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Der US-Unternehmer Matt Shumer hat die Angst vor Massenentlassungen wegen KI neu befeuert: Kein Bürojob sei in ein bis zwei Jahren mehr sicher. Alarmismus oder berechtigte Warnung?
“Something Big Is Happening”: Mit diesem Post auf X hat der US-KI-Unternehmer Matt Shumer kürzlich Alarm geschlagen. Sein Beitrag ging viral, wurde bislang mehr als 80 Millionen Mal aufgerufen. Kein Wunder, denn seine Botschaft ist alarmierend: Der große KI-Schock auf dem Arbeitsmarkt steht demnach unmittelbar bevor. Wer jetzt nicht handelt, wird abgehängt.
Welche Jobs Shumer für bedroht hält
Die Auswirkungen von KI werden “viel größer” sein als die von Covid, ist Shumer überzeugt. In ein bis fünf Jahren – “wahrscheinlich weniger” – sei kein heutiger Computerarbeitsplatz mehr sicher. Betroffene Branchen seien etwa Software-Entwicklung, Recht, Finanzen, Medizin, Buchhaltung, Beratung, Content-Erstellung (PR, journalistische Beiträge) und Kundenservice.
“Wenn Ihr Job auf einem Bildschirm passiert (wenn es im Kern um Lesen, Schreiben, Analysieren, Entscheiden und Kommunizieren über eine Tastatur geht) dann wird ein Großteil davon von KI übernommen werden. Nicht irgendwann, es hat schon begonnen”, schreibt Shumer.
Mit diesem Post auf X ging Matt Shumer viral.
KI als Output-Beschleuniger bei der Arbeit
Doch ist Schumers 5.000-Zeichen-Essay wirklich eine nüchterne Analyse des technologischen Wandels und damit eine ernstzunehmende Warnung für alle Beschäftigten?
“Der Ton ist dramatisch – aber ich verstehe warum. Ich erlebe diese Veränderung selbst. Wir sind ein Zwei-Frauen-Unternehmen und mit KI schaffen wir in vielen Bereichen denselben Output, wo früher ein Team von 20 Mitarbeitern notwendig gewesen wäre”, erklärt Unternehmensberaterin und KI-Expertin Claudia Hilker im Gespräch mit der ARD-Finanzredaktion.
Claude-Macher sieht Einsteiger-Bürojobs in Gefahr
Bereits im Frühling 2025 prognostizierte Dario Amodei, dass KI bis 2030 rund 50 Prozent aller Einstiegs-Bürojobs überflüssig machen werde. Amodei ist Chef des KI-Unternehmens Anthropic – den Machern von Claude, einem der Hauptkonkurrenten von ChatGPT.
Shumers Warnung vor Massenentlassungen wegen KI ist also nicht neu – und doch hat sie heftige Kritik hervorgerufen. Fortune-Experte Jeremy Kahn wirft Shumer “Panikmache” vor. Und auch KI-Forscher Gary Marcus kommt zu dem Schluss: “Ich denke, man sollte von den Fakten ausgehen, anstatt einfach nur Panik zu verbreiten.”
Kritik an Shumer: Panikmache und falsche Annahmen
Im Feuer der Kritik stehen dabei vor allem die Annahmen, auf denen Shumers Argumentation fußt. So geht Shumer davon aus, dass die neuesten KI-Modelle – namentlich GPT-5.3 Codex von OpenAI und Opus 4.6 von Anthropic – zu echtem “reasoning” fähig seien. Sie imitieren also menschliches logisches Denken – anstatt nur die wahrscheinlichste Antwort auf Basis ihrer Trainingsdaten zu “erraten”. Dabei machen sie laut Shumer “keine Fehler mehr”.
Doch diese Annahme steht auf einem wackligen Fundament. Denn Shumer hat bei der Auswahl der Studien, auf die er sich bezieht, Rosinenpickerei par excellence betrieben. So erwähnt er nicht die aktuelle Studie der Caltech/Stanford, wonach sogenannte Large Language Models (LLMs) weiterhin Fehlschlüsse ziehen und grundlegende Schwächen in logischer Kohärenz haben.
Auch Apple warnt vor Denkfehlern bei KI-Modellen
Zuvor hatte bereits das Apple-Paper The Illusion of Thinking gezeigt, dass “Reasoning”-Modelle bei hoher Komplexität komplett kollabieren und zahlreiche Denkfehler machen. Und eine Studie von Black Duck, einem Softwareunternehmen aus den USA, weist auf massive Sicherheitsrisiken hin. Dabei liegt das Risiko von KI-generierten Codes nicht in offensichtlichen Fehlern, sondern in der “Illusion von Korrektheit”.
Indem er diese Studien bei seiner Argumentation außen vor lässt, unterschätzt Shumer die Grenzen heutiger Modelle: Diese machen weiterhin Fehler, halluzinieren und sind nur bedingt verlässlich.
Routinetätigkeiten betroffen – nicht ganze Branchen
Shumers Schlussfolgerung, dass ganze Jobs kurzfristig verschwinden werden, ist daher so nicht haltbar: Viele Experten sind überzeugt, dass KI vielmehr Teiltätigkeiten stark automatisieren kann.
“Besonders betroffen sind wissensintensive, digitale und standardisierte Tätigkeiten. Aber wegfallen werden nicht ganze Branchen, sondern vor allem Routinetätigkeiten”, betont KI-Expertin Hilker. Strategie, Führung, Entscheidungsverantwortung und kreative Konzeption würden wichtiger. “KI kann analysieren, aber sie trägt keine Verantwortung. KI baut kein Vertrauen auf, sie übernimmt keine Haftung.”
Effizienzrevolution statt Massenarbeitslosigkeit
Dabei ist Shumers 5.000-Zeichen-Post nicht nur eine Warnung – er liest sich stellenweise auch wie ein Werbetext, fordert er die Leser doch direkt auf, die neuesten kostenpflichtigen KI-Tools zu abonnieren – sonst würden sie auf dem Arbeitsmarkt abgehängt.
KI-Expertin Hilker sieht das differenzierter: “Wir stehen nicht vor Massenarbeitslosigkeit. Wir stehen vor einer radikalen Effizienzrevolution. Die Frage ist nicht: Wird KI meinen Job übernehmen? Sondern: Nutze ich KI bereits so professionell, dass ich meiner Branche einen Schritt voraus bin?”
Ihr Fazit: KI ersetzt keine Menschen. Aber Menschen mit KI-Kompetenz ersetzen Menschen ohne KI-Kompetenz.

