Warum die Tarifverhandlungen in Chemiebranche so schwierig sind

Warum die Tarifverhandlungen in Chemiebranche so schwierig sind

Produktionsanlagen stehen auf dem Werksgelände des Chemiekonzerns BASF.

Stand: 09.02.2026 08:40 Uhr

In der Chemie- und Pharmabranche wird über einen neuen Tarifvertrag verhandelt. Doch Kompromisse sind schwierig, wenn einige Unternehmen gute Gewinne machen und andere unter hohen Energiepreisen ächzen.

Fast 600.000 Menschen arbeiten in der Chemie- und Pharmabranche. Für sie verhandeln Arbeitgeber und Gewerkschaften seit vergangener Woche über einen neuen Tarifvertrag. Das Problem dabei: Während einige Unternehmen wachsen und Gewinne machen, stecken andere tief in der Krise. So wie Ineos, Produzent von chemischen Grundstoffen für Automobilbau oder auch die Energietechnik, die mit hohem Energiebedarf hergestellt werden.

In dem Kölner Werk, dem größten deutschen Standort, arbeiten derzeit rund 2.000 Mitarbeiter. Die Lage bei Ineos ist angespannt, in Köln wurden kürzlich zwei Produktionsanlagen stillgelegt, in Rheinberg wird ein Drittel der Produktion stillgelegt. In Gladbeck nächstes Jahr ein komplettes Werk.

Arbeitgeber wollen Null-Runde

In dieser Ausgangslage wird in Hannover über einen neuen Tarifvertrag verhandelt. Und die Arbeitgeber machen deutlich: Sie sehen aktuell keinen Spielraum für Lohnerhöhungen. Matthias Bürk vom Bundesverband Chemie Arbeitgeber betont: “Die Branche ist in einer tiefgreifenden strukturellen Krise, das Produktionsniveau liegt 20 Prozent niedriger als 2018. Wir erleben Anlagenschließungen, wir erleben Insolvenzen und wir erleben leider auch Personalabbau.”

Der Grund: Wettbewerber aus USA und Asien können Produkte auf dem Weltmarkt deutlich preiswerter anbieten, so gehen Marktanteile verloren. Das liegt zum Beispiel an den hohen Stromkosten, die rund doppelt so hoch sind wie etwa in den Vereinigten Staaten. Bei Erdgas sieht es ähnlich aus. Zusätzlich werden energieintensive Betriebe wie eben Ineos noch durch Klimaschutzmaßnahmen belastet. Die Kosten für CO2-Zertifikate stiegen für die chemische Industrie allein im Jahr 2024 um rund 200 Millionen Euro.

Deshalb fordern die Arbeitgeber bei den Löhnen nun eine Art Null-Runde – doch so einfach wollen sich die Gewerkschaften nicht zufrieden geben. Der Verhandlungsführer der Gewerkschaft Chemie, Bergbau, Energie, Oliver Heinrich, fordert ein klares Signal: “Es muss gelingen, auch ein Stück Aufbruchstimmung in dieses Tarifergebnis zu packen.”

Arbeitsstunde in den USA billiger

Die Arbeitnehmer in der Chemiebranche erleben bereits seit Jahren ein Lohnwachstum, das unterhalb der Inflation liegt. Einen weiteren Reallohnverlust will die Gewerkschaft in diesen Verhandlungen nicht mehr akzeptieren. Und in den USA wurden die Löhne viel stärker angehoben. Doch die Arbeitgeber sehen sich in Deutschland trotzdem im Nachteil: Wegen kürzerer Arbeitszeiten und höhere Sozialabgaben. So koste in den Vereinigten Staaten eine Arbeitsstunde rund 54 Euro, in Deutschland dagegen 65 Euro.

Die höheren Löhne seien aber eigentlich kein großer Standortnachteil, sagt Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Denn die Lohnkosten seien gerade in der chemischen Industrie im Vergleich zu den Energiekosten nur ein sehr kleiner Faktor: “Wenn man jetzt auf Lohnerhöhung verzichtet, heißt das ja nicht, dass die Unternehmen wettbewerbsfähig werden und ihnen das im internationalen Vergleich hilft.”

Pharma-Industrie macht Gewinne

Zumal es auch in Deutschland Unternehmen in der Chemie- und Pharmabranche gibt, die nicht in der Krise stecken: In Frankfurt Hoechst produziert Sanofi Insulin, und die Produktion läuft so gut, dass in den nächsten drei Jahren hier für 1,3 Milliarden Euro die modernste Insulin-Produktion der Welt neu entstehen soll. Die Pharma-Unternehmen, auch Teil der Chemieindustrie, verdienen derzeit sehr ordentlich.

“Es geht vielen Unternehmen in der Branche gut”, sagt auch Marcel Fratzscher vom DIW. “Wenn es Probleme bei einzelnen Unternehmen gibt, muss man individuelle Lösungen finden. Aber das kann keine Rechtfertigung dafür sein, dass alle 585.000 Beschäftigten der Chemieindustrie jetzt auf Lohnerhöhungen verzichten sollen.”

Erfolg nicht durch Lohnerhöhungen gefährden?

Denn es gibt noch mehr Positivbeispiele, etwa den Medizintechnik-Produzent B. Braun aus dem nordhessischen Melsungen. Mitten in der Energiekrise 2023 begann das Unternehmen den Bau eines neuen Werks, das im Oktober vergangenen Jahres in Betrieb ging. Die Mitarbeiter werden nach Chemietarif bezahlt – und erleben deshalb seit zehn Jahren einen Kaufkraftverlust, trotz guter Geschäfte des Unternehmens.

Die Gewerkschaft erklärt, man habe in bisherigen Tarifverträgen schon die Möglichkeit geschaffen, in besonders schlecht laufenden Phasen von den Beschäftigten in einzelnen Unternehmen besondere Opfer zu verlangen. Ähnlich könne man künftig in gut laufenden Betrieben auch eine höhere Vergütung festschreiben.

Doch zu Verhandlungsbeginn wiesen die Arbeitgeber diese Idee zurück: In der Pharmabranche gebe es mit globalen Zöllen und einem wachsenden internationalen Wettbewerb ebenfalls ein schwieriges Umfeld. “Auch für die Pharmaindustrie haben wir insgesamt eine schwierige strukturelle Lage”, so Matthias Bürk. Man dürfe den Erfolg der Branche nicht durch höhere Lohnabschlüsse gefährden.

Schnelle Einigung ist nicht zu erwarten

Der DIW-Experte Fratzscher hält dagegen: Er glaubt, dass die Arbeitgeber – mit Ausnahmeregelungen für besonders krisengeplagte Unternehmen – durchaus eine gewisse Lohnsteigerung verkraften könnten. Ein für mehrere Jahre abgeschlossener Tarifvertrag, der von Jahr zu Jahr die aktuelle und prognostizierte Inflation ausgleicht, könne für beide Seiten attraktiv sein, auch wegen langfristiger Planbarkeit.

Verglichen mit anderen Branchen sind Tarifverhandlungen der chemischen Industrie historisch meist vergleichsweise friedlich, einvernehmlich geführt und beendet worden. Eine schnelle Einigung ist diesmal allerdings eher nicht zu erwarten.

Comments

No comments yet. Why don’t you start the discussion?

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *