Der Karneval in Rio de Janeiro ist mehr als eine bunte Party. Viele Einwohner arbeiten das ganze Jahr darauf hin – und finanzieren sich damit ihr Leben. Denn das Fest kurbelt die Wirtschaft der Stadt enorm an.
Stoffbahnen, Garnrollen, Nähmaschinen, Regale, in denen Tüten mit glitzernden Pailletten, Federn und Goldborten lagern. Mittendrin ist Kostümbildnerin Allessandra Reis, mit Maßband und Schweiß auf der Stirn. Es ist der Endspurt nach einem Jahr harter Arbeit. Alles muss sitzen, bis ins Detail.
2.700 Kostüme entstehen in Alessandras Atelier, in Handarbeit und unter strengster Geheimhaltung, damit die Sambaschule Viradouro beim berühmten Umzug in Rios Sambodrom glänzen kann. “Ein einziges Kostüm geht durch die Hände eines Metallkonstrukteurs, des Kostümbildners, durch mich, die es anpasst und formt, durch die Schneiderin, den Künstler für den Federschmuck – das alles für ein einziges Kostüm”, erzählt Alessandra.
Fast das ganze Jahr lang wird an den aufwändigen Kostümen für den Karneval in Rio gearbeitet.
Rund 50.000 Menschen in Rio leben vom Karneval
Vor 26 Jahren habe Karneval sie aus einer schweren Krise gerettet – finanziell und seelisch – nachdem ihr Vater bei einem Überfall getötet wurde. Heute lebt sie davon, wie schätzungsweise 50.000 weitere Menschen. Dazu gehören Bildhauer, Maler, Schweißer, Kapellmeister, Tänzer, Beleuchter, Kranfahrer und Reinigungskräfte.
Wenn man es von außen betrachtet, denkt man, es sei nur eine Feier. Wenn man es von innen betrachtet, sieht man, dass man Leben verändert.
Außerdem treibt das Fest die Wirtschaft einer ganzen Stadt an. In nur vier offiziellen Karnevalstagen zirkulieren laut Stadt und Wirtschaftsverbänden etwa eine Milliarde Euro – das ist weltweit unübertroffen.
Allein ins Sambodrom kommen zu jeder Show rund 70.000 Besucher, zahlen Eintrittspreise von bis zu 1.000 Euro. Die Hotels der Stadt sind zu mehr als 90 Prozent ausgebucht. Eine Nacht im Copacabana Palace steigt von 600 auf über 4.000 Euro. Und auf AirBnB wird selbst die Abstellkammer noch vermietet.
“Ein Fest ist etwas sehr Ernsthaftes”
Rio ist ein Party-Champion, sagt Journalist Fabio Fabato, der mehrere Bücher über den Karneval geschrieben hat. “Party machen wird ja oft eher etwas abschätzig betrachtet, aber der Karneval zeigt ganz deutlich, dass ein Fest etwas sehr Ernsthaftes ist – und dass wir das sehr gut machen”, erklärt Fabio.
Feiern stärkt Brasilien wirtschaftlich. Jedes Mal, wenn gefeiert wird, wird es reicher und trägt dabei ein Lächeln im Gesicht. Und das Geschäft wächst. Rio erlebt derzeit Tourismusrekorde: Acht Millionen Besucher werden rund um die Karnevalstage erwartet.
Vier Monate Lebensunterhalt
Denn der Wettbewerb der Sambaschulen ist längst nicht mehr der einzige Touristenmagnet. Fast 500 Blocos, wie die Straßenumzüge genannt werden, haben sich angemeldet. Schon seit Januar ziehen sie durch die Stadt, manche frühmorgens, andere bis spät in die Nacht.
Mit dabei sind rund 15.000 Straßenverkäufer, die rund um die Uhr für eisgekühlten Getränke-Nachschub sorgen. so zum Beispiel auch Anderson dos Santos. “Durch den Karneval kann ich zusätzliches Geld verdienen, das mich vier Monate über die Runden bringt”, sagt Anderson. Karneval in Rio ist also mehr als nur Folklore. Es ist ein riesiges Geschäft, das dazu noch riesengroßen Spaß macht.

