Reportage
Im Geburtsland des Automobils steht es nicht gut um den Ruf der Branche. Und der Daimler-Stern hat auch schon mal heller geglänzt. Ganz anders sieht es in Algerien aus.
3.500 Kilometer südwestlich von Stuttgart, in der algerischen Provinz Tindouf, flimmert selbst im Winter mittags die Luft vor Hitze. Am Taxistand vor den Toren der Kleinstadt Rabouni stehen ein paar Männer mit vollgepackten Plastiktüten im Schatten eines Dachs, schauen, welches Taxi sie zu ihrem Ziel bringen könnte.
Sie haben Auswahl. Auf dem riesigen staubigen Taxi-Halteplatz tummeln sich um die 20 Fahrzeuge – 19 davon Mercedes, aus den Baureihen längst vergangener Jahrzehnte.
Hier scheint die Auto-Welt noch in Ordnung zu sein: wie früher, als auch in Deutschland ein Taxi selbstredend ein Daimler war. “Der Mercedes ist nun mal das beste Auto für unser Gelände”, schwärmt ein junger Taxifahrer. Er sei robust und verbrauche nicht viel.
Voller Dellen und Schrammen – und ohne Stern
Die Kunden mit den Plastiktaschen steuern auf Taxifahrer Albar zu – ausgerechnet. Sein Benz sieht abenteuerlich aus, unzählige Dellen und Schrammen, die Frontlichter zersplittert, den Stern sucht man vergeblich. Aber sie kennen den Fahrer und er ihr Ziel, das Flüchtlingslager Bojador. Albar verstaut das Gepäck, den klappernden Kofferraum bindet er mit einem Seil zu. Seit zwölf Jahren fahre er den Wagen: “Ich danke Gott, dass ich dieses Auto habe. Ich bin glücklich damit. Der Mercedes gibt mir Arbeit.”
Prädikat wüstentauglich: Ein alter Mercedes im algerischen Rabouni.
Sand wirbelt auf, als das Taxi startet. Auf den Armaturen drinnen eine dicke Sandschicht. Die Wüste hat ihre Spuren hinterlassen. Albar schwört auf seinen Mercedes, hofft, dass er noch lange hält. Dann reden sie über Politik, über den Westsahara-Konflikt, während Albar sie gemächlich über die Wüstenstraße chauffiert. Im Gegenverkehr ein Mercedes nach dem anderen. Kaum zu glauben, dass “in the middle of nowhere” in der Wüste Algeriens die Daimler-Dichte höher zu sein scheint als in Stuttgart. Aber warum?
Spritpreise interessieren niemanden
Nicht weit vom Taxistand ist eine Tankstelle. Zapfsäulen sucht man vergebens. Sprit zapft der Tankwart erst aus einem Plastiktank in eine Plastikflasche, und mit der kippt er ihn in den Tank. Said Abba wartet geduldig, bis der Tank seiner C-Klasse sich füllt. Said ist Fotograf, viel unterwegs. Sein Mercedes hat sich gut gehalten. Es sei ein C180, Modell Elegance, Baujahr 1998, erklärt Said stolz. Er fahre Mercedes, weil es dafür hier Ersatzteile gebe und das Auto perfekt für die schlechten Straßen sei.
Diesel oder Benziner – das ist Said egal. Abgas- oder Feinstaubwerte, danach fragt hier keiner. Sprit ist erschwinglich, Algerien ist reich an Bodenschätzen, hat auch Öl. Aber wichtiger ist für Said, dass das Auto wüstentauglich ist. “Ich fahre viel, überall hin und hatte noch nie eine Panne, er hat mich nie im Stich gelassen.” Dass der Stern seiner Marke in Deutschland sinkt, kann er kaum glauben.
Auf Mercedes-Schwachstellen spezialisiert
Eine Autowerkstatt in Rabouni, spezialisiert auf – na, was wohl? Drinnen schrauben zwei Mechaniker an einem hochgebockten Benz, vier weitere hocken auf dem Boden und fachsimpeln. Die Ölpumpe ist kaputt. Offenbar kennen hier alle die Motoren aus Stuttgart in- und auswendig. Inklusive der Schwachstellen.
In der Autowerkstatt sind die Mechaniker mit den Mercedes-Macken wohl vertraut.
Zylinderkopfdichtung, Benzinpumpe und Ölpumpe, das seien die häufigsten Reparaturen, die hier vorkämen, erklärt Mohammed Ali. Der Hochachtung vor deutscher Ingenieurskunst tut das keinen Abbruch. Der Mercedes sei einfach das beste deutsche Auto, sagt Salamo Labat. Sie hätten andere getestet, aber Mercedes sei einfach stark und passe zu ihnen.
Ein weiter Weg bis nach Algerien
Aber wie kommen diese ganzen alten Wagen aus Europa hierher? Der übliche Weg gehe derzeit über Mauretanien, sagen die Männer. Eine extrem weite Reise also: Ein gebrauchter Daimler eines Verkäufers in Deutschland muss erstmal über Land nach Belgien. Von dort macht er per Schiff eine lange Tour über den Atlantik bis nach Mauretanien, südlich von Marokko. Und dann ab durch die Wüste zum Ziel Rabouni.
Interessieren sie auch neuere Modelle, womöglich gar Elektroautos? Mechaniker Salamo Labat winkt ab: “Es muss die etwas ältere Bauart sein. Die modernen Autos funktionieren bei uns nicht, die vertragen Staub und Hitze einfach nicht.” Das klingt wie: Verbrenner – ja, bitte!
Kein Mangel an Ersatzteilen
Draußen im Hinterhof der Werkstatt spült einer von Salamos Kollegen noch per Hand die Ölwanne aus. Haufenweise Teile liegen dort rum. Ruckzuck ist die Wanne sauber, die Pumpe wieder drin, der Besitzer zufrieden. Er fahre die Autos ein oder zwei Jahre, erzählt er, dann verkaufe er sie, das laufe bestens. Mercedes: hier noch ein echter Verkaufsschlager. Vielleicht ein kleiner Lichtblick für Mercedes-Manager in diesen Tagen.
Die Männer in Albars Wagen sind fast da. Durch den Staub auf der Frontscheibe ist das Hinweisschild zu ihrem Ziel kaum zu lesen. Ein paar flottere Autos überholen den klapprigen Wagen von Albar. Alle von derselben Marke. 3.700 Kilometer über Land von Stuttgart entfernt ist der Ruf des guten alten Daimler unverwüstlich.

