Was müssen Neuverfilmungen von Romanklassikern heute leisten?

Was müssen Neuverfilmungen von Romanklassikern heute leisten?

Filmszene aus "Wuthering Heights"

Stand: 13.02.2026 13:36 Uhr

Die Neuverfilmung von “Wuthering Heights” polarisierte bereits vor Kinostart mit ihrer Besetzung und eigenwilligen Kostümen. Die Debatte dreht sich um eine alte Frage: Wie vorlagentreu müssen Klassiker-Adaptionen sein?

Von Caroline O. Jebens, SWR Kultur

Schon bevor Emerald Fennels neuer Film “Wuthering Heights – Sturmhöhe” die Leinwand erreichte, sorgte er für Diskussionen. Bilder vom Set zeigten Kostüme, die historisch unpassend wirken, und ein erotisch aufgeladener Trailer ließ vermuten, dass der Film mehr “Dark Romance” als Gothic-Literatur sein könnte.

Auch die Besetzung der Hauptrollen erhitzte die Gemüter: Catherine Earnshaw, im Roman ein brünetter Teenager, wird von der 35-jährigen Blondine Margot Robbie gespielt. Heathcliff, im Buch ein “dunkelhäutiges Findelkind”, das im titelgebenden Anwesen aufgezogen wird, wurde mit Jacob Elordi besetzt, einem weißen Schauspieler.

Wuthering Heights”: Oft verfilmt, immer umstritten

Die Aufmerksamkeit für Fennels Version kommt nicht von ungefähr. Emily Brontës abgründige Geschichte über die Earnshaws und Lintons, die in der Moorlandschaft Nordenglands leben, und das Paar Cathy und Heathcliff, das so “infernal” miteinander umgeht, erregte schon bei der Veröffentlichung 1847 Leserschaft und Kritiker. Eine Geschichte ohne Sympathieträger – eine Sensation.

Viele Filmversionen dieses Klassikers wurden seither erzählt: von einem Stummfilm von 1920 über William Wylers berühmte Verfilmung 1939 mit Laurence Olivier bis hin zu Luis Buñuels Version 1954 und Andrea Arnolds Interpretation 2011 – letztere mit einem schwarzen Heathcliff. Emerald Fennels “Wuthering Heights” bezieht sich damit nicht mehr nur auf die Romanvorlage, sondern auch auf deren filmhistorischen Kontext.

Das macht die Neuverfilmung eines solchen Klassikers umso schwieriger, denn eine große Leserschaft bedeutet große Erwartungen – und potenzielle Enttäuschungen.

Wie getreu müssen Adaptionen sein?

Die ungefähre Formel für eine gelungene Adaption lautet dabei: Der Vorlage treu genug bleiben, dass die Geschichte erkennbar bleibt – aber frei genug, um im neuen Medium zu funktionieren. Auch Fennel nimmt einige Änderungen vor: Die Rahmenerzählung fehlt und die zweite Hälfte des Romans, in der es um die Nachfolge-Generation geht, wird – wie schon in einigen Filmen davor – ausgelassen.

Fennels Fokus liegt auf der Beziehung von Cathy und Heathcliff. Wie viele ihrer Vorgänger interessiert sich auch diese Adaption mehr für die sadomasochistische Liebe des Paares als für die im Roman thematisierten Klassenunterschiede und den Rassismus. Die Untertitelung des Films als “größte Liebesgeschichte aller Zeiten” erinnert an die Verfilmung von 1939 (“the greatest love story of our time … or any time!”) – darf aber auch als gezielte Provokation verstanden werden, handelt es sich doch um eine Beziehung, die man heute wohl als co-abhängig beschreiben würde.

Dark Romance trifft gezielte Provokation: Margot Robbie krallt sich in “Wuthering Heights” nicht nur in fleischfarbene Wände.

