314 Kriegsgefangene sollen in ihre Heimat zurückkehren – darauf haben sich die Unterhändler der Ukraine und Russlands geeinigt. Weitere Ergebnisse der Gespräche in Abu Dhabi wurden nicht bekannt, aber eine Fortsetzung ist geplant.
Die Ukraine und Russland haben die zweite Runde der von den USA vermittelten Gespräche in Abu Dhabi abgeschlossen. Beide Seiten einigten sich auf einen Gefangenenaustausch von jeweils 157 Menschen, der bereits stattgefunden hat.
Auf ukrainischer Seite seien sieben Zivilisten darunter sowie Menschen, die von Russland illegal verurteilt worden seien, teilte der Menschenrechtsbeauftrage des ukrainischen Parlaments, Dmytro Lubinets, mit. Sie seien nach jahrelanger Gefangenschaft in schlechter körperlicher und seelischer Verfassung, aber frei.
Auf russischer Seite seien drei Zivilisten ausgetauscht worden, die aus der Grenzregion Kursk in die Ukraine gebracht worden seien, als die Ukraine das Gebiet vorübergehend besetzte, hieß es aus dem Verteidigungsministerium in Moskau. Die ausgetauschten russischen Militärs würden in Belarus medizinisch behandelt.
US Sondergesandter: Gespräche werden fortgesetzt
Neben den Delegationen aus Kiew und Moskau nahmen am zweiten Tag der Verhandlungen auch der US-Sondergesandte Steve Witkoff und Jared Kushner, der Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump, teil.
Witkoff nannte den Austausch der Gefangenen auf X ein Ergebnis von Friedensgesprächen, die detailliert und produktiv gewesen seien. Er sagte auch, dass noch viel Arbeit vor den Beteiligten läge – dennoch zeigten Schritte wie der Gefangenenaustausch, dass ein nachhaltiges diplomatisches Engagement greifbare Ergