krieg gegen die Ukraine etwa verfolgt das ISW den Frontverlauf in regelmäßigen Updates.
Das Institut ist gemeinnützig und erhält nach eigenen Angaben keine finanzielle Unterstützung der US- oder einer anderen Regierung, sondern finanziert sich vor allem durch Spenden von Unternehmen. Es gibt enge Verbindungen zu Vertretern des US-Militärs; so sitzt etwa der Ex-General David Petraeus im Vorstand.
Ukrainische Einheiten können ihre Starlink-Terminals trotz der Blockade weiterhin nutzen. Das ukrainische Verteidigungsministerium setzt sie auf eine sogenannte Whitelist – und SpaceX schaltet sie einzeln frei.
Eine Falle für das russische Militär
Das wiederum haben ukrainische Hacker zu einem außergewöhnlichen Manöver genutzt. Sie hätten den russischen Einheiten angeboten, ihre Terminals wieder zu aktivieren – eine Falle, wie einer der Hacker anonym berichtet. Demnach nahmen sie über den Nachrichtendienst Telegram Kontakt auf, teils persönlich, teils automatisiert mit Bots. “Dabei haben wir alle möglichen Informationen von ihnen abgefragt, unter anderem ihren Aufenthaltsort. Manche haben nachgefragt, ob das auch wirklich kein Betrug ist”, so schilderte er das Vorgehen.
Der Hacker gehört der ukrainischen Gruppe “256. Cyber-Sturmdivision” an, eine Privatinitiative. Sie hatte sich 2014 gegründet, als Russland die Halbinsel Krim annektierte. Die Aktion dauerte etwas mehr als eine Woche. Dann hatten die Hacker die genauen Geodaten von fast 1.500 russischen Einheiten. Diese hätten sie der ukrainischen Armee übergeben – für Angriffe auf die Besatzer.
Die Falle funktioniert besser als erwartet
Mit so vielen Informationen hatten die Hacker selbst nicht gerechnet. Einer von ihnen beschrieb auch einen psychologischen Effekt: “Funksprüche von russischen Soldaten zeigen: Sie haben jetzt panische Angst davor, auch nur zu versuchen, ihre Starlink-Terminals weiter zu nutzen.”
Russische Einheiten hätten versucht, Verräter in den ukrainischen Reihen zu finden, die Terminals für sie registrieren. Doch nun müssten sie dabei damit rechnen, in eine Falle zu geraten. Nebenbei ließen sich die ukrainischen Hacker ihre vermeintlichen Dienste mit rund 6.000 US-Dollar in Kryptowährung bezahlen, die sie der ukrainischen Armee spendeten.
Analysten gehen davon aus, dass die russische Armee Wege finden wird, ohne Starlink zu kommunizieren. Doch so abhörsicher und so stabil wie mit Starlink bisher dürfte ihre Kommunikation auf absehbare Zeit nicht mehr werden.