Dass der Film im englischen Titel Anführungszeichen trägt, ist bereits ein Hinweis darauf, dass es sich um eine persönliche Interpretation handelt. Fennel selbst sagte, dass sie das Gefühl in den Mittelpunkt stellen wollte, welches sie als Jugendliche beim Lesen hatte. Entsprechend frei ist das hyperästhetische, ja fast fantastische Produktionsdesign, das immer wieder ironisch auf das Fiktive der Romanvorlage verweist, statt sich als glaubhaftes Historiendrama zu bemühen.

Die Frage nach Diversität: Die Causa Heathcliff

Und dennoch kann “Wuthering Heights” nicht allein als historisch kontextloses Phantasma erzählt werden. Britische Historienfilme haben die Gesellschaft oft weißer dargestellt, als sie tatsächlich war. Als ehemalige Kolonialmacht und heute mächtige Kulturnation stellt man bei Adaptionen von britischen Klassikern heute lauter die Frage, wie divers eine Besetzung sein kann – und sein muss.

So spielte zuletzt der indischstämmige Dev Patel Dickens’ David Copperfield; die Besetzung des schwarzen Schauspielers Paapa Essiedu als Professor Snape für die neue “Harry Potter”-Serie wurde kontrovers diskutiert.

Viele Fans hatten sich Dev Patel als Heathcliff gewünscht. Für entsprechenden Unmut sorgte die Besetzung des Neuseeländers Jacob Elordi. Gleichzeitig spielt Shazad Latif, ein Schauspieler mit pakistanisch-schottischen Wurzeln, die weiße Figur Edgar Linton – eine augenzwinkernde Besetzung, entspricht er doch den gängigen Vorstellungen eines Heathcliff. Die zentrale Figur der Hausdienerin Nelly wird von Hong Chau, einer amerikanischen Schauspielerin mit vietnamesischen Wurzeln, dargestellt. Der Film ist damit auch ein Beispiel für “farbenblindes Casting”, wie es auch die Erfolgsserie “Bridgerton” nutzt.

Fennel hat mit der Besetzung durch einen weißen Schauspieler auch gleich die rassistischen Beschimpfungen aus der Literaturvorlage gestrichen. Jacob Elordi spielt Heathcliff als den “groben Klotz”, der er auch im Roman ist – seine Hautfarbe ist kein Thema. Dass der Film dadurch eine gesellschaftskritische Dimension verliert, bleibt diskutabel.

Abweichungen vom Roman als pressewirksames Marketing

Die Besetzung mit zwei etablierten und normschönen Stars wie Elordi und Robbie garantiert jedoch auch volle Kinosäle. Denn Fennel, die mit “Saltburn” bereits bewiesen hat, dass Geschichten über die Perversionen der Upper Class beim Publikum funktionieren, will mit “Wuthering Heights” nichts weniger als “den Titanic-Film unserer Generation” schaffen.

Romanverfilmungen von Klassikern wie denen der Brontë-Schwestern, Jane Austen oder Mary Shelley sind dabei finanziell vielversprechend, ziehen sie doch per se Aufmerksamkeit auf sich. Durch die Anspielungen auf den “Dark Romance”-Hype dürfte diese “Wuthering Heights”-Verfilmung zudem ein junges Publikum ins Kino ziehen, das nicht mit Brontë vertraut ist.

Diskussionen über Besetzung, Kostüme oder den Soundtrack von Popsängerin Charli XCX werden als kostenloses Marketing genutzt. Im Film sind die Kostüme und erotischen Szenen schließlich ästhetisch wirkungsvoll, aber nur Beiwerk. Damit bleibt Fennels “Wuthering Heights” der Geschichte überraschenderweise im Kern treu. Denn die Dynamik des verdammten Liebespaares stand bereits im Roman für sich und auch außerhalb seiner Zeit. Und wie Fennel versöhnlich erklärte: Sie finde, man solle das Buch eigentlich jedes Jahr neu verfilmen. Sodass jeder seine Version bekommt.

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