Berlinale: Das Rennen um die Bären ist noch offen

Berlinale: Das Rennen um die Bären ist noch offen

 Sandra Hüller auf dem Roten Teppich am Berlinale Palast.

Stand: 18.02.2026 16:09 Uhr

Die Berlinale 2026 gilt als starker Jahrgang. 22 Filme laufen im Wettbewerb, gleich drei deutsche sind dabei. Wie schlägt sich der deutsche Film, und wie geht es der Branche angesichts schwieriger Produktionsbedingungen?

Anke Hahn (RBB)

Eine erste Favoritin der Berlinale 2026 steht schon fest: Sandra Hüller. Mal wieder. Wie sie die Hauptfigur des Filmes “Rose” spielt, ist nach Meinung vieler Kritiker eindrucksvoll und einen Silbernen Bären als beste Hauptdarstellerin wert. Auch der Film insgesamt wird von Kritik und Publikum hochgelobt. Die Geschichte einer Frau, die sich in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges als Mann ausgibt, um ein Stück Land besitzen und bearbeiten zu können, wurde kunstvoll umgesetzt. Schwarz-weiß, ruhig, stimmig. “Rose” geht für Österreich ins Rennen um die Bären, ist aber eine deutsche Koproduktion.

Von den drei deutschen Wettbewerbsbeiträgen sind zur Mitte der Berlinale erst zwei gelaufen: “Meine Frau weint” von Angela Schanelec und “Gelbe Briefe” des Berliners İlker Çatak. Der sorgte gleich für viel Aufmerksamkeit, denn seit der Regisseur mit seinem Film “Das Lehrerzimmer” für den Oscar nominiert war, gehört Çatak zu den Großen des deutschen Kinos. Die Reaktionen auf den Film sind bislang verschieden, Lob und Kritik halten sich die Waage.

Ankara ist Berlin, Istanbul ist Hamburg

In “Gelbe Briefe” spielen türkische Schauspieler auf Türkisch eine Geschichte, die in der Türkei angesiedelt ist. Gedreht aber wurde in Deutschland. Schon im Vorspann wird darauf verwiesen: Ankara ist Berlin, Istanbul ist Hamburg. Die Botschaft des Films über ein Künstlerpaar, das unter politischer Zensur und darauffolgender wirtschaftlicher Not seine Beziehung retten muss, soll über das Beispiel Türkei hinausgehen: In autokratischen politischen Systemen, wenn freie Meinungsäußerung und andere Grundrechte unterdrückt werden, müssen sich die Menschen positionieren. Was gerade in der Türkei passiert, kann überall geschehen.

Dass in Deutschland produziert wurde, hat aber noch andere Gründe. Zum einen ist es kaum vorstellbar, dass ein solch türkeikritischer Film im Land selbst gedreht werden kann. Zum anderen stammt ein Großteil der Filmfinanzierung von deutschen Geldgebern, da wird dann auch erwartet, dass das Geld vorrangig in Deutschland investiert wird.

Mehr Geld für das deutsche Kino

Denn der Filmwirtschaft hierzulande ging es in den vergangenen Jahren nicht gut. Große internationale Streamingdienste dominierten zunehmend den Markt, sie verdienten hier Geld, investierten bisher aber kaum. Nun hat die Bundesregierung pünktlich zur Berlinale ein neues Gesetz verabschiedet: Streamingdienste müssen in Deutschland investieren, wenn sie hier veröffentlichen wollen. Es soll in Deutschland produziert, Dienstleistungen in Anspruch genommen werden.

Für die Macher von Kinofilmen aber ist der zweite Teil des Gesetzes noch wichtiger. Der Bund will Filmproduktionen mit jährlich 250 Millionen Euro fördern. Das ist deutlich mehr als in den vergangenen Jahren. Allerdings knüpft der verantwortliche Kulturstaatsminister Wolfram Weimer diesen Geldsegen auch an die Erwartung, die Filme sollten doch bitte wirtschaftlich erfolgreich sein. Er wolle “deutsche Blockbuster” in den Kinos sehen.

Internationale Koproduktionen sind die Regel

Für Filmemacher wie İlker Çatak ist das nicht unbedingt der richtige Anspruch. Aus eigener Erfahrung weiß er, dass solch eine Finanzierungserwartung problematisch ist. Denn erfolgreiche Filmemacher sind ohnehin weniger auf staatliche Gelder angewiesen, sie bekommen leichter private Finanzierungen. Er bringt es auf den Punkt: “Diese ganze ‘Lehrerzimmer’-Reise hat mir gezeigt, dass wir auch in den Künsten wie an der Börse sind, dass wir Aktien sind. Wenn wir heiß sind, wenn wir gefragt sind, dann wollen die Leute reinbuttern, und wenn nicht, dann ist es sehr schwer, Finanziers zu finden.”

