Zwei Extreme, ein System – blockierte Wetterlage in Europa

Zwei Extreme, ein System – blockierte Wetterlage in Europa

Ein Zivilschutzhelfer geht durch eine überflutete Straße in Grazalema (Spanien).

Stand: 12.02.2026 06:24 Uhr

Nach wie vor hält ein kalter Winter Teile Deutschlands auf Trab, während Spanien und Portugal Sturzfluten erleben. Die Wetterlage scheint blockiert zu sein. Ist das noch normal und wie hängt das zusammen?

Janina Schreiber

Seit Wochen schon erlebt Nord- und Ostdeutschland Eiseskälte. Gleichzeitig kämpfen die Menschen in Spanien, Portugal und Marokko mit Sturzfluten – zwei Extreme zur gleichen Zeit. Für Tim Staeger, ARD-Meteorologe aus dem Wetterkompetenzzentrum des hr, sind das zwei Seiten einer Medaille: “Auch wenn diese Wetterlagen auf den ersten Blick total unterschiedlich aussehen: Sie hängen miteinander zusammen.”

Über Osteuropa und Skandinavien sitze derzeit ein kräftiges Hochdruckgebiet. Und dieser große Luftberg stellt ein Hindernis für atlantische Tiefdruckgebiete dar. Diese müssen ausweichen und Zugbahnen nehmen, die eher untypisch sind – nämlich nach Süden. Entsprechend bringen sie ihre Regenmassen nach Spanien, Portugal und Marokko.

Januar mit Wetterextremen

Auch aktuelle Daten des EU-Erdbeobachtungsprogramms Copernicus zeigen Wettergegensätze quer über den Kontinent: Im Januar 2026 war es in weiten Teilen West-, Süd- und Osteuropas deutlich nasser als im Durchschnitt. Nicht nur die iberische Halbinsel, auch Italien, der westliche Balkan, Irland und in Großbritannien kam es laut Copernicus zu Überschwemmungen und Schäden.

Gleichzeitig herrschten in einem großen Gebiet Mitteleuropas bis in die baltischen Staaten, nach Finnland, Skandinavien und Teile Westrusslands, überdurchschnittlich trockene Bedingungen.

Jetstream regelrecht ausgeleiert

Eine zentrale Rolle spielt dabei der Jetstream, das wellenförmige Windband in etwa zehn Kilometern Höhe, zwischen der Arktis im Norden der Erde und den mittleren Breiten. Er steuert Tief- und Hochdruckgebiete.

Doch derzeit scheint er regelrecht ausgeleiert, so der Meteorologe: “Das ist das Besondere. Aktuell haben wir tatsächlich fast schon einen etwas gestörten Jetstream.” Der Jetstream verlaufe ungewöhnlich weit nach Süden. Er kommt von dem nordamerikanischen Kontinent weit auf den Atlantik hinaus in südliche Gefilde. Dann erreicht er Europa in Höhe der iberischen Halbinsel.

Klimaerwärmung spielt eine Rolle

Auch die Klimaerwärmung spielt dabei eine Rolle: Denn was das Wetter und den Jetstream antreibt, sind Temperaturunterschiede zwischen der kalten Arktis, also dem Nordpol, und den wärmeren mittleren Breiten. Wenn sich die Arktis durch die wärmere Atmosphäre schneller erhitzt als der Rest der Welt, gerät das aus dem Gleichgewicht: “Die Beulen des Jetstreams gehen weiter nach Süden und Norden ausschweifend und das bedeutet, dass dann Tiefs und Hochs auch mal längere Zeit an Ort und Stelle bleiben.”

Das könne dann wie aktuell dazu führen, dass eine Wetterlage über längere Zeit anhält: Da, wo die Tiefdruckgebiete sind, gibt es viel Regen, wie in Spanien, Portugal, Marokko. Dort, wo das Hochdruckgebiet ist, erleben die Menschen sehr trockenen Wind und auch sehr kalte Bedingungen. Unterm Strich bedeutet das: Wetterextreme nehmen zu.

Regen intensiver durch warme Meere

Der Januar war laut der staatlichen Wetteragentur Spaniens (AEMET) der zweitnasseste Monat des 21. Jahrhunderts in dem Land. Das Sturmtief Marta in diesen Tagen ist schon das siebte, das die iberische Halbinsel seit Jahresanfang erreicht. Auch die warmen Meere spielen für die Intensität eine Rolle, sagt Staeger: “Wenn Tiefs im westlichen Mittelmeer sich vollsaugen mit Wasser, wird die Regenwolke noch mehr aufgeladen.”

Das passiere vor allem dann, wenn das Wasser besonders warm ist und die Verdunstung stärker ist als normal. Dann wird mehr Regen zum Beispiel gegen die Berge in Andalusien gedrückt und führt dort zu noch extremeren Starkregenereignissen. Das EU-Erdbeobachtungsprogramm Copernicus meldet, die durchschnittliche Meeresoberflächentemperatur im Januar lag bei mehr als 20 Grad – sie war damit die vierthöchste für den Monat Januar.

Die blockierte Wetterlage dürfte nach Einschätzung des Meteorologen in den kommenden Tagen noch anhalten: “Das ist vielleicht eine Spielart des neuen Normals.” Sicher gebe es Varianten, die nächsten Winter könnten wieder ganz anders verlaufen. Aber die Tatsache, dass Wetterextreme zunehmen aufgrund des Klimawandels, das sei sehr deutlich zu sehen.

Comments

No comments yet. Why don’t you start the discussion?

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *