Karneval – schon immer auch politischer Protest

Karneval – schon immer auch politischer Protest

Markus Perabo

Stand: 14.02.2026 16:27 Uhr

In Mainz, Köln oder Düsseldorf herrscht aktuell der (Feier-)Ausnahmezustand. Zwischen Schunkeln und Spaß wird entlang des Rheins ein ernstes Zeichen gesetzt – gegen Hass und Rechtsextremismus.

Sandra Biegger

Vergangenen Samstag auf dem Gutenbergplatz in Mainz. Zwischen Theater und Dom drängen sich mehrere tausend kostümierte Menschen. Sie tanzen ausgelassen miteinander, Kinder jagen Seifenblasen hinterher, auf der Bühne singt ein stadtbekannter Musiker. Was aussieht wie eine Fastnachtsparty unter freiem Himmel, ist in Wahrheit eine politische Kundgebung: “Narren gegen Nazis”. Organisiert hat sie das Demokratie-Bündnis “Mainz4Democracy”.

Mitinitiator Thomas Klisch sagt, man habe vor der rheinland-pfälzischen Landtagswahl im März unbedingt noch ein Zeichen für eine offene Gesellschaft setzen wollen. Und da sich Fastnacht schon immer gegen autoritäres Denken gerichtet habe, passten närrischer Frohsinn und eine Demo gegen Rechts ausgezeichnet zusammen.

Einer der Höhepunkte der Veranstaltung: Die Übergabe der Petition “Keine Schunkelrunden mit Nazis!” an den Zusammenschluss der städtischen Fastnachtsvereine und Garden, die Genossenschaft Mainzer Fastnacht. Die Hauptforderung der Petition: Rechtsextreme und Rassisten dürften keinen Platz in der Fastnacht haben. Mehr als 4.500 Menschen haben die Petition unterschrieben.

Anfeindungen nehmen zu

Markus Perabo, Vorstandssprecher der Genossenschaft, sieht darin ein starkes, notwendiges Zeichen: “Wir haben das Thema auch schon länger auf dem Schirm, uns als Organisation deshalb schon vor zwei Jahren in einem offenen Brief klar gegen Rechtsextremismus positioniert.”

Perabo erklärt, das sei eine Reaktion auf den rauer gewordenen Ton in der Gesellschaft gewesen. Denn: Anfeindungen und Drohungen gegen kritische Rednerinnen und Redner hätten in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Seiner Meinung nach lässt sich davon in der Großstadt Mainz zwar niemand beirren. Dass das in eher ländlichen Regionen in Rheinland-Pfalz anders aussehen könnte, kann sich Perabo allerdings durchaus vorstellen.

Markus Perabo sagt, Anfeindungen gegenüber Karnevals-Rednern hätten zugenommen.

Applaus im Saal, Kritik im Netz

Einer, der nicht daran denkt klein beizugeben, ist Lars Reichow. Der Kabarettist engagiert sich seit Jahrzehnten in der Fastnacht, unter anderem bei der Fernsehsitzung “Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht”. Bei seinen Auftritten bezieht er regelmäßig Stellung gegen die AfD. Im Saal bekomme er dafür meist viel Applaus und Standing Ovations, erzählt der 61-Jährige. Im Netz verstehe es die Partei im Nachgang jedoch regelmäßig, “eine virtuelle Hass-Kampagne loszutreten”. So werde er auf Social Media beleidigt und ihm Gewalt angedroht.

Beirren lässt sich der Kabarettist davon nicht, er geht verbal weiterhin nicht zimperlich mit der Partei um. Er sei mit sich im Reinen, betont der Fastnachter, weil er die Wahrheit über eine seiner Meinung nach höchst gefährliche Partei sage, deren Spitze außer Lügen und großen Sprüchen noch nie etwas hinbekommen habe.

Grenze der Kunstfreiheit nicht überschritten

Aus dieser Überzeugung heraus hatte Reichow bei seinem “Mainz bleibt Mainz”-Auftritt 2023 beispielsweise die AfD-Bundestagsfraktion als “Haufen ungehobelter Arschlöcher” bezeichnet. Das brachte ihm unter anderem die Anzeige eines AfD-Politikers aus Bayern ein. Dieser warf Reichow Volksverhetzung und Beleidigung vor. Ein Ermittlungsverfahren lehnte die zuständige Staatsanwaltschaft in Mainz allerdings ab. Sie sah mit Reichows Äußerung die Grenze der Kunst- und Meinungsfreiheit als nicht überschritten an.

Für den Kabarettisten ein Beleg dafür, dass die Demokratie funktioniere. Närrinnen und Narren, davon ist Reichow überzeugt, leisteten dazu einen wichtigen Beitrag. Es begeistere ihn, diese dabei zu beobachten, “wie sie sich ihre Idee von Freiheit und Gleichheit mit einem großen Volksfest verwirklichen”: mit mutigen Wagen auf dem Rosenmontagsumzug, die sogar Moskau erzittern ließen, mit kritisch-komischen Büttenreden, mit farbenfrohen Ballett-Vorführungen und Kokolores-Beiträgen.

Politischer Protest mit langer Tradition

Dieser Kampf für Freiheit und Gleichheit habe in der Fastnacht im Rheinland sowie in Mainz und Umgebung eine lange Tradition, sagt die Historikerin Maylin Amann. Sie erklärt: “Anders als beispielsweise die Schwäbisch-Alemannische Fasnet ist die Fastnacht in Mainz immer extrem politisch gewesen.” Ende des 18. Jahrhunderts entstanden, sei sie von Anfang an eine Form des Protests gewesen – zunächst gegen französische, später gegen preußische Besatzer. Mit ihren Uniformen, Orden, Fahnen und dem Marschieren im Gleichschritt hätten sich die Narren lustig gemacht über den Militarismus, indem sie ihn imitierten.

Amann sagt, Freiheit, Gleichheit und Demokratie seien von Anfang an Forderungen der Fastnachter gewesen. Letztlich werde all das während der fünften Jahreszeit bis heute propagiert.

Fastnacht im Nationalsozialismus

Dass die Fastnacht jedoch nicht immer ihrem eigenen Anspruch gerecht wurde, zeigt ein Blick in die Geschichte. Zwar gab es Fastnachter, die sich während der NS-Herrschaft auflehnten. Maylin Amann hat aber auch herausgefunden, dass bereits beim ersten Rosenmontagsumzug nach der Machtergreifung nationalsozialistische Ideen propagiert wurden. So sei etwa mit einem Zugwagen der Völkerbund verspottet, mit einem anderen hingegen die Volksgemeinschaft propagiert worden.

So etwas dürfe nie mehr geschehen, sagt Markus Perabo von der Genossenschaft Mainzer Fastnacht. Er betont: “In Vereinen und Garden, in Sitzungen genauso wie bei der Straßenfastnacht ist kein Platz für Extremisten, egal ob von links oder rechts.” Er und viele andere Närrinnen und Narren wollen sich dafür einsetzen, dass das auch so bleibt.

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