Neuanfang in Südasien: Schicksalswahl in Bangladesch

Neuanfang in Südasien: Schicksalswahl in Bangladesch

Wahlplakate in Dhaka, Bangladesch

Stand: 12.02.2026 02:41 Uhr

Bangladesch wählt ein neues Parlament – zum ersten Mal seit dem Sturz von Regierungschefin Sheikh Hasina. Nach Jahren autoritärer Herrschaft zwangen sie Massenproteste, das Land zu verlassen.

Franziska Amler

Auf dem Campus der Dhaka University steht Mariam Islam mit ihren Freundinnen an einem kleinen, wackligen Tisch. Seit Tagen registrieren die drei Studentinnen Freiwillige, die heute die Parlamentswahl beobachten wollen. Auch die 24-jährige Mariam hat noch nie in ihrem Leben eine faire Wahl erlebt. Heute wird sie zum ersten Mal ihre Stimme abgeben.

“Deshalb bin ich so aufgeregt”, sagt Mariam. “Nicht nur ich, viele werden heute zum ersten Mal ihre Stimme abgeben. Wer auch immer die Regierung bilden wird, wir hoffen, dass sie unsere Träume berücksichtigen. Mögen die Zeiten des Konflikts und der Tyrannei nie wiederkehren.”

Sheikh Hasina regierte 15 Jahre lang autoritär

Ein paar Schritte weiter, gegenüber vom Campus, wird deutlich, wie schwer diese Hoffnung erkämpft wurde. An einem Betonpfeiler prangt ein überlebensgroßes Graffiti von Sheikh Hasina. Ihr Gesicht ist mit roter Farbe überdeckt. 15 Jahre lang regierte die Autokratin das Land, bis sie im August 2024 durch Massenproteste gestürzt wurde.

Schätzungen zufolge kamen dabei etwa 1.400 Menschen ums Leben. Eine Übergangsregierung unter der Leitung des Friedensnobelpreisträgers Muhammad Yunus übernahm die Macht. Getragen wurde dieser Umbruch vor allem von jungen Menschen. Mariam hat die Proteste hautnah miterlebt. Viele ihrer Freundinnen und Freunde wurden schwer verletzt und leiden noch heute unter den Folgen.

Inflation, Jobs und Sicherheit sind die täglichen Sorgen

Die brutal niedergeschlagenen Proteste wirkten aber nach. Sheikh Hasina ist weg, im Exil in Indien, ihre Partei, die Awami League, von der Wahl ausgeschlossen. Laut Experten hat sie trotz allem rund 30 Prozent der Bevölkerung hinter sich. Doch auf den Straßen Dhakas geht es den Menschen vor allem um die täglichen Sorgen: Inflation, Jobs, Sicherheit.

Politisch ist das mehrheitlich muslimische Bangladesch stark polarisiert. Die religiös-konservative BNP tritt wieder an, eine Partei, die selbst jahrzehntelang an der Macht war. Und dann gibt es eine wichtige islamistische Partei, die Jamaat-e-Islami.

Und tatsächlich: Die Chancen für die Islamisten stehen gut, erstmals in der Geschichte Bangladeschs, die Macht zu übernehmen. Frauenrechtsorganisationen und Minderheitenvertreter warnen vor einem Rückbau von Rechten. Welche Richtung Bangladesch künftig einschlägt, ist offen. Für A.S.M. Amanullah, Politik-Analyst und Vize-Rektor der National University Dhaka, ist diese Wahl deshalb eine Schicksalsentscheidung.

“Es könnte zu einem Bürgerkrieg kommen”

“Nach 54 Jahren wird diese Wahl das Schicksal Bangladeschs entscheiden, und sie entscheidet über die Souveränität dieses Landes. Wenn hier etwas passiert, steht die Souveränität dieses Landes auf dem Spiel. Und es könnte zu einem Bürgerkrieg kommen.” Entsprechend groß ist das internationale Interesse. Die Europäische Union hat insgesamt 200 Wahlbeobachter ins Land geschickt, sagt der Leiter der Mission, Ivars Ijabs.

“Die Bürgerinnen und Bürger von Bangladesch erwarten eine sehr gute, international anerkannte Wahl. Und Europa braucht neue Partner, gute und demokratische Partner.”

Für Mariam geht es weniger um geopolitische Machtfragen als um ihre eigene Zukunft. Seit fast zwei Jahren wartet die 24-Jährige auf echten Wandel. Frauen haben die Proteste maßgeblich getragen. In den Wahllisten sind sie jedoch kaum vertreten. Inzwischen sei sie frustriert, sagt Mariam. Trotzdem will sie weiter machen.

Rund ein Viertel der Wähler gehört zur Generaton Z

“Mädchen und Frauen sind in unserem Land noch immer benachteiligt”, sagt Mariam. “Ich möchte mit meinem Engagement die Frauen unseres Landes repräsentieren. Vielleicht kann meine Arbeit viele Frauen dazu inspirieren, sich zu engagieren.”

Ob der Wandel tatsächlich kommt, ist offen. Rund ein Viertel der Wählerinnen und Wähler gehört zur Generation Z – sie können diese Wahl maßgeblich beeinflussen.

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