Deutschlands Forschung ist oft erstklassig. Aber zu selten werden daraus konkrete Produkte und Dienstleistungen. Besonders bei sicherheitsrelevanten Technologien sieht ein neues Gutachten angesichts der Weltlage Aufholbedarf.
Der Countdown zählt runter: 3, 2, 1 – dann hebt die Ariane-Trägerrakete vom Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guayana ab. Das Ziel: der gut eine Milliarde Kilometer entfernte Planet Jupiter. An Bord der Rakete ist eine Sonde, die mit Spitzentechnologie aus Deutschland ausgestattet ist.
Forscher am Leibniz-Institut für innovative Mikroelektronik (IHP) in Frankfurt/Oder haben zwei Bauteile für ein Messgerät der ESA-Mission “Juice” entwickelt mit dem der Planet Jupiter und seine drei großen Monde Ganymed, Callisto und Europa detailliert beobachtet werden können. Vereinfacht gesagt handelt es sich um spezielle Schaltkreise auf kleinen Chips für die besonderen Anforderungen im Weltraum: Sie müssen äußerst energiesparend sein und widerstandsfähig gegen Strahlung.
Defizite bei Mikroelektronik und KI
Es ist ein prominentes Beispiel für Hightech made in Germany – und ein seltenes zugleich. Denn im jüngsten Gutachten über den Forschungsstandort Deutschland stellen Fachleute fest, dass im internationalen Vergleich zwar die Bereiche klimaneutrale Energieerzeugung und klimaneutrale Mobilität zu den Stärken gehören, dass Deutschland bei den Schlüsseltechnologien künstliche Intelligenz und Mikroelektronik aber relativ schwach positioniert sei.
“Die Mikroelektronik wurde über Jahrzehnte nicht sehr stark verfolgt, weil man sagte, Mikroelektronik kauft man ein”, erinnert sich Professor Gerhard Kahmen, wissenschaftlich-technischer Geschäftsführer am IHP, dessen Chips nun auf dem Weg zum Jupiter sind. “Man hat aber die Bedeutung, die strategische Bedeutung der Mikroelektronik in den letzten Jahren sehr, sehr deutlich erkannt.”
Investition in sicherheitsrelevante Technologien
Bei der Übergabe des Jahresgutachtens der Expertenkommission für Forschung und Innovation (EFI) erinnert Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) daran, dass einer der größten Auftraggeber für das immer wieder seit Jahrzehnten so vorbildlich genannte Silicon Valley in den USA das Pentagon – von der US-Regierung als Kriegsministerium bezeichnet – in Washington sei. Die Sicherheitsforschung in Deutschland habe dagegen “sehr lange ein randständiges Dasein geführt.”
Die Gutachter sehen gerade in der Zusammenarbeit ziviler und militärischer Forschung Chance für Synergien. “Wir haben in Deutschland eine strikte oder eine starke Trennung zwischen ziviler Forschung und militärischer Forschung. Und hier empfehlen wir, dies eher zusammen zu sehen, Synergien zu nutzen”, sagt die Vorsitzende der Expertenkommission, Professorin Irene Bertschek. Sie und ihre Kollegen fordern mehr Vernetzung und Austausch, etwa mit dem jüngst eröffneten Innovationszentrum der Bundeswehr im bayrischen Erding.
Hürden beim Wissenschaftstransfer
Eine Hürde sind hierbei oft sogenannte Zivilklauseln an Forschungseinrichtungen, mit denen militärische Forschungszwecke unterbunden werden sollen. Derzeit gelten an rund 70 von insgesamt etwa 422 Universitäten und Hochschulen diese freiwilligen Selbstverpflichtungen. Forschungsministerin Dorothee Bär (CSU) hält sie für überholt, weil es “naiv wäre zu glauben, dass wir diese strikte Trennung haben. Aber ich weiß, dass das natürlich vor Ort in den Universitäten gelöst werden muss.”
Schwierig sei auch die Weitergabe geistigen Eigentums, so die EFI-Experten. Insbesondere der Technologietransfer von der Wissenschaft in die Wirtschaft ist komplex und kompliziert. Dazu kommen strenge Datenschutzbestimmungen, die je nach Blickwinkel eine Datennutzung – gerade bei KI-Anwendungen – lenken oder unter Umständen erschweren.
Um die digitale Souveränität zu stärken und sicherheitsrelevante Abhängigkeiten von außereuropäischen KI-Anbietern zu reduzieren, empfehlen die Gutachter die Entwicklung eines Open-Source-Grundlagenmodells. Der Staat sollte für solche Produkte dann “Ankerkunde” werden, also gezielt solche Lösungen einkaufen. Diese könnten etwa US-amerikanische Software- und KI-Produkte ersetzen.
Hightech-Agenda soll Auftrieb geben
Die Bundesregierung will perspektivisch 3,5 Prozent der Wirtschaftsleistung in Forschung und Entwicklung investieren. Diesem Ziel käme man schrittweise näher, sagte Merz und unterstrich: “Forschung ist kein Selbstzweck. Forschung muss zu Wertschöpfung, Produktion und Innovation in Deutschland und in Europa führen.”
Im vergangenen Jahr hatte die Bundesregierung eigens ein Programm zur Stärkung von Forschung und Innovation verabschiedet: die “Hightech Agenda Deutschland” (HTAD). Darin werden sechs Zukunftstechnologien priorisiert: Künstliche Intelligenz, Quantentechnologien, Mikroelektronik, Biotechnologie, (Kern-)Fusion und klimaneutrale Energieerzeugung sowie Technologien für die klimaneutrale Mobilität. Das Ziel: Häufigere und schnellere Innovationen ermöglichen, die Wirtschaftskraft steigern und technologische Abhängigkeiten verringern.
Aus Sicht der EFI-Wissenschaftler sei die Hightech-Agenda der richtige Weg: stärker priorisieren, in welche Technologien Deutschland investieren soll – besser noch abgestimmt in Europa. Neben dem Lob für die Strategie und dem Appell, Forschung und Entwicklung, über Ressortgrenzen hinweg zu betrachten, mahnt die Expertenkommission auch eine bessere Kontrolle des Mittelabflusses an.
“Hightech Agenda ist sehr guter Ansatz”
Am Leibniz-Institut in Frankfurt/Oder ist man zuversichtlich, dass man bestehende Forschungslücken schließen kann. Die Hightech Agenda sei dafür “ein sehr guter Ansatz, dass Hochtechnologien, in unserem Fall Mikroelektronik, nicht nur in Form von Projekten über drei bis vier Jahren angegangen werden, sondern in einer richtigen Strategie”, so Geschäftsführer Gerhard Kahmen.
Denn langfristig sind auch die Forschungsvorhaben: Die deutschen Bauteile bei der ESA-Weltraummission sind erst 2031 am Ziel und sollen dann neue Erkenntnisse über den Jupiter liefern.

