Die israelische Armee versprüht anscheinend in hohen Konzentrationen Glyphosat im Süden des Libanon. Die Empörung dort ist groß, denn die Folgen dürften dramatisch sein. Doch was soll das bezwecken?
Handyvideos in sozialen Netzwerken zeigen, wie ein Kleinflugzeug im Tiefflug über grüne Wiesen saust und einen langen weiß-grauen Schleier hinter sich herzieht. Die Aufnahmen kommen aus dem Süden des Libanon. Das Flugzeug versprüht Chemikalien über libanesischen Feldern.
“Die Friedenstruppe erhielt im Vorfeld eine Benachrichtigung der israelischen Armee, dass diese ein Luftmanöver durchführen werde. Und Israel rief die UN-Soldaten auf, sich aus der Gegend fernzuhalten oder Schutz zu suchen”, berichtet Kandice Ardiel, Sprecherin der UN-Mission UNIFIL im Interview mit der ARD.
Die Armee habe angekündigt, in der Gegend entlang der “blauen Linie” zwischen Israel und Libanon eine ungiftige Substanz abzuwerfen. “Wir sagten alle Patrouillen ab und blieben neun Stunden lang in unseren Kasernen. Wir sind besorgt über diesen Vorfall, denn das ist eine Verletzung der Resolution. Und uns geht es im Rahmen des Friedensmandats darum, dass Menschen auf beiden Seiten der Grenze wieder zurückkehren können”, so Ardiel.
Hochkonzentriertes Pflanzengift
Die Empörung im Libanon ist groß. Denn versprüht wurde offenbar das umstrittene Pflanzengift Glyphosat, das von der Weltgesundheitsorganisation WHO als “wahrscheinlich krebserregend” bezeichnet wird. Es ist ein sogenanntes Totalherbizid, das alle Pflanzen tötet, die damit besprüht werden.
Für die Bauern im Südlibanon ist es eine Katastrophe. “Dieses Herbizid zerstört alles, wenn es in so hohen Konzentrationen wie von Israel eingesetzt wird: 30- bis 50-mal so hoch wie die übliche Dosis”, sagt Landwirtschaftsminister Nizar Hany.
Wir haben zahlreiche Boden- und Wasserproben entnommen, und die Konzentrationen waren enorm. Das besprühte Gebiet ist groß und erstreckt sich über etwa 18 Kilometer entlang der Grenze. Dies ist ein massiver Angriff auf die Natur und die Bevölkerung im Südlibanon.
Erholung könnte Jahre dauern
Und das in einer Region, die eh schon zerstört wurde: Im Krieg 2024 zwischen der libanesischen Hisbollah-Miliz und Israel kam es zu heftigen Kämpfen. Israel bombardierte vor allem den Süden des Libanon massiv und setze dabei Berichten zufolge auch Bomben mit weißem Phosphor ein, die uralte Olivenhaine verbrannten. Für die Landwirtschaft ist dies bis heute ein gewaltiger Schaden.
“Während der Angriffe wurde großflächig weißer Phosphor eingesetzt, was zu Waldbränden im Libanon führte”, erklärt Hany. “Wir haben massive Schäden auf Tausenden von Hektar. Die finanziellen Verluste übersteigen 800 Millionen US-Dollar.”
Zaynab Nemr, Doktorandin an der American University Beirut, hat die Phosphor-Schäden im Süden des Libanon dokumentiert. Sie sagt, die langfristige Zerstörung der Natur durch die Phosphorbomben sei fast weniger dramatisch als durch das nun versprühte Glyphosat.
“Das Besprühen erfolgte genau zu dem Zeitpunkt, als die Menschen Bäume pflanzen und mit der Frühjahrsaussaat beginnen wollten. Ist der Boden erst einmal so stark kontaminiert, kann die Erholung nicht Monate, sondern Jahre dauern. Das hat Auswirkungen auf die Lebensmittelsicherheit, die Wasserqualität und die Artenvielfalt, von Nutztieren bis zu Bienen.”
Fast tägliche Luftangriffe
Seit mehr als einem Jahr gilt ein Waffenstillstand im Libanon – trotzdem fliegt Israel immer noch fast täglich Luftangriffe vor allem im Süden des Libanons. Bei den Angriffen, angeblich auf Hisbollah-Stellungen, sterben auch Zivilisten. Die Blauhelmtruppe UNIFIL hat seit Beginn des Waffenstillstandsabkommens mehr 10.000 Verstöße gegen die Waffenruhe durch Israel gezählt.
Auch gibt es Berichte, dass Baufirmen gezielt angegriffen wurden – offenbar soll ein Wiederaufbau, eine Rückkehr des normalen Lebens in der Grenzregion verhindert werden. Dazu passt auch das Versprühen von Pflanzengift.
“Zwei Gründe drängen sich auf”, so Kristian Brakel von der Heinrich-Böll-Stiftung in Beirut: “Das eine ist vor allem: Entlaubung des Unterholzes, damit es weniger Möglichkeiten für Kämpfer der Hisbollah gibt, sich da zu verstecken. Das zweite ist, dass wir den Eindruck gewinnen, dass es im Südlibanon auf eine Zone hinausläuft, die zwar nicht von Israel besetzt, aber kontrolliert werden wird, und wo der Zivilbevölkerung nicht ermöglicht werden soll, in diese Gebiete zurückzukehren.”
Eine Pufferzone als Ziel?
Offenbar will Israel eine Pufferzone einrichten, um künftige Angriffe der Hisbollah zu verhindern. In einem etwa zehn Kilometer breiten Streifen entlang der Grenze dürften dann keine Zivilisten mehr leben. “Man möchte so eine Art Pufferzone errichten, wie man das auch in Syrien gemacht hat”, sagt Brakel. Die sei umso leichter zu kontrollieren, desto weniger Zivilisten dort seien.
Die Lage im Libanon ist festgefahren: Die Hisbollah-Miliz weigert sich, alle Waffen abzugeben, solange Israel im Land präsent bleibt. Israel verweigert den Rückzug, solange die Hisbollah bewaffnet ist. Und die libanesische Regierung ist zu schwach, um gegen die Hisbollah im Land hart durchzugreifen.
Es sei ein Patt, “das eigentlich niemand so richtig beenden kann”, sagt Brakel. In dieser festgefahrenen Situation schafft die israelische Regierung Fakten, unter anderem offenbar durch Pflanzengift.
Und der Libanon ist offenbar nicht das einzige Land, in dem Israel Glyphosat versprüht: Auch aus dem syrischen Grenzgebiet werden Sprühaktionen gemeldet. Eine aktuelle ARD-Anfrage wurde von den israelischen Streitkräften (IDF) so beantwortet: “Die IDF geben zu diesem Thema keinen Kommentar ab.” Kein Kommentar – auch kein Dementi.

