Erdbeben in der Türkei: Überlebende kämpfen immer noch mit den Folgen

Erdbeben in der Türkei: Überlebende kämpfen immer noch mit den Folgen

Zelte und Wohncontainer sind in Hatay (Türkei) zu sehen.

Stand: 06.02.2026 15:52 Uhr

Die Folgen des verheerenden Erdbebens im Südosten der Türkei sind auch drei Jahre später noch zu spüren. Viele Menschen müssen weiterhin in Containern leben – und mit den Erinnerungen an die Katastrophe kämpfen.

Benjamin Weber

Drei Jahre ist das verheerende Erdbeben in Nordsyrien und in der Türkei heute her. Zehntausende sind dabei gestorben, Hunderttausende wurden obdachlos. In Hatay in der Türkei ist der Wiederaufbau in vollem Gange. Trümmer sind kaum noch zu sehen.

Bis heute leben noch immer Menschen in Container-Städten. Und viele von ihnen haben auch mental mit den Nachwirkungen des Bebens zu kämpfen.

Überlebende wollen auf erneute Katastrophe vorbereitet sein

Refik Karaçaylı hat das Erdbeben überlebt und berichtet noch heute von ständigen Flashbacks. “Es gibt viele Auslöser. Manchmal, wenn ich mit meiner Tochter spiele, stelle ich mir vor, das Erdbeben passiert jetzt, und wir liegen unter den Trümmern.”

Refik arbeitet selbst für die Hilfsorganisation “Hayata Destek” – auf Deutsch “Hilfe zum Leben”. Sie haben sich viel um Erdbebenopfer gekümmert, zum Beispiel mit Mikrokrediten, erzählt er. Der Bedarf sei weniger geworden.

Für den Fall, dass nochmal ein großes Erdbeben kommt, ist Refik heute vorbereitet. Mit seiner Frau habe er sichere Fluchtwege besprochen und der Tank im Auto sei nie weniger als halbvoll.

Angehörige trauern mit persönlichen Denkmälern

Um den Jahrestag herum ist zwischen Gedenkveranstaltungen und Politikerbesuchen viel los in Hatay. Auf einem der Friedhöfe für Erdbebenopfer legt der türkische Oppositionsführer Özgür Özel von der CHP rote Nelken auf den Gräbern nieder. Ein Gebet wird gesprochen.

Nicht alle sind wegen des hochrangigen Politikers hier. Viele Menschen trauern um ihre verlorenen Angehörigen. Eine ältere Frau erzählt von ihrer Cousine, die beim ersten Erdbeben starb. “Ich habe Kummer. Ich komme öfter hierher. Jedes Mal muss ich an die Tage damals denken.”

Hier und da haben Angehörige Kleidungsstücke der Toten befestigt und die Gräber mit Kopftüchern, T-Shirts und Kinderschuhen zu persönlicheren Denkmälern gemacht. Überall steht dasselbe Datum: 6. Februar 2023.

Offiziell 53.000 Menschen bei Erdbeben gestorben

Um 4:17 Uhr bebte in dieser Nacht zum ersten Mal die Erde. Das Beben der Stärke 7,7 erschütterte elf Regionen im Südosten der Türkei. Zahlreiche Nachbeben folgten, um 13:24 Uhr ein besonders schweres der Stärke 7,6. Offiziellen Zahlen zufolge starben mehr als 53.000 Menschen. Manche schätzen, es waren viel mehr. Zehntausende Häuser wurden beschädigt oder stürzten ein.

Drei Jahre später leben immer noch viele Menschen in Container-Städten, so wie die 59-jährige Selma. Mit ihrem Mann und zwei erwachsenen Kindern bewohnt sie einen kleinen Container. “Wir haben hier Wasser und Strom, Gott segne Sie”, sagt sie. “Es gibt also keine Probleme.” Zwar sei alles eng und klein, aber das sei Selmas Familie fast egal, “denn nach dem Erdbeben ist die Welt für uns vorbei.”

Bei der Erinnerung an das Erdbeben weint Selma. Ihre Tochter und ihre Enkelin wurden in den Trümmern eingeschlossen und lebend geborgen. Doch der Vater ihrer Enkelin überlebte das Erdbeben nicht: “Erst nach neun Tagen holten sie seinen Körper aus den Trümmern. Diesen Tag durchleben wir täglich neu, obwohl drei Jahre vergangen sind.”

Immer noch nicht genug Wohnraum

Die Luft in Hatay ist staubig. Überall sind Baustellen. Seit 2023 baut die türkische Regierung Häuser im Eiltempo. Es handelt sich um moderne Wohnblocks, die teils noch nicht bezugsfertig sind. Mehr als 450.000 Wohneinheiten seien bis Dezember fertiggestellt worden, sagt die Regierung. Doch der Bedarf ist größer, und so müssen viele weiterhin in Containern ausharren.

In Defne sind es auch Container, in denen der Pädagoge Mehmet Yarcan nach dem Erdbeben eine Solidaritätsgruppe für Kinder aufgebaut hat. Hier können sie Instrumente lernen und Theater spielen. “Wir wollten etwas für die Kinder und Jugendlichen tun, damit sie sich einigermaßen gut fühlen, und nicht ständig an das Erdbeben denken müssen”, erklärt Mehmet.

Kurse und Solidaritätsgruppen für die Menschen

Mit den Kindern hat er ein selbstgeschriebenes Theaterstück erarbeitet und aufgeführt. Der Titel lautete “Umut” – also “Hoffnung”. Die elfjährige Çağla sagt, sie hat hier in den Containern eine Leidenschaft fürs Theaterspielen entwickelt. “Ich habe nicht vor, mit Theater aufzuhören”, sagt Çağla. “Theater zu spielen, auf der Bühne zu stehen, lässt einen die schlechten Tage vergessen.”

Auch in der Container-Stadt, in der Selmas Familie lebt, gibt es mittlerweile Angebote für die Menschen, die dort ausharren müssen. So besucht Selma einen Weidenflechtkurs: “Das ist wie eine Therapie, denn es lenkt meinen Geist ab und ich kann ein wenig vergessen.” Selma hat das Gerücht gehört, ihre Container-Stadt schließe im Juni. Wo sie dann hingehen soll, weiß sie nicht.

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