Förderung hätten vor allem junge Filmemacherinnen und Filmemacher nötig und Produktionen, die nicht auf den ersten Blick wie Kassenschlager wirken, sagt er.

Komplizierte Filmfinanzierung

Katja Adomeit, die Produzentin des Berlinale-Eröffnungsfilms “No good Men” kann davon erzählen, wie langwierig und kompliziert das ist. Sie brauchte mehr als drei Jahre, um das Geld für den Film der afghanischen Regisseurin Shabanoo Sadat zu organisieren. Die Finanzierung lief über viele kleine Beträge. “Dann muss man auch in andere Länder gehen wie zum Beispiel Dänemark, Norwegen Frankreich,” sagt Katja Adomeit.

Es war am Ende “eine komplizierte Finanzierung mit fünf Ländern und 25 Finanzierungen.” Auch ihr Film wurde dann in Deutschland gedreht, obwohl er vollständig in Afghanistan spielt und nur afghanische Schauspieler beteiligt sind.

Das Filmemachen wird immer teurer

Die Internationalisierung der Filmfinanzierung ist seit Jahren eine Tatsache und der Trend nimmt zu, sagt Tanja Meissner, die Direktorin des European Filmmarket – kurz EFM. Der findet immer parallel zur Berlinale statt. Auf dem EFM kann beobachtet werden, wie Filmideen zu Filmen werden, wie Filme zum Publikum kommen. 12.000 Teilnehmer hatte er in diesem Jahr.

Tanja Meissner ist seit Jahren eine ausgewiesene Branchenkennerin. Sie sagt, das Filmemachen werde immer teurer, einzelne Finanziers könnten und wollten das hierzulande nicht leisten. In den USA sei die Finanzierung meist privat organisiert, wer ökonomischen Erfolg verspreche, bekomme das Geld. Auch in Europa sei es durchaus wichtig, welche Regisseure und welche Schauspieler dabei seien, aber auch andere hätten eine Chance.

“Wenn es um Koproduktion geht, bedeutet das doch sehr oft, dass es im europäischen Rahmen bleibt, weil wir in Europa Strukturen haben, die es ermöglichen, dass wir mit Geldern Filme finanzieren, die eben staatliche Gelder sind”, betont sie.

Staatliche Gelder ermöglichen Filmkunst

Öffentliche Filmförderung ermöglicht dann auch Werke, die nicht unbedingt auf den Massengeschmack abzielen, aber andere Qualitäten mitbringen. So wie bei Angela Schanelec, deren Film “Meine Frau weint” bereits ihr dritter im Berlinale-Wettbewerb ist. Sie hat schon zwei silberne Bären für Drehbuch und Regie.

Kritik und Fachleute schätzen ihre tiefe Charakteranalyse und Präzision bei der Beschreibung menschlicher Beziehungen. Und auch “Meine Frau weint” ist wieder ein Werk, das eher die Gefühle der Protagonisten auslotet, statt eine äußere Handlung voranzutreiben: Ein Paar verhandelt seine Ehe, an verschiedenen Orten, zu verschiedenen Zeiten.

Starkes deutsches Kino

Ob “Meine Frau weint” Bären-Chancen hat, ist noch nicht abzusehen, und auch der dritte deutsche Film, “Etwas ganz Besonderes” von Eva Trobisch, muss erst von Presse und Publikum begutachtet werden.

Berlinale-Intendantin Tricia Tuttle betont auf jeden Fall, sie sei beeindruckt von der Qualität der deutschen Filme in diesem Jahr – nicht nur im Wettbewerb. Es gebe viele interessante Blickwinkel in den Geschichten und spannende Talente, die Hoffnung auf die Zukunft des deutschen Kinos machten. Deshalb laufen in den verschiedenen Sektionen des Berlinale Programms insgesamt 56 vorrangig deutsche Filme und 70 mit deutscher Beteiligung wie beim Film “Rose”.

Sollte also – wie von einigen erwartet – Sandra Hüller einen Bären bekommen oder gar der ganze Film, dann wäre das auch ein Preis für das deutsche Kino. Aber noch läuft das Festival, und Überraschungen gibt es bei der Berlinale immer wieder.

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