Sexualstraftäter Epstein: Das norwegische Netzwerk

Sexualstraftäter Epstein: Das norwegische Netzwerk

Norwegische Zeitungen berichten über den Kontakt der norwegischen Kronprinzessin Mette-Marit zu dem Sexualstraftäter Epstein.

Stand: 11.02.2026 12:27 Uhr

In kaum einem europäischen Land sind so viele hochrangige Vertreter von den jüngsten Enthüllungen im Epstein-Skandal betroffen wie in Norwegen. Die Bürger sind entsetzt – und debattieren über die Konsequenzen.

Jana Sinram

Seit knapp zwei Wochen haben die Nachrichtensendungen in Norwegen kaum ein anderes Thema als die neuesten Entwicklungen in der “Epstein-Sache”, wie es hier heißt. Denn in den vom US-Justizministerium veröffentlichten Dokumenten zum Fall des verstorbenen Sexualstraftäters tauchen die Namen mehrerer bekannter norwegischer Persönlichkeiten auf.

“In den ersten Tagen lag der Fokus auf Kronprinzessin Mette-Marit”, erklärt der Politikerwissenschaftler Iver Neumann. Er ist Direktor des Fridtjof Nansen Instituts in Oslo und forscht zur norwegischen Außenpolitik. “Das wurde dann überschattet von der Debatte über Thorbjørn Jagland, den früheren Ministerpräsidenten und Generalsekretär des Europarates. Und zuletzt ging es vor allem um Terje Rød Larsen, einen ehemaligen Politiker der Arbeiterpartei, und seine Frau Mona Juul.”

Ein angebliches Testament wirft Fragen auf

Juul galt lange als eine der Top-Diplomatinnen des Landes. Norwegischen Medienberichten zufolge soll Epstein ihren Kindern in seinem Testament insgesamt zehn Millionen Dollar vermacht haben. Am Wochenende trat Juul deshalb von ihrem Posten als Botschafterin in Jordanien und dem Irak zurück. Inzwischen ermittelt die Spezialermittlungsbehörde für Wirtschaftskriminalität gegen sie und ihren Mann.

“Aufgrund der Informationen aus den sogenannten Epstein-Akten gibt es den Verdacht auf schwere Korruption”, sagte Økokrim-Chef Pål Lønseth im norwegischen Rundfunk. “Deshalb haben wir die gerichtliche Genehmigung erhalten, ihre Wohnung in Oslo zu durchsuchen. Und das haben wir getan.”

Im Raum steht auch der Verdacht, dass Epstein den Vorbesitzer der Wohnung unter Druck gesetzt hat, Rød Larsen und Juul die Luxusimmobilie im noblen Stadtteil Frogner weit unter Wert zu verkaufen. Gegen Juul wird wegen Korruption ermittelt, gegen ihren Mann wegen Beihilfe.

Brisante Fälle und der Faktor Alter

Bereits vergangene Woche hatte die Behörde Korruptionsermittlungen gegen Thorbjørn Jagland aufgenommen. Auch der Sozialdemokrat soll enge Verbindungen zu Epstein gehabt haben. Jagland war in den 1990er-Jahren ein Jahr lang Norwegens Ministerpräsident, später Außenminister, Vorsitzender des norwegischen Nobelkomitees und von 2009 bis 2019 Generalsekretär des Europarates.

Um die Ermittlungen zu erleichtern, hat das norwegische Außenministerium beantragt, die Immunität aufzuheben, die Jagland als ehemaliger Leiter der internationalen Organisation genoss. Norwegischen Medienberichten zufolge hat das zuständige Ministerkomitee dem Antrag heute Vormittag stattgegeben – wichtig für die Aufarbeitung.

“Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass Thorbjørn Jagland inzwischen 75 Jahre alt ist”, schränkt der Politikwissenschaftler Iver Neumann ein. “Terje Rød Larsen hatte einen Schlaganfall. Und Mona Juul stand kurz vor dem Ruhestand. Diese Fälle sind natürlich im Rückblick wichtig, auch, um ein mögliches Versagen des Systems zu verstehen. Aber politisch brisanter ist der Fall von Mette-Marit, die künftig Königin von Norwegen sein wird.”

Austausch nach erster Verurteilung

Der Name der Kronprinzessin taucht hunderte Male in den Epstein-Files auf. Sie soll sich über Jahre in sehr privaten E-Mails mit Epstein ausgetauscht haben – und zwar, nachdem dieser zum ersten Mal im Zusammenhang mit sexueller Gewalt gegen Minderjährige verurteilt worden war und eine Haftstrafe abgesessen hatte.

Die 52-Jährige hatte schriftlich um Entschuldigung gebeten. “Es ist mir wichtig, mich bei allen zu entschuldigen, die ich enttäuscht habe”, heißt es in einer Mitteilung des Königshauses von Freitag. Die Kronprinzessin distanziere sich entschieden von Epsteins Übergriffen und kriminellen Handlunge und bedaure, nicht früher erkannt zu haben, was für ein Mensch er gewesen sei.

Viel aufzuarbeiten

In der norwegischen Politik geht es jetzt erst einmal darum, die Epstein-Kontakte im Außenministerium und an anderen Stellen aufzuarbeiten. Der zuständige Kontrollausschuss des Parlaments leitete erste Schritte zur Einrichtung einer unabhängigen Untersuchungkommission ein.

Über die Notwendigkeit seien sich alle Parteien einig, sagt Jonas Andersen Sayed, der für die oppositionelle Christliche Volkspartei im Kontrollausschuss sitzt. “Es ist wichtig, den Kontakten zwischen Epstein und einem bestimmten Milieu in Norwegen auf den Grund zu gehen. Wer wusste was und warum wurde das nicht früher aufgedeckt? Es ist eine sehr ernste Angelegenheit, wenn zentrale Behördenvertreter enge Verbindungen zu ihm hatten und persönliche Vorteile daraus gezogen haben.”

Wann die Kommission ihre Arbeit aufnehmen wird, ist noch nicht klar. Fest steht: Norwegen kommt in Sachen Epstein erstmal nicht zur Ruhe.

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