Menschen gedenken der neun Todesopfer des Anschlags von Hanau

Menschen gedenken der neun Todesopfer des Anschlags von Hanau

Zwei Personen stehen an einem Grabstein, der mit Blumen geschmückt ist. Auf dem Stein steht in deutscher und arabischer Schrift: "Von Allah kommen wir und zu Ihm kehren wir zurück". Darunter ist ein Foto eines lächelnden Mannes mit der Aufschrift "ŞEHIT SEDAT GÜRBÜZ". Es sind Daten und weiterer Text auf Türkisch vorhanden. Der Boden ist teils mit Schnee bedeckt.

Stand: 19.02.2026 08:29 Uhr

Sechs Jahre nach dem rassistischen Anschlag von Hanau erinnern die Menschen an die neun Todesopfer. Anders als in den Jahren zuvor gibt es diesmal keine zentrale Gedenkveranstaltung – das Erinnern ist leiser, doch der Schmerz bleibt.

Alles, was ihnen vom 19. Februar 2020 geblieben ist, sind eine Handvoll Dinge. Emiş und Selahattin Gürbüz aus Dietzenbach (Offenbach) halten sie immer wieder in den Händen, schauen sie an und dann kommen ihnen die Tränen: ein weißes Smartphone, Schlüssel, Ausweis, ein weißes Plastikfeuerzeug – und eine Sterbeurkunde.

Verpackt wurde alles in eine Klarsichthülle. Darauf ist handschriftlich in roter Farbe geschrieben: “03 Sedat Gürbüz.” Der Sohn Sedat des Ehepaares ist das dritte der neun Opfer des Anschlags, bei dem ein Rassist gezielt auf Menschen schoss.

Mutter: Die Sehnsucht bleibt

Sechs Jahre nach der Tat ist der Schmerz über ihren Verlust nicht weniger geworden, sagen die Eltern. Eher mehr. “Diese Sehnsucht…”, beschreibt es Mutter Emiş. “Wenn du jemanden vermisst, rufst du an. Wenn du die Stimme hörst, geht es dir gut. Aber wir können nicht anrufen, können die Stimme nicht hören.”

Die Jacke im Schrank, das Handtuch im Bad

Sedats Eltern ließen in ihrer Wohnung alles so, wie er es vor sechs Jahren zurückließ: Die Kleidung liegt im Schrank in seinem Zimmer, das er sich mit seinem Bruder Sezer teilte. Ein Handtuch, auf dem Sedats Name aufgestickt ist, hängt im Bad, seine Jacke über der Lehne eines Stuhls am Esstisch.

Fotos an den Wänden zeigen Sedat im Fußballstadion, bei Familienfeiern oder bei der Arbeit in seiner Bar “Midnight” in der Hanauer Innenstadt, in der er erschossen wurde. “Sedat war ein wunderbarer Mensch”, beschreibt ihn seine Mutter mit einem Strahlen im Gesicht. Er habe ein großes Herz gehabt, habe anderen immer helfen wollen. “Wenn der Attentäter Sedat gekannt hätte”, ist sie sich sicher, “er hätte ihn niemals ermorden können.”

Untersuchungsausschuss deckte Versäumnisse auf

Sedat Gürbüz wurde auf dem Dietzenbacher Friedhof beerdigt. Vater Selahattin Gürbüz war jahrzehntelang Gebäudereiniger, hat auch heute immer einen Putzlappen dabei, mit dem er Sedats Foto oder den Grabstein sauber wischt. Jeden Tag seien sie auf dem Friedhof, sagt er, das koste viel Kraft.

Kraft investierte Familie Gürbüz, genau wie Hinterbliebene der anderen Opfer, auch in den Kampf um Aufklärung, Gerechtigkeit und Konsequenzen. Ein Untersuchungsausschuss im hessischen Landtag hat gezeigt, dass es rund um den Anschlag Versäumnisse und Pannen gegeben hat. Konsequenzen gab es deshalb aber keine. Darum sind viele Hinterbliebene des Anschlags bis heute sauer und enttäuscht. Die Eltern des Opfers Hamza Kurtović sind bereits bis vor das Verfassungsgericht in Karlsruhe gezogen.

Wutrede mit falschen Vorwürfen

Bei der zentralen Gedenkveranstaltung mit Bundespräsident Steinmeier im vergangenen Jahr hatte Emiş Gürbüz ihrem Ärger deutlich Luft gemacht: In ihrer Rede erhob sie gegenüber der Stadt Hanau – teilweise falsche – Vorwürfe. Es folgte ein kommunalpolitischer Eklat und Diskussionen über die Art des Gedenkens. “Da habe ich ein großes Maul gehabt”, sagt Gürbüz rückblickend. Ihre Rede aber bereue sie nicht.

Kein zentrales Gedenken im Jahr sechs nach dem Anschlag

In diesem Jahr gibt es zum ersten Mal keine zentrale Gedenkveranstaltung. Die Rede von Emiş Gürbüz aus dem vergangenen Jahr habe für die Entscheidung über die Form des Gedenkens aber keine Rolle gespielt, stellt Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky klar. Schon vorher sei das mit den Hinterbliebenen so besprochen worden. “Insofern gibt es diesen Zusammenhang nicht, auch wenn der im Nachhinein so ein bisschen konstruiert wurde.” Die nächste große Gedenkveranstaltung werde es erst wieder am zehnten Jahrestag geben.

Gedenken an den Tatorten und auf den Friedhöfen

In diesem Jahr ist also ein stilles Gedenken geplant. Vertreter der Stadt- und Landespolitik wollen Blumen und Kränze an den Tatorten niederlegen. Hinterbliebene gedenken der Toten im kleineren Kreis auf den Friedhöfen.

Auch bei Emiş Gürbüz ist der Schmerz noch groß. Den könne ihr auch niemand nehmen – auch sechs Jahre nach dem Anschlag nicht. “Irgendwann bekommt mein Herz bestimmt eine Narbe”, sagt sie, “aber jetzt noch nicht! Mein Herz blutet immer noch.”

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