Bericht: “Jedes Unternehmen hängt von Biodiversität ab”

Bericht: “Jedes Unternehmen hängt von Biodiversität ab”

Blick auf die Blitzenreuter Seenplatte. (Archivbild: 03.11.2025)

Stand: 09.02.2026 15:53 Uhr

Menschen sind von der Artenvielfalt abhängig – damit auch die Wirtschaft. Laut Weltbiodiversitätsrat wird Geld aber vor allem so investiert, dass es der Biodiversität schadet. Der Rat appelliert an Unternehmen.

Von Sylvaine von Liebe, BR

Unternehmen können zum Natur- und Artenschutz beitragen. Meistens tragen sie aber mit ihren Aktivitäten zur Zerstörung der Natur und zum Verschwinden von Tier- und Pflanzenarten bei. Wie sehr sie das tun und was dagegen getan werden kann, zeigt der aktuelle “Business and Biodiversity Report” des Weltbiodiversitätsrat (IPBES), der nun veröffentlicht wurde.

Verlust der Vielfalt

Laut dem Bericht beliefen sich im Jahr 2023 die globalen öffentlichen und privaten Finanzströme mit direkten negativen Auswirkungen auf die Natur auf schätzungsweise auf 7,3 Billionen US-Dollar, etwa 2,4 Billionen US-Dollar wurden für umweltschädliche Subventionen ausgegeben. Demgegenüber flossen im selben Jahr nur 220 Milliarden US-Dollar an öffentlichen und privaten Finanzmitteln in Aktivitäten, die zum Erhalt und zur Wiederherstellung der Biodiversität beitrugen, heißt es im IPBES-Bericht.

Dabei stellen die Autorinnen und Autoren klar: “Jedes Unternehmen ist von der biologischen Vielfalt abhängig.” Selbst Unternehmen, die weit entfernt von der Natur zu sein schienen oder sich nicht als naturbasiert sähen, seien direkt oder indirekt auf sie angewiesen, so der Bericht. Etwa durch materielle Inputs, die Regulierung von Umweltbedingungen oder immaterielle Beiträge wie Tourismus.

Und das gilt auch andersherum: Jedes Unternehmen habe eben auch Auswirkungen auf die Biodiversität. Durch das Wachstum der Weltwirtschaft habe die Natur massiv an Artenvielfalt verloren – ein “Risiko für die Wirtschaft, die Finanzstabilität und das Wohlergehen der Menschen”, heißt es.

Rahmenbedingungen, Werte und Wissen

Wie kann also mehr Arten- und Naturschutz in der Wirtschaft gelingen? Als zentrale Maßnahmen nennt der Bericht unter anderem entsprechende politische, rechtliche und regulatorische Rahmenbedingungen zu schaffen. Aber auch soziale Werte, die entsprechende Unternehmenskultur und nicht zuletzt das Wissen und die notwendigen Kapazitäten sind laut IPBES wichtige Voraussetzungen für mehr Schutz der Biodiversität.

Außerdem fordert der Bericht Unternehmen zu mehr Zusammenarbeit auf, etwa mit der Wissenschaft, und mehr wissenschaftliche Erkenntnisse und Daten zu nutzen – aber auch das Wissen indigener Völker. “Eine respektvolle Zusammenarbeit, die zum Austausch und zur besseren Nutzung von Daten, Informationen, wissenschaftlichen Erkenntnissen sowie indigenem und lokalem Wissen führt, kann ein besseres Management von Geschäftsrisiken und die Realisierung von Chancen ermöglichen”, sagt Ximena Rueda, Co-Vorsitzende der Bewertungskommission des Berichts.

Obwohl die industrielle Entwicklung 60 Prozent der indigenen Gebiete durch Ressourcenausbeutung bedrohe, seien indigene Völker und lokale Gemeinschaften in der Wirtschaftsforschung und Entscheidungsfindung oft unzureichend vertreten, betont die kolumbianische Wissenschaftlerin in einer Pressemitteilung zum Report.

80 Experten aus 35 Ländern

Fast drei Jahre lang haben 80 Experten aus Wissenschaft und Privatwirtschaft sowie von indigenen Völkern und lokalen Gemeinschaften aus 35 Ländern an diesem Bericht gearbeitet. Diese Informationen sollen der Wissenschaft, der Politik und nicht zuletzt den Unternehmern selbst dabei helfen, die international und national vereinbarten Ziele von Umwelt- und Naturschutzabkommen mit entsprechenden Maßnahmen zu erreichen.

Was ist der Weltbiodiversitätsrat?

Der Weltbiodiversitätsrat oder Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES) ist ein unabhängiges wissenschaftliches Gremium der Vereinten Nationen mit Delegierten aus derzeit mehr als 150 Mitgliedsstaaten, darunter auch Deutschland.

Er hat die Aufgabe, insbesondere die Politik zum Thema biologische Vielfalt und Ökosystemleistungen wissenschaftlich zu beraten. Dafür sammelt er weltweit wissenschaftliche Daten, analysiert diese, zeigt politische Handlungsmöglichkeiten auf und fasst all das in Berichten zusammen. Für die Erstellung der Berichte nominieren die Mitgliedsstaaten Expertinnen und Experten, meist aus der Wissenschaft. Der Rat, der 2012 gegründet wurde, führt keine eigenen Forschungen durch.

Das Plenum des Weltbiodiversitätsrats, das höchste Gremium, tagt in der Regel alle ein bis zwei Jahre. Vertreterinnen und Vertreter der Ministerien der Mitgliedstaaten sowie akkreditierte Teilnehmerorganisationen nehmen daran teil. Neben Beschlüssen über Leitungsfunktionen, Expertengruppen und Budgets berät das Plenum über die unregelmäßig erscheinenden Berichte, verabschiedet und veröffentlicht sie.

Ziele des Weltbiodiversitätsrats

“Das ist eine Leistung, die man gar nicht hoch genug einschätzen kann”, sagt Axel Paulsch, Geoökologe und erster Vorsitzender des Instituts für Biodiversität – Netzwerk e.V., der die Verhandlungen zu allen bisher entstandenen IPBES-Berichten verfolgt und beraten hat. Zumal alle beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dies unbezahlt zusätzlich zu ihrer normalen Arbeit machten.

Ziel des Weltbiodiversitätsrats ist es insbesondere, in Sachen Biodiversität, Artenschutz und Ökosystemleistungen einen Überblick zu geben über die aktuelle Studienlage und über die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse. Politische Entscheidungsträger – und beim aktuellen Bericht auch Unternehmen – sollen außerdem durch das Aufzeigen von Handlungsmöglichkeiten dazu animiert und dabei unterstützt werden, notwendige Maßnahmen zum Schutz von Umwelt und Natur zu treffen.

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