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Die Gasspeicher in Deutschland sind deutlich leerer als noch in den Vorjahren. In den sozialen Netzwerken wird behauptet, der Notstand stehe kurz bevor. Doch das ist aus Sicht von Experten sehr unwahrscheinlich.
“Ab Freitag Gasnotstand”, schreibt ein reichweitenstarker Kanal auf der Plattform X. Dazu eine Grafik mit dem prognostizierten Gasspeicherfüllstand in Deutschland für die kommenden 14 Tage. Ein anderer Nutzer schreibt mit Verweis auf dieselbe Grafik: “Am Samstag wird wahrscheinlich der Gasnotstand ausgerufen!” Und auch Sahra Wagenknecht schreibt auf X, dass die Füllstände der Gasspeicher immer weiter sinken würden und die Lage “extrem besorgniserregend” sei. Doch dem widersprechen sowohl offizielle Stellen als auch Experten.
Gasspeicher deutlich leerer als in den Vorjahren
Es stimmt zwar, dass die Gasspeicher in diesem Jahr deutlich weniger gefüllt sind im Vergleich zu den Vorjahren. So sind die Speicher nach Angaben der Bundesnetzagentur noch zu 21,64 Prozent gefüllt (Stand 18. Februar). Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr war der Speicher zu dem Zeitpunkt noch zu 39,34 Prozent gefüllt. Das Minimum für den 18. Februar in den vergangenen Jahren lag bei 31,99 Prozent. Somit war der Stand zu diesem Zeitpunkt in den letzten Jahren niemals so niedrig wie aktuell.
Allerdings ist das aus Sicht von Experten kein Grund zur Beunruhigung, auch, falls es weiter kalt bleiben sollte: “Nach derzeitigem Stand reichen die Kapazitäten noch für zwei bis drei Monate, wenn man den Dezember als Referenz heranzieht”, sagt Jochen Linßen, Leiter der Abteilung Integrierte Infrastruktur am Institute of Climate and Energy Systems am Forschungszentrum Jülich (FZJ).
Das gelte, solange sich die Importsituation und sonstige Nachfragen nicht ändern. Die Nachfrage sei derzeit verhältnismäßig gering und liege unter dem langfristigen Mittel. Wenn sich diese Faktoren jedoch ändern würden, spiele das eine große Rolle, so Linßen. Denn die Erdgasnachfrage in Deutschland werde derzeit nur ungefähr zu einem Viertel aus den Speichern gespeist, der Rest aus Importen und heimischer Förderung. Der reine Fokus auf den Gasspeicherfüllstand sei daher falsch.
Auch Franziska Holz, stellvertretende Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), betont, dass neben den Gasspeichern auch noch kurzfristige Gasimporte beispielsweise aus den USA möglich seien. Derzeit gebe es keine Knappheit, was sich auch in den Weltmarktpreisen widerspiegele. So liegen die Preise derzeit deutlich unter den Werten des Jahres 2022, als Russland die Exporte drosselte.
Trotz des niedrigen Standes wurde die Zielvorgabe gemäß der Gasspeicherfüllstandsverordnung für den Gasspeicherfüllstand zum 1. Februar knapp eingehalten. Demnach müssen zu diesem Zeitpunkt noch mindestens 30 Prozent aller Speicheranlagen gefüllt sein, dieses Jahr lag der Wert bei 31,92 Prozent.
Neue Abhängigkeit von US-Importen?
Wagenknecht schreibt in ihrem Post auf X mit Blick auf die Gasimporte aus den USA, dass Deutschland sich “immer weiter in die Abhängigkeit von überteuertem US-Frackinggas” treiben lasse. Diese Gefahr einer Abhängigkeit, wie sie damals mit Russland bestand, sieht Holz als nicht so groß an.
Zwar stimme es, dass andere Erdgasexporteure vor allem langfristige Verträge hätten und es daher nicht möglich sei, ähnliche Mengen wie von den USA kurzfristig zu erhalten. “Allerdings haben wir mit den USA eine ganz andere Konstellation als mit Russland.” Denn anders als in Russland handele es sich nicht um einen staatlichen Akteur, von dem man das Erdgas beziehe, sondern von mehreren privatwirtschaftlichen Unternehmen. Daher gebe es keine so starke politische Abhängigkeit der Unternehmen wie es beim russischen Gazprom der Fall gewesen sei.
Offizielle Stellen geben ebenfalls Entwarnung
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche betonte bereits mehrmals, dass die Versorgungslage gesichert ist. Auch die Bundesnetzagentur schreibt, dass die Gasversorgung in Deutschland stabil und die Versorgungssicherheit gewährleistet ist. “Die Bundesnetzagentur schätzt die Gefahr einer angespannten Gasversorgung im Augenblick als gering ein. Die Bundesnetzagentur beobachtet und bewertet die Lage fortlaufend. Ein sparsamer Umgang mit Gas bleibt angesichts des weiterhin erhöhten Preisniveaus für Haushaltskunden sinnvoll.”
