Die Berlinale eröffnet heute mit “No Good Men” von Shahrbanoo Sadat. Sie ist eine von mehreren Exilfilmemachern im diesjährigen Festivalprogramm. Fernab des roten Teppichs haben sie jedoch oft zu kämpfen.
Eröffnungsfilm der Berlinale: Glamouröser könnte die Weltpremiere von Shahrbanoo Sadats Film “No Good Men” kaum ausfallen. Doch der Weg dorthin war lang und steinig. Dabei ist die aus Afghanistan stammende Regisseurin keine Unbekannte in der Branche. Sie hat mehrere Filme gedreht, die auf internationalen Festivals liefen und für ihr Drama “Wolf and Sheep” wurde sie 2016 in Cannes ausgezeichnet.
Nachdem die Taliban die Macht übernommen hatten, ist Sadat unter dramatischen Bedingungen aus Afghanistan geflohen, musste traumatische Erlebnisse verarbeiten. In Deutschland angekommen, wollte sie weiter am Skript von “No Good Men” arbeiten, für das sie schon eine Produzentin hatte. Doch das Jobcenter vermittelte ihr einen Deutschkurs und wollte, dass sie sich eine Festanstellung sucht. Als sei es in Deutschland nicht vorgesehen, dass Menschen mit Fluchtgeschichte freiberuflich arbeiten und kein regelmäßiges Einkommen haben, meint die Filmemacherin.
“No Good Men” von Shahrbanoo Sadat eröffnet 2026 die Berlinale. Die Regisseurin aus Afghanistan ist auch vor der Kamera zu sehen – hier in einer Szene mit Anwar Hashimi.
Kontakte knüpfen mit Nipkow-Programm
Das Shahrbanoo Sadat “No Good Men” – eine humorvolle Auseinandersetzung mit dem Patriarchat in Afghanistan – trotzdem drehen konnte, liegt auch am Nipkow-Programm, das Filmemacherinnen und Filmemacher aus aller Welt für drei Monate nach Berlin einlädt. Unterstützt wird das Programm vom Kulturstaatsministerium und vom Medienboard Berlin Brandenburg. 2017 war Sadat dort Stipendiatin. Damals konnte sie genug Kontakte knüpfen, um die Förderungen für das Drehbuch, den Dreh und die Fertigstellung zu bekommen.
Für Filmemacher, die akut bedroht sind, ist das Fördermodel allerdings nicht geeignet, erzählt Nipkow-Programmleiterin Od Howell. Zu langwierig seien die Antragsfristen, zu kurz der Aufenthalt. Deshalb wurde mit Geld vom Medienboard Berlin Brandenburg das “Artist at Risk”-Programm aufgelegt. Anlass dazu gab unter anderem das anonyme Filmkollektiv Myanmar, das zur Berlinale 2022 den Dokumentarfilm “Myanmar Diaries” präsentiert hatte und danach nicht wieder in sein Heimatland zurückkehren konnte. Das Kollektiv hat den Putsch der Militärjunta und die anschließenden Menschenrechtsverletzungen gefilmt. Seitdem werden mit dem “Artist at Risk”-Programm jedes Jahr fünf bis sechs verfolgte Filmemacher für jeweils ein halbes Jahr gefördert. Es gibt immer mehr Bewerber als Plätze.
Unterstützung durch “Artist at Risk”
Auch die iranische Filmemacherin Mahnaz Mohammadi hat am “Artist at Risk”-Programm teilgenommen. Ihr Film “Roya” läuft in der Sektion Panorama der diesjährigen Berlinale. In “Roya” geht es um eine Lehrerin, die wegen ihrer politischen Überzeugungen im Gefängnis sitzt und ein falsches Geständnis ablegen soll.
Mahnaz Mohammadi war selbst mehrmals im Gefängnis, weil sie sich für Frauenrechte eingesetzt hat, so Nipkow-Programmleiterin Od Howell. Während ihrer Haft sollte sie vor laufender Kamera vorbereitete Statements ablesen. Mehrfach wurde Mohammadi angedroht, dass sie exekutiert werde, falls sie sich weigern sollte. Sie blieb standhaft.
