Nach dem tödlichen Angriff auf einen Zugbegleiter hat die Bahn neue Sicherheitsmaßnahmen angekündigt. Alle Beschäftigen mit Kundenkontakt sollen Zugang zu Bodycams erhalten. Die verpflichtende Ausweiskontrolle fällt teils weg.
Bahnchefin Evelyn Palla will noch in diesem Jahr alle Beschäftigten mit Kundenkontakt in den Zügen sowie an den Bahnhöfen auf freiwilliger Basis mit Bodycams ausstatten. Das soll neben dem Regionalverkehr, bei dem Bahnmitarbeitende schon jetzt Bodycams tragen können, auch für den Fernverkehr gelten. Die Ankündigung ist eine von sieben Maßnahmen, die Palla auf dem von ihr einberufenen Sicherheitsgipfel in Berlin gemacht hat.
Mit dem ausgeweiteten Einsatz von Bodycams nimmt die Bahnchefin eine Kernforderung der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) auf. Diese fordert den flächendeckenden Einsatz von Bodycams – auch mit Tonaufnahme. Damit sollen auch verbale Übergriffe auf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter besser dokumentiert und nachverfolgbar werden. Palla sagte, Tonaufnahmen seien derzeit noch nicht machbar, stellte diese Möglichkeit aber in Aussicht.
Hilferuf-Knopf und bessere Ausrüstung
Zu den angekündigten Maßnahmen zählt auch die Weiterentwicklung eines bereits jetzt vorhandenen Hilferuf-Knopfs. Mit diesem können die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Gefahrensituationen unauffällig die Leitstelle informieren, so dass diese die Polizei oder Rettungskräfte am nächsten Bahnhof alarmieren kann.
Außerdem soll Palla zufolge ab dem 1. März im Regionalverkehr die verpflichtende Ausweiskontrolle im Rahmen der Ticketkontrolle wegfallen. Künftig werde es im Ermessen des Zugpersonals liegen, ob der Ausweis kontrolliert wird. Damit könne eine Situation mit “hohem Eskalationspotential” vermieden werden, so die Bahnchefin.
Zudem will die Bahn 200 zusätzliche Beschäftigte im Sicherheitsdienst einstellen, diese mit besserer Schutzausrüstung ausstatten und mehr Verhaltens- und Deeskalationskurse für Mitarbeitende anbieten. In “regionalen Sicherheitswerkstätten” sollen mit der Bundespolizei Konzepte für lokale Sicherheitsprobleme erarbeitet werden.
Reaktion auf Tod eines Zugbegleiters
Der Sicherheitsgipfel folgt auf den Tod eines Zugbegleiters Anfang des Monats, der bundesweit für Entsetzung gesorgt hatte. Der 36-Jährige war in einem Regionalexpress in Rheinland-Pfalz von einem Mann ohne gültiges Ticket bei einer Fahrkartenkontrolle angegriffen worden. Der Zugbegleiter wurde dabei so schwer verletzt, dass er später starb. Der mutmaßliche Angreifer, ein 26 Jahre alter Grieche, sitzt in Untersuchungshaft.
Neben der Bahnchefin nahmen Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU), Vertreter aus den Ländern, von den Gewerkschaften, Branchenverbänden und Aufgabenträgern des öffentlichen Nahverkehrs (ÖPNV) an dem Treffen teil. Schnieder kündigte auf einer Pressekonferenz nach dem Gipfel an, der Einsatz von Videokameras in Zügen und an Bahnhöfen solle ausgeweitet werden. Außerdem werde die Bahn bei Kontrollen künftig verstärkt auf Zweierteams setzen.
Ticketkontrollen im Team?
Auch diese Ankündigung geht auf eine Forderung der EVG ein: Die Gewerkschaft dringt darauf, dass künftig stets zwei Zugbegleiter in den Regionalzügen Tickets kontrollieren statt wie bisher oft nur einer.
Eine konstante Doppelbesetzung in Zügen könne es aber nicht geben, sagte Christian Bernreiter, der Vorsitzende der Landesverkehrsministerkonferenz und Ressortchef aus Bayern. “Die finanziellen Mittel dazu haben wir nicht.” Die Verkehrsminister wollen sich bei ihrer Konferenz Ende März mit diesem Thema beschäftigen.
Mehr als 3.200 Angriffe im vergangenen Jahr
Den Angaben der Bahn zufolge kam es im vergangenen Jahr zu insgesamt mehr als 3.200 körperlichen Übergriffen auf Beschäftigte des eigenen Konzerns. Das war zwar ein leichter Rückgang im Vergleich zum Jahr davor.
Doch das Sicherheitsgefühl innerhalb der Belegschaft habe sich deutlich verschlechtert, betonte die EVG und verweist auf eine eigene Umfrage unter rund 4.000 Mitarbeitenden aus dem vergangenen Jahr.
