Morgens operiert, abends zuhause: Durch Reformen im Gesundheitswesen soll die Zahl ambulanter Eingriffe steigen, auch bei größeren Operationen. Doch noch gibt es Fragen zur Sicherheit der Patienten
Was bei Augen-OPs oder bei Kniespiegelungen längst Alltag ist, wird inzwischen auch bei Leistenbruch-Operationen angeboten. Nun folgen Herzkatheteruntersuchungen und größere Operationen im Bauchraum, wie die Entfernung der Gallenblase.
Gut 200.000 Mal pro Jahr wird diese Gallen-OP in Deutschland gemacht. Bislang blieben die Patienten ein oder zwei Nächte im Krankenhaus. Das soll sich ändern. Der Umbau zu spezialisierten OP-Zentren verspricht Komfort und Effizienz – doch die Risken müssen auch unter Kostendruck sorgfältig abgewogen werden.
Das Alter spielt keine Rolle
Noch werden Menschen im St. Adolf-Stift im schleswig-holsteinischen Reinbek nach der Entfernung der Gallenblase ein bis zwei Tage stationär aufgenommen. Tim Strate, Chefarzt der Abteilung für Allgemein-, Viszeral- und Thoraxchirurgie und sein Team wollen sichergehen, dass es keine Komplikationen gibt – etwa Blutungen oder einen Verschluss der Gallenwege. “Das”, sagt Strate, “sind ganz fürchterliche Komplikationen, die man nicht erleben möchte.” Aber er sagt im Gesundheitsmagazin VISITE auch: Solche Komplikationen sind sehr selten. Bei Menschen, die keine schweren Nebenerkrankungen hätten, könne man eine Gallen-OP auch ambulant durchführen. Voraussetzung sei lediglich, dass jemand nach ihnen schaue. Dann könne man selbst 80- oder 90-Jährige ambulant operieren.
Gute Erfahrungen bei Leistenbruch-Operationen
Schon jetzt werden in Reinbek Menschen mit Leisten- oder Nabelbrüchen, bei denen sich Gewebe aus dem Bauchraum nach außen drückt, ambulant operiert. Minimalinvasiv, mittels Schlüssellochtechnologie. Über drei kleine Schnitte in der Bauchdecke werden die Instrumente eingeführt. Der Eingriff dauert meist nicht länger als 20 oder 30 Minuten. Dennoch waren solche laparoskopischen Operationen bis vor wenigen Jahren ambulant kaum vorstellbar, nun sind sie Routine. In Reinbek wird mittlerweile fast die Hälfte der Patienten nach einem solchen Eingriff nach wenigen Stunden wieder nach Hause geschickt.
Narkoseärztin Ulla Ritter entscheidet mit, ob das medizinisch vertretbar ist und sieht vor allem die positiven Aspekte: Klinik bedeute für viele Menschen auch Stress, es würde viel Kortisol ausgeschüttet, was ungünstig sei für den Heilungsprozess. “Ich glaube tatsächlich, dass die Leute zu Hause besser heilen.”
Neue OP-Verfahren und Narkosemethoden
Neben der schonenden Schlüssellochtechnologie sorgen auch moderne Narkoseanwendungen dafür, dass Operierte schneller wieder zurück nach Hause können: Sie bekommen nur eine leichte Vollnarkose, dafür zusätzlich eine örtliche Betäubung, für das operierte Körperteil.
Durch die Unterbrechung der Schmerzweiterleitung vor Ort braucht Anästhesistin Ulla Ritter weniger Narkosemittel, die Patienten erholen sich dadurch schneller. Gleichzeitig hält die Wirkung der örtlich verabreichten Schmerzmittel weit über den Zeitraum des Eingriffs an – die frisch Operierten haben zu Hause keine starken Schmerzen zu erwarten. “Man kann die Leute eher nach Hause schicken”, sagt die Narkoseärztin, “und man kann sie besser nach Hause schicken.”
