Wer den Song einmal hört, vergisst ihn nie: Rick Astleys Hit “Never Gonna Give You Up” hat Ohrwurmgarantie. Auch fast 40 Jahre später “rollt” er weiter durchs Netz. Dank des Phänomens “Rickrolling”.
Dieses Wochenende wird Sänger Rick Astley 60 Jahre alt. Ein runder Geburtstag, der fast nebensächlich wäre, hätte sein größter Hit nicht längst ein Eigenleben entwickelt: “Never Gonna Give You Up”, veröffentlicht 1987, ist nicht nur ein Popklassiker. Er ist die Grundlage des Internet-Phänomens, das wir heute als “Rickrolling” kennen. Wer dachte, ein Klick auf einen harmlosen Link sei ungefährlich, wird hier eines Besseren belehrt.
Das “Rickrolling” beginnt harmlos. Ein Synthesizer, gepflegt wie aus dem Katalog der späten Achtziger, dazu ein Beat, der eher schreitet als tanzt. Dann diese Stimme: glatt, freundlich, ein wenig zu ernst für das, was sie verspricht. Kaum setzt die Melodie ein übernimmt das Gehirn die Regie.
Ein unscheinbarer Link – und dann kommt Astley
Wer den Refrain einmal kennt, trägt ihn lebenslang mit sich herum. Während man innerlich schon mitsingt, wird klar: Man ist gerade hereingelegt worden. Genau darin liegt das Prinzip des “Rickrolling”: Ein Link verspricht etwas anderes – und hält stattdessen Rick Astley bereit.
Der Brite Rick Astley trat oft selbstironisch mit seinem eigenen Meme auf. So wurde daraus ein Meta-Gag.
Die Mechanik ist simpel, doch im Unterschied zu modernem Clickbait, Scam oder algorithmischer Irreführung folgt darauf kein Ärger, sondern meist ein kurzes Lachen. Der Vertrauensbruch ist minimal, fast höflich. Das “Rickrolling” ist damit mehr als ein Witz: Es ist ein Zeitdokument des frühen Internets – einer Phase, in der Täuschung noch Spiel war und Aufmerksamkeit kein Geschäftsmodell.
Statt eines Computerspiels kam “Never gonna give you up”
Entstanden ist diese Mechanik Mitte der 2000er-Jahre in den Foren des frühen Webs, insbesondere auf dem Forum 4chan. Dort gehörte Irreführung zur Grundausstattung digitaler Kommunikation. Der Vorgänger, der sogenannte Duckroll, leitete Nutzerinnen und Nutzer auf ein Bild einer Ente auf Rädern.
Die erste belegte “Rickrolling”-Iteration begann am 15. Mai 2007. Damals kündigte ein Nutzer den Trailer zum sehnsüchtig erwarteten Computerspiel “Grand Theft Auto IV” an – und verlinkte stattdessen das Musikvideo von Rick Astley. Der Rest ist Geschichte.
Aus einem Insiderwitz wird ein Massenphänomen
Was als Insiderwitz begann, wurde 2008 zum Massenphänomen und verlor dabei erstaunlich wenig von seinem Charme. In jenem Jahr stieg “Rickrolling” aus den Foren heraus. Auffällig dabei: die Rolle des Anbieters YouTube. Am 1. April 2008 leitete YouTube sämtliche hervorgehobenen Videos gezielt auf “Never Gonna Give You Up” um – ein offizieller Scherz, der Millionen Klicks generierte.
Das Brisante daran: Normalerweise werden urheberrechtlich geschützte Musikvideos auf der Plattform rigoros gelöscht oder blockiert, oft automatisiert. Beim “Rickrolling” galt jedoch eine andere Logik. Einzelne frühe Uploads wurden später gesperrt, andere Versionen blieben online und sammelten ungestört Abrufe, mit bis heute anhaltendem Erfolg: Das Video selbst hat inzwischen über eine Milliarde Views.
Rick Astleys Video zum Song “Never Gonna Give You Up” hat dank des Phänomens “Rickrolling” mehr als eine Milliarde Views.
Das Meme wurde von YouTube weniger als Rechtsproblem behandelt, denn als kulturelles Ereignis – harmlos, gemeinschaftsstiftend und vor allem extrem aufmerksamkeitsstark. Hier zeigt sich die doppelte Logik der Plattform-Ökonomie: Was sonst gelöscht wird, darf bleiben, wenn es dem System nützt. Das “Rickrolling” überlebte nicht trotz YouTube, sondern auch wegen YouTube. Ein frühes Beispiel dafür, wie Plattformen Humor tolerieren, solange er Klicks bringt.
Barack Obama und Nancy Pelosi sind “Rickroller”
Sogar die Politik bediente sich in den Folgejahren rege am Gag. Dass ausgerechnet ein Pop-Song auf Regierungsseiten auftauchte, zeigt den harmlosen, fast subversiven Charme des Tricks. 2009 etwa “rickrollte” Nancy Pelosi öffentlich. 2010 nutzten Mitglieder der Legislative des US-Bundesstaates Oregon den Refrain in einer Sitzung.
2011 griff sogar der Twitter-Account des Weißen Hauses zu einer “Rickrolling”-Referenz. Mit “BarackRoll” wurde Obama zu seinen Wahlkampfzeiten zum volksnahen Polit-Star. Auch Greta Thunberg nutzte 2021 den Song für einen Aprilscherz.
Gerade, weil “Rickrolling” harmlos wirkt, eignet er sich auch als Protestform. Aktivisten nutzten ihn gezielt gegen Institutionen wie die Church of Scientology, deren offizielle Webseiten und Videos im Rahmen der Anonymous-Proteste wiederholt “gerickrollt” wurden, ebenso wie gegen fundamentalistische Baptistenkirchen. Etwa, indem vermeintlich aufklärende oder unterstützende Links ins Leere führten und stattdessen Rick Astley ausspielten.
Lizenz zur Popkultur
Parallel wanderte das “Rickrolling” als Netzphänomen weiter in die Popkultur. Serien wie “Family Guy” oder “The Simpsons” zitierten ihn, Videospiele und Filme wie “Ralph Breaks the Internet” und “The Angry Birds Movie” griffen ihn auf.
Auch auf Konzertbühnen wurde “Rickrolling” früh adaptiert. Bands wie die Foo Fighters spielten “Never Gonna Give You Up” überraschend live anstelle eines eigenen Songs. Andere nutzten den Refrain als Fake-Intro – ein “Rickroll” als gemeinsames Augenzwinkern zwischen Bühne und Publikum. Aus einem Insiderwitz wurde ein selbstbewusstes, wiedererkennbares Zitat; das Meme hatte seine Lizenz zur Popkultur erhalten.
Rick Astley übernimmt das Meme
Rick Astley selbst verschwand Anfang der 1990er-Jahre bewusst aus dem Musikgeschäft. Geboren 1966 im britischen Newton-le-Willows, startete er als Teenager im Chor, bevor er mit “Never Gonna Give You Up” international bekannt wurde.
Später trat er selbstironisch mit seinem eigenen Meme auf, sang bei Paraden oder überraschte bei öffentlichen Auftritten. Wer sein eigenes Meme übernimmt, entzieht ihm die Spitze. So wurde aus dem unfreiwilligen Köder ein Meta-Gag.