Die Bundesnetzagentur weist ebenfalls daraufhin, dass die Gasspeicher nicht der einzige Faktor mit Blick auf die Gasversorgung sind. “Die deutschen Gasspeicher sind ein wichtiger Versorgungsbaustein, aber keineswegs allein relevant. Deutschland verfügt über ausreichende Import- und Speichermöglichkeiten. Aktuell ist auf dem Weltmarkt ausreichend Gas verfügbar und es sind ausreichend Importmöglichkeiten vorhanden. Diese Importmengen können auch im deutschen Netz transportiert werden.”
Und auch der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft sieht keinen Grund zur Sorge. “Aufgrund der kalten Witterungsverhältnisse sind die Gasspeicherfüllstände unter die Marken der vergangenen Jahre gefallen”, sagte Kerstin Andreae, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft. “Die Versorgung in diesem Winter ist dennoch grundsätzlich gesichert.” Gasmengen seien auf dem globalen Markt derzeit ausreichend verfügbar.
Gasspeicher können auch bei niedrigen Füllständen genutzt werden
Begründet wird die vermeintlich bevorstehende Gasnotlage in den sozialen Netzwerken oftmals mit der Behauptung, dass die Gasspeicher bei einem Füllstand von etwa 20 Prozent aus physikalischen Gründen nicht mehr ausreichend ausgespeist werden könnten. Doch das ist irreführend.
Zwar stimmt es, dass die Gasspeicher ab einem gewissen Füllstand nicht mehr genutzt werden können, sagt Linßen. Allerdings werde das in den offiziellen Angaben bereits berücksichtigt. “Das, was als Gaskapazität angegeben wird, ist genau das, was man nutzen kann.” Bei den Zahlen handelt es sich um die sogenannten Arbeitsspeicherkapazitäten – also die Kapazitäten, die auch tatsächlich genutzt werden können. Somit ist die Behauptung falsch, dass sich die Gasspeicher bereits nah an einem kritischen Punkt befinden würden. Allerdings dauert es laut Linßen länger, bestimmte Energiemengen bereitzustellen, je leerer ein Speicher ist.
Laut Linßen dürfte das Thema zudem bei der Wiederauffüllung der Gasspeicher eine Rolle spielen. Denn bei sogenannten Porenspeichern dauere die Wiederauffüllung bei niedrigem Füllstand relativ lange. Porenspeicher sind natürliche Lagerstätten in unterirdischen geologischen Formationen wie porösem Gestein. Die meisten Gasspeicher in Deutschland sind keine Porenspeicher, in einigen Regionen, wie beispielsweise in Bayern, ist das jedoch anders.
Notfallplan ist nicht in Kraft getreten
Zudem wird im Netz teilweise behauptet, der Notfallplan sei bereits in Kraft getreten. Auch das ist falsch. Insgesamt gibt es drei Krisenstufen mit Blick auf die Gasversorgung, die das Bundeswirtschaftsministerium beziehungsweise die Bundesregierung ausrufen können: die Frühwarnstufe, die Alarmstufe und die Notfallstufe. Die einzelnen Stufen sind im sogenannten Notfallplan Erdgas für die Bundesrepublik Deutschland beschrieben.
Die Frühwarnstufe gilt aktuell und das bereits seit dem 1. Juli 2025. Sie bedeutet, dass konkrete, ernst zu nehmende und zuverlässige Hinweise darauf vorliegen, dass ein Ereignis eintreten kann, das “wahrscheinlich zu einer erheblichen Verschlechterung der Versorgungslage mit Erdgas sowie wahrscheinlich zur Auslösung der Alarm- bzw. der Notfallstufe führt”. Die Frühwarnstufe hat für Verbraucher keine Konsequenzen und auch die Versorgungssicherheit gilt weiter als gewährleistet. Ein Krisenstab beobachtet die aktuelle Situation im Gasnetz engmaschig.
Alarmstufe galt bis Ende Juni vergangenen Jahres
Auf die Frühwarnstufe folgt die Alarmstufe. Sie wurde zuletzt am 14. Juni 2022 aufgrund der Reduzierung der Gaslieferungen aus Russland vom Wirtschaftsministerium ausgerufen und wurde Ende Juni vergangenen Jahres wieder aufgehoben. Eine feste Vorgabe, wann die Alarmstufe ausgerufen wird – zum Beispiel mit Blick auf die Füllung der Gasspeicher – gibt es nicht. Auch hat sie nicht zur Folge, dass der Staat eingreift.
In dem Notfallplan heißt es dazu: “Es liegt eine Störung der Erdgasversorgung oder eine außergewöhnlich hohe Nachfrage nach Erdgas vor, die zu einer erheblichen Verschlechterung der Versorgungslage mit Erdgas führt. Der Markt ist aber noch in der Lage, diese Störung oder Nachfrage nach Erdgas eigenständig zu bewältigen, ohne dass nicht-marktbasierte Maßnahmen ergriffen werden müssen.”
Die höchste Krisenstufe ist die Notfallstufe. Sie kann durch die Bundesregierung verordnet werden, wenn einschlägige marktbasierte Maßnahmen bereits umgesetzt wurden, aber die Gasversorgung weiterhin nicht ausreicht, um die verbleibende Gasnachfrage zu decken. Erst bei dieser Stufe kann es daher zu staatlichen Maßnahmen kommen.

