Der Ukraine-Krieg, Nahost, die Zukunft des transatlantischen Bündnisses – alles Themen der Münchner Sicherheitskonferenz. Experten mahnen: Auch der Klimawandel müsse als Sicherheitsrisiko mitgedacht werden.
Steigende Temperaturen, steigende Pegelstände in den Meeren, Dürren und Überschwemmungen, all das wird die Menschen in vielen Regionen der Welt in Zukunft noch viel mehr in Bedrängnis bringen. Für Laura Schäfer von der Nichtregierungsorganisation Germanwatch ist klar: “Die Klimakrise ist eine der größten Sicherheitsbedrohungen unserer Zeit, und wir können es uns gar nicht mehr leisten, Sicherheit und Klima getrennt zu betrachten.”
Zwar sei der Klimawandel meistens nicht der alleinige Grund für einen bewaffneten Konflikt, sagt die Bereichsleiterin für internationale Klimapolitik der ARD-Klimaredaktion, aber er könne Risiken verstärken. “Wir sehen jetzt schon ganz deutlich, dass klimabedingte Extremwetterereignisse Menschenleben fordern, sie zerstören Lebensgrundlagen, sie verstärken Nahrungsmittelunsicherheiten. Sie beschädigen aber auch kritische Infrastrukturen und beeinträchtigen globale Lieferketten.”
Außerdem könne der Klimawandel auch soziale Spannungen und gewalttätige Konflikte verschärfen und das ganz besonders in fragilen und bereits von Konflikten betroffenen Regionen, so Schäfer.
Vom Klimawandel betroffene Regionen oft auch politisch fragil
Das betrifft bisher vor allem große Teile Afrikas, aber auch den Nahen Osten und viele Inselstaaten in tropischen und subtropischen Gebieten, sagt Benjamin Pohl von der Nachhaltigkeits-Denkfabrik Adelphi. “Leider ist es so, dass sich die fragilsten Regionen eben auch mit den vulnerabelsten Regionen weitgehend überlappen.” Dort sei der Druck auf die Gesellschaften am größten. Doch nicht immer habe das direkt einen bewaffneten Konflikt zur Folge. “Die allermeisten greifen natürlich nicht zur Kalaschnikow, sondern versuchen sich anders zu helfen, oft, indem sie weggehen.”
Klimawandel als Kernfrage der Sicherheitspolitik
Die Folge ist dann häufig Migration in Ballungsräume hinein oder auch die Flucht aus diesen Regionen. Das kann weitere Spannungen auslösen. Auch wenn das weit weg klingt, müssten sich auch Staaten etwa in Europa darauf einstellen. Für Laura Schäfer von Germanwatch bleibt wichtig, Emissionen zu reduzieren, um die Erderwärmung möglichst in Grenzen zu halten. Doch der Ausbau erneuerbarer Energien ist für sie auch eine Frage der Unabhängigkeit von Rohstoffen.
“Wir sehen im Moment deutlich, dass die Abhängigkeit von Energie und Rohstoffen zunehmend als geopolitische Waffe eingesetzt wird”, sagt Schäfer. Das sollte mitgedacht werden. “Deswegen gehört für uns Klima auch auf die Agenda der Münchner Sicherheitskonferenz als eine Kernfrage von vorausschauender Sicherheits- und Außenpolitik.”
Destabilisierung auch in Deutschland denkbar
Auch hier in Deutschland könnte der Klimawandel ganz konkret destabilisieren: Konstantinos Tsetsos forscht am METIS Institut für Strategie und Vorausschau der Universität der Bundeswehr in Neubiberg bei München. Er entwirft fiktive Szenarien, wie so eine Lage entstehen könnten. Dabei geht es nicht darum, wie wahrscheinlich diese Szenarien sind, sondern darum, dass sich Politik und Behörden darauf einstellen können, was denkbar ist.
Szenario: Waldbrände und Cyberangriffe legen das Land lahm
Eines dieser Szenarien beschreibt, wie Deutschland durch massive Waldbrände an den Rand seiner Fähigkeit zur Krisenbewältigung geführt wird. Deutschland verfügt laut Tsetsos nicht über eigene Löschflugzeuge, europäische Nachbarn könnten in den Sommermonaten wegen Bränden in ihren Ländern kaum unterstützen. Waldbrände könnten in Zukunft häufiger vorkommen, aber auch gezielt als Mittel einer hybriden Kriegsführung genutzt werden, skizziert der Politikwissenschaftler. “Wenn ich der russische Geheimdienst wäre und Deutschland wirklich mal im Sommer schachmatt setzen will, dann würde ich 100 Feuer legen und zwei Wochen zugucken, wie wir uns intern selbst zerfleischen.”
Föderalismus kann Krisenbewältigung erschweren
Käme dann zum Beispiel ein gezielter Cyberangriff auf die kritische Infrastruktur dazu, könne Deutschland über Wochen lahmgelegt werden. Szenarien, die nicht eintreffen müssen, aber auf die Deutschland vorbereitet sein sollte. Das Land sei zwar in vielen Bereichen im Katastrophenschutz gut aufgestellt, sagt Tsetsos. Der ist aber Sache der Länder. Der Bund könne bisher nur im Rahmen der Amtshilfe aktiv werden. “Wir brauchen grundsätzlich eine strategische Debatte, ob wir im Bereich Krisenmanagement tatsächlich mit dem Föderalismus weiterkommen”, sagt Tsetsos.
Militärisches Gerät auch für zivile Nutzung
Laut Tsetsos müssen die Herausforderungen durch den Klimawandel auch bei der Beschaffung von militärischem Gerät mitgedacht werden. Ein Panzer müsse sowohl bei minus als auch bei plus 50 Grad funktionieren. Und das Gerät müsse auch für zivile Einsätze im Katastrophenschutz geeignet sein. Ein Helikopter sei zunächst dafür da, Personal, Munition oder anderes Gerät von A nach B zu fliegen. “Aber man kann ihn ja so beschaffen, dass man da am Ende auch einen 3.000-Liter-Löschwassersack unten dranhängen kann”, sagt Tsetsos.
Sicherheitskreise haben den Klimawandel auf dem Schirm
Der Politikwissenschaftler hat auch eine beruhigende Botschaft: Selbst, wenn der Klimawandel in den vergangenen Jahren weniger als Thema öffentlich im Fokus der Sicherheitspolitik steht, hätten Militärs und Sicherheitsbehörden diese Herausforderungen durchaus auf dem Schirm und in wichtigen strategischen Papieren bedacht.
