Die Mehrheit der Deutschen denkt, dass das Leben in der Bundesrepublik der 1980er-Jahre besser war als heute. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage für das Magazin Kontraste hervor. Wer ist besonders nostalgisch? Und warum?
Das Leben in der Bundesrepublik der 1980er-Jahre war besser – das sagen 52 Prozent der Menschen hierzulande. Dass es damals schlechter war, denken nur 23 Prozent. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage von Infratest dimap im Auftrag des ARD-Politikmagazins Kontraste hervor.
Besonders stark ausgeprägt ist die Sehnsucht nach den 1980ern bei Menschen mit einem eher niedrigen Bildungsstand und bei älteren Menschen. Für Thomas Kliche, Professor für politische Psychologie, ist die Verklärung der Vergangenheit ein zutiefst menschlicher Zug. “Menschen fühlen sich gut, wenn sie sich an schöne Dinge erinnern”, sagt Kliche. Sie empfänden dann weniger Schmerz oder Kälte.
AfD-Anhänger besonders nostalgisch
Politisch rechts orientierte Menschen sehnen sich eher in die 1980er zurück: Unter AfD-Anhängern sind es 68 Prozent, nur 7 Prozent von ihnen fanden es damals schlechter. Anhänger der Union sagen zu 55 Prozent, das Leben in der BRD der 1980er-Jahre sei besser gewesen, bei SPD-Wählern sind es 47 Prozent. Anhänger der Linken und der Grünen hingegen sind deutlich weniger nostalgisch. Nur etwa ein Drittel von ihnen sehnt sich in die 1980er zurück.
Auch in den Sozialen Medien wird über KI-Videos vermehrt die 1980er-Jahre-Nostalgie zelebriert. Zumeist von rechts wird diese auch politisch instrumentalisiert. In einem Video etwa sagt ein Jugendlicher, den es so in Wahrheit nicht gibt: “Damals war die Mutter zu Hause und war stolz. Bei euch ist sie Vollzeitsklavin und schämt sich, wenn sie zu Hause bleibt.”
Auch Höcke will “seine alte Bundesrepublik zurück”
Ein Narrativ, das auch von AfD-Politikern bedient wird. So sprach etwa Björn Höcke, geboren in Lünen in Westfalen und inzwischen AfD-Fraktionschef in Thüringen, bei einer Rede in Arnstadt im Jahr 2019 davon, er wolle “seine alte Bundesrepublik zurück”.
Der Politikpsychologe Thomas Kliche erklärt die Strategie dahinter. “Für rechte Projekte ist Nostalgie ein wunderbares Vehikel, um an emotional ruhigere und nicht so aggressive Zeitgenossen ranzukommen, indem man fantasiert: Damals war alles noch eine geschlossene Gesellschaft”, so Kliche. Das sei im Grunde “eine rückwärtsgewandte Formulierung dessen, was wir heute als autoritäre Reaktion auf die Bedrohungen erleben”.
Wie alt sind die 1980er-Nostalgiker?
Ein Vergleich der Altersgruppen zeigt einen klaren Generationsunterschied: Bei den Befragten ab 50 Jahren bewerten mehr als 60 Prozent die Bundesrepublik der 1980er als besser. Bei den unter 50-Jährigen, die diese Zeit überwiegend nicht selbst erlebt haben, fällt die Zustimmung geringer aus: In der Altersgruppe der 35- bis 49-Jährigen sind es 44 Prozent, bei den 18- bis 34-Jährigen nur noch 33 Prozent.
Thomas Kliche sagt, man erinnere sich gerne an seine Jugend zurück: “Jugend ist eine Zeit von Aufbruch, von Offenheit, von Weltgestaltung, von neuen Erfahrungen.”
Mehr Schutz vor Kriminalität und bessere Infrastruktur
Doch was konkret, glauben die Menschen, war am Leben in den 1980ern besser? Eine knappe Mehrheit (52 Prozent) findet, dass es der Schutz vor Kriminalität und Verbrechen war. Besonders große Einigkeit herrscht bei der Qualität von Bahn, Straßen und Brücken. 63 Prozent der Befragten denken, dass der Zustand der Infrastruktur damals besser war – und zwar über Parteigrenzen hinweg.
Laut dem Präsidenten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, entspricht dieser Eindruck der Realität: “Der Grund ist, dass der deutsche Staat über die letzten 30 Jahre fast jedes Jahr negative Nettoinvestitionen hatte”, so Fratzscher. Er habe weniger investiert, als die öffentliche Infrastruktur an Wert verlor.
Zur Wahrheit gehört aber auch, dass wegen des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg weite Teile der Infrastruktur in den 1980ern noch vergleichsweise neu waren.
Bessere Aufstiegsmöglichkeiten und mehr Gerechtigkeit
Auch die wirtschaftlichen Aufstiegsmöglichkeiten der 1980er schätzt die Mehrheit als besser ein – 59 Prozent der Befragten sehen das so. Ähnlich äußerten sich die Menschen beim Thema soziale Gerechtigkeit: 50 Prozent fanden diese in den 1980ern besser, nur 24 Prozent fanden sie damals schlechter.
Fakt ist: Unter Kanzler Helmut Kohl gab es für Spitzenverdiener Steuersätze von bis zu 56 Prozent, außerdem eine Vermögenssteuer. Die Gesellschaft war zudem durchlässiger. “Heute hängt die Fähigkeit, als junger Mensch einen guten Bildungsabschluss, eine gute Ausbildung, einen guten Job mit einem ordentlichen Einkommen zu bekommen, viel stärker von Einkommen und Bildung der Eltern ab als noch vor 40 Jahren”, sagt Fratzscher.
Große Unterschiede beim Thema Meinungsfreiheit
Auch die Möglichkeiten, seine Meinung frei zu sagen, wird von vielen als damals besser bewertet – 45 Prozent sehen das so. 29 Prozent hingegen finden die Meinungsfreiheit in den 1980ern schlechter. Auffällig ist: Bei diesem Thema besteht große Uneinigkeit unter den verschiedenen Parteianhängern: 72 Prozent der AfD-Wähler geben an, dass die Möglichkeit, seine Meinung frei zu sagen, damals besser war. Von den Anhängern der Grünen denken das hingegen nur 20 Prozent und bei den Wählern der Linkspartei 24 Prozent.
Mehr zum Thema sehen Sie im Magazin Kontraste – in der ARD-Mediathek.