“Artist at Risk” hat es ihr ermöglicht, in Ruhe am Skript zu arbeiten und den Dreh zu planen. Trotz der Bedrohung geht Mahnaz Mohammadi immer wieder in den Iran zurück, erzählt Od Howell. Sie sei einfach eine Kämpferin.
Unterstützung auf juristischer Ebene
Tatsächlich brauchen Exilfilmemacher aber nicht nur Ruhe und Geld, führt Howell weiter aus. Oft müssen Rechtsanwälte helfen – vor allem, wenn die Filmschaffenden akut bedroht sind. Ein prominentes Beispiel der letzten Jahre ist das Drama “Die Saat des heiligen Feigenbaums” des iranischen Regisseurs Mohammad Rasulof, der als Oscar-Kandidat für den Besten Internationalen Film eingereicht wurde.
Hauptdarstellerin Mahsa Rostami war für die Premiere zum Filmfestival in Cannes gereist. Für ihre Beteiligung an dem Film wurde sie im Iran in Abwesenheit zu einer Gefängnisstrafe verurteilt und ins “Artist at Risk”-Programm aufgenommen. Mit ihrem Visum durfte sie in Deutschland allerdings keinen sechsmonatigen Aufenthalt antreten. Das gelang ihr am Ende nur mit juristischer Unterstützung.
Bedrohung durch Bürokratie
Die Bürokratie in Deutschland ist eine große Hürde für Exilfilmemacher. Deshalb ziehen viele weiter. Das erleben Od Howell und die Mitarbeitenden des Nipkow-Programms immer wieder. Howell hört oft, dass Frankreichs Behörden aufgeschlossener gegenüber Künstlerinnen und Künstlern sind. Und dass es dort eine Filmförderung gibt, die Projekte auch dann unterstützt, wenn sie in einem anderen Land produziert werden.
In Deutschland dagegen ist die Filmförderung föderal. Das beutetet, dass jedes Bundesland, das Geld beisteuert, beim Filmdreh bedacht werden muss. Weil Frankreich bessere Bedingungen für Exilkünstler bietet, entstehen dort auch leichter zusätzliche Unterstützer-Netzwerke.
Wunsch nach mehr Diversität – auch inhaltlich
Nach Kräften unterstützen will auch die Kula Compagnie in Berlin, eine transnationale Theatergruppe. Filmschauspielerinnen und -schauspieler, die im deutschen Raum wenig Chancen haben, erarbeiten hier zumeist Bühnenstücke, in die sie ihre Kultur und ihre Erfahrungen einweben. Sie treten vor allem auf Festivals im deutschsprachigen Raum auf und werden für ihre Arbeit bezahlt. Das ist ebenso wichtig wie der Austausch mit Künstlern, die sich in einer ähnlichen Situation befinden, erzählt Kula-Botschafterin Hutham Hussein. Hier wird Diversität gelebt, denn die Teilnehmenden kommen aus unterschiedlichen Ländern.
Mehr Wertschätzung für die Arbeit von Exil-Filmemachern und mehr Wertschätzung für Diversität wünscht sich auch Shahrbanoo Sadat. “No Good Men” sollte ursprünglich eine reine Komödie werden. Dafür gab es allerdings kein Geld der Filmförderungen: Weil es nicht angemessen sei, eine Komödie über Afghanistan zu drehen, während die Taliban dort um die Vormacht kämpfen. Nun ist der Berlinale-Eröffnungsfilm eine “romantische Komödie” geworden, ein Kompromiss. Viel zu sehr seien Exilfilmemacherinnen darauf festgelegt, ernste Filme über die Probleme in ihrer Heimat zu machen, kritisiert Sadat. Afghanistan sei ein Gefängnis gewesen. Sie sei daraus geflohen, um frei zu sein – auch künstlerisch.