Ambulant vor stationär soll Kosten sparen
Dass immer mehr stationäre Eingriffe ambulant gemacht werden, ist politisch gewollt. 2024 hatte die Gesetzliche Krankenversicherung ein Defizit von mehr als sechs Milliarden Euro, Zahlen für 2025 liegen noch nicht vor. Ein maßgeblicher Kostentreiber sind Krankenhausbehandlungen. Die Aufwendungen hierfür stiegen im Vergleich zum Vorjahr um 8,7 Prozent – ein Plus von rund 8,1 Milliarden Euro.
Eine “Ambulantisierung” von bislang stationär erbrachten Leistungen gilt Politik und Krankenkassen daher als wichtiges Instrument, um die drastisch steigenden Kosten in den Griff zu bekommen. Vorangetrieben wird diese Entwicklung durch sogenannte “Hybrid-Fallpauschalen”.
Egal, ob Operierte über Nacht im Krankenhaus bleiben oder nicht: Die Krankenkassen bezahlen das gleiche Geld. Die Kosten für die stationäre Übernachtung schmälern damit die Einnahmen der Klinik im Vergleich zur ambulanten Durchführung.
Mehr Eingriffe ohne stationären Aufenthalt
Seit Anfang 2026 gibt es einen neuen, erweiterten Katalog von 69 dieser “Hybrid-DRGs” (Diagnosis-Related Groups), also Fallpauschalen, die Kliniken oder niedergelassene Ärzte abrechnen können. Neu sind neben der Entfernung der Gallenblase zum Beispiel auch Blinddarm-OPs sowie minimalinvasive Eingriffe an den Koronararterien.
Entlassung um jeden Preis?
Grundsätzlich finden Chirurgen den Weg hin zu mehr ambulanten Eingriffen richtig. Ralf Schmitz, Vorsitzender des Berufsverbandes der deutschen Chirurgie in Schleswig-Holstein, warnt aber auch: Die Ambulantisierung werde vorangetrieben, ohne die notwendigen Strukturen zu schaffen. Nach der Entfernung der Gallenblase sei es wichtig, den Patienten acht bis zehn Stunden zu überwachen – dazu brauche es Kurzliegerplätze, die es derzeit in vielen Einrichtungen nicht gebe. Im Zweifelsfall müsse ein Operierter auch ein, zwei Tage überwacht werden können.
Entscheidungen unter Kostendruck
So einfach ist das derzeit allerdings auch aus finanzieller Perspektive nicht. Denn bei Eingriffen, die generell ambulant möglich sind, dürfen mittlerweile nur noch wenige Menschen die anschließende Nacht auf Kassenkosten im Krankenhaus verbringen. Dazu gehören Kinder unter einem Jahr, Menschen mit Pflegegrad vier oder fünf und Patienten, die beatmet werden. Wer als Arzt anders handele, sagt Ralf Schmitz, handele sich Probleme ein. Entweder mit den Krankenkassen oder weil Menschen Schaden nehmen. “Im Zweifelsfall lande ich vorm Kadi wegen Falsch- oder Fehlbehandlung”, so der Kieler Chirurg.
Strukturierte Risikoabwägung
In Reinbek will Chefarzt Tim Strate in den kommenden Monaten in einer hausinternen Studie prüfen, in welchen Fällen sie einen ambulanten Eingriff sicher verantworten können. Dafür muss das ärztliche Personal individuell einschätzen, ob ein Patient für eine ambulante Entfernung der Gallenblase geeignet wäre. Nach der OP bleiben die Operierten aber für eine Nacht in der Klinik und es wird geprüft, ob sie tatsächlich ohne Komplikationen alternativ hätten nach Hause gehen können.
Liegen die Ärztinnen und Ärzte mit ihrer Einschätzung zum ganz überwiegenden Teil richtig, will Strate den Eingriff bei sonst Gesunden dann grundsätzlich ambulant machen. Nicht in einem ambulanten OP-Zentrum auf der grünen Wiese – das hält auch er für zu riskant. Aber, so wie in Reinbek, mit einer Klinik im Hintergrund – für den Notfall.
