Mehr als 30 Jahre nach dem Ende der Rassentrennung beginnt in Südafrika ein neuer Versuch der Aufarbeitung. Eine Untersuchungskommission soll klären, warum Hunderte schwere Verbrechen nie vor Gericht gelandet sind.
Tshidiso Motasi ist gerade mal fünf Jahre alt, als die Apartheid-Polizei im Jahr 1987 mitten in der Nacht das Haus seiner Familie stürmt und seine Eltern erschießt. Am nächsten Morgen erfährt der Junge von Nachbarn, was passiert ist. Bis heute kann er sich an jedes Detail erinnern, sogar an den Schlafanzug, den er damals getragen hat. Und wie die Nachbarn in sein Zimmer kamen, um ihn wachzurütteln.
“Ich hatte Angst, weil alle geschrien haben”, erinnert sich Motasi. “Dann bin ich in Panik ins Esszimmer gerannt und habe meinen Vater mit einer großen Schusswunde in einer Blutlache liegen sehen.” Bis heute ist der brutale Doppelmord nicht aufgeklärt und niemand dafür zur Rechenschaft gezogen worden.
Fälle wie dieser sollen jetzt wieder in den Blick genommen werden. Verbrechen des rassistischen Regimes, die zwar nach dem Ende der Apartheid von der Wahrheits- und Versöhnungskommission TRC dokumentiert wurden, aber nie vor Gericht gelandet sind.
Nur wenige prominente Fälle aufgearbeitet
Zwar sind gerade erst mehrere prominente Todesfälle wie die des ersten afrikanischen Friedensnobelpreisträgers Albert Luthuli oder des Bürgerrechtlers Steve Biko neu aufgerollt worden. Tausende weniger bekannte Familien aber fragen sich, warum sie weiter auf Antworten warten müssen. Eine Untersuchungskommission soll klären, was hinter dieser Ungleichbehandlung steckt. Auch, um das Vertrauen der Menschen in den Rechtsstaat zurückzugewinnen. Den Opferfamilien neue Hoffnung zu geben.
Eine Sonderausstellung im Johannesburger Apartheid-Museum dokumentiert gerade eine ganze Reihe dieser vergessenen Fälle. Unter der Überschrift “Grave Injustice – The Unfinished Business of the TRC”, übersetzt so viel wie “Schweres Unrecht – Die offenen Baustellen der Versöhnungskommission”.
Südafrikas Stiftung für Menschenrechte hat an der Dokumentation mitgearbeitet und wirft der Politik des Landes schwere Versäumnisse vor. Politische Einflussnahme und bewusste Untätigkeit hätten dazu geführt, dass Hunderte von Fällen nie untersucht oder strafrechtlich verfolgt wurden. Die Ausstellung erzähle von Familien, die jahrzehntelang gegen eine Regierung kämpfen mussten, die die Versprechen der TRC gebrochen hat.
Ex-Präsidenten wollten Untersuchungen verzögern
Vor allem unter den Präsidenten Thabo Mbeki und Jacob Zuma soll die Aufklärung von Apartheid-Verbrechen ins Stocken geraten oder sogar massiv behindert worden sein. Über die möglichen Gründe wird viel spekuliert. Eine Rolle gespielt haben könnte, so heißt es jedenfalls, dass die damaligen Regierungen die nationale Versöhnung nicht mit weiteren Strafverfahren in Gefahr bringen wollten. Womöglich sollte aber auch verhindert werden, dass Verbrechen der Befreiungsbewegung ANC zu sehr in den Mittelpunkt rücken. Offiziell weisen beide Ex-Präsidenten die Vorwürfe zurück.
Allerdings haben sowohl Mbeki als auch Zuma versucht, den Start der neuen Untersuchungen mit Befangenheitsanträgen gegen die Kommissionsvorsitzende zu verzögern, waren damit aber vor Gericht gescheitert. Die Ermittlungsarbeit unter Leitung der pensionierten Verfassungsrichterin Sisi Khampepe kann jetzt wie geplant beginnen. Und die Kommission hat weitreichende Befugnisse: Sie kann etwa Durchsuchungsbefehle erlassen, Dokumente sicherstellen und Personen vorladen.
Motasi hält die neuen Ermittlungen für überfällig und hofft auf späte Gerechtigkeit. Darauf, dass der Mord an seinen Eltern doch noch aufgeklärt wird. Auch damit seine Großmutter, bei der er aufgewachsen ist, endlich einen Abschluss findet. “Jedes Mal, wenn wir darüber sprechen, weint meine Oma. Sie musste damals alles sauber machen. Die Polizei zwang sie dazu”, erzählt Motasi. “Stellen Sie sich vor, Sie müssten das Gehirn Ihres eigenen Kindes wegwischen. Sie ist so traumatisiert. Ich möchte einfach nur die Wahrheit – für sie. Damit sie vielleicht in Ruhe gehen kann.”

