Marokko nach Überschwemmung: Das Wasser geht, die Schäden bleiben

Marokko nach Überschwemmung: Das Wasser geht, die Schäden bleiben

Blick in einen mit Schlamm bedeckten Hinterhof im Dorf Sfari (Marokko).

Stand: 18.02.2026 17:48 Uhr

Langsam fließt das Wasser aus den Überschwemmungsgebieten im Nordwesten Marokkos ab. Erste Bewohner können zurück in ihre Häuser. Dort erwarten sie Schlamm und Schäden.

Stefan Ehlert

Das Zeltcamp in der Nähe von Kenitra, rund 60 Kilometer nördlich der Hauptstadt Rabat, ist in Auflösung begriffen. Militär-Lkw stehen in einer Schlange zur Abfahrt aufgereiht, die Ladeflächen voller Menschen. Doch längst nicht alle Bewohner dieser Auffangstation mit Hunderten von Zelten können schon nach Hause.

Der Putenzüchter Sghrir Moukhtar sagt, er wisse auch gar nicht, wo er dort mit Frau und drei Kindern wohnen soll: “Mein Haus aus Lehm und Holz wurde zerstört, ich bräuchte dort ein Zelt.” Nur noch zwei seiner 30 Puten seien ihm geblieben, sagt Moukhtar. Die anderen seien ertrunken. Nun schlägt er sich als Straßenhändler durch, verkauft einzelne Zigaretten oder Kopfhörer für Handys.

Er hofft, dass er sich durch die vom Staat in Aussicht gestellte Entschädigung etwas Neues aufbauen kann. An den bevorstehenden Fastenmonat Ramadan mag er gar nicht denken. Wie und wo soll seine Familie am Abend feierlich das Fasten brechen?

Blick auf eine Zeltstadt bei Kenitra.

Kein Futter für Nutztiere

Auch bei der Bäuerin Mbarka Boukhris wird der Ramadan anders schmecken als sonst. Denn noch bleibe der Strom abgeschaltet. Ohne Strom könne sie aber das Fleisch und die Milch nicht kühlen. Vor zwei Tagen durfte die Witwe mit ihren vier Kindern nach zwei Wochen im Zelt in ihr Dorf Sfari zurückkehren.

Wie alle anderen ist auch sie mit Putzen und Waschen beschäftigt. Kniehoch habe das Wasser in ihrer Küche gestanden, deutet sie an. Tiere besitze sie selbst nicht, aber die Schafe ihres Cousins seien vom Wasser mitgerissen worden.

Ihre Nachbarin Latifah teilt sich mit Mann und vier Kindern ein Zimmer. Ihre gesamte Ernte auf den Feldern sei vernichtet – vor allem die Luzerne, das Futter für ihre zwölf Schafe: “Wir bräuchten Hilfe, um unsere Tiere füttern zu können”, sagt sie.

Staat kündigt Entschädigungen für Bauern an

Hunderttausende Menschen im Nordwesten Marokkos haben sich vor den Wassermassen Ende Januar und Anfang Februar in Sicherheit bringen müssen. Allein in der Provinz Kenitra waren es mehr als 45.000 Menschen – eine riesige logistische Herausforderung für die Behörden, doch zum Glück sei niemand ums Leben gekommen, sagt der Wirtschaftsrat der Provinz Kenitra, Adil El-Khoutabi. Das Extremwetter habe erneut deutlich gemacht, dass sich Marokko auf die Folgen des Klimawandels noch besser vorbereiten müsse.

Für die Schäden der Bauern werde es nach Prüfung jedes Einzelfalls eine Entschädigung durch den Staat geben. Die meisten Bauern sind zudem gegen Ernteausfälle versichert. Außerdem planen der Agrarminister und die lokalen Behörden eine landwirtschaftliche Kampagne, um – je nach Wasserstand – neue Pflanzen auszubringen.

Nach Dürre vorerst kein Mangel an Wasser

Doch noch ähnelt die Landschaft nördlich von Kenitra in weiten Teilen einem Ozean. Eine schmale Straße führt wie eine Brücke durch Fluten und Nebel zu dem besonders gefährdeten Dorf Oulad Chkour am Ufer des Flusses Sebou. Das Wasser kam von allen Seiten und bedrohte die 5.000 Bewohnerinnen und Bewohner. Sie alle mussten das Dorf verlassen. Erst jetzt, nach zwei Wochen, durften sie wieder heimkehren.

Ein ambulanter Krämer mit seinem Moped ist schon vor Ort, mit einem großen Eimer Seife auf der Ladefläche. Er verkaufe vor allem Putzmittel, sagt er. Doch besonders nervt die Bewohner, dass noch immer das Wasser aus den Leitungen abgestellt ist.

Der 40-jährige Tarek Hajjaj hat einen Brunnen, sein Wasser teilt er mit den Nachbarn. Der Mangel an Wasser, die Dürre – das sei viele Jahre lang das größte Problem der Landwirte gewesen: “Das ist jetzt anders. Ich glaube, in den nächsten fünf Jahren werden wir kein Problem mit der Bewässerung unserer Felder haben”, sagt Hajjaj.

Marokkos Staudämme sind nach den jüngsten Unwettern im Schnitt zu zwei Dritteln gefüllt – nach den heftigen Regenfällen des zurückliegenden Winters müssen sich die Bauern zumindest für einige Zeit keine Sorgen ums Wasser machen.

Comments

No comments yet. Why don’t you start the discussion?

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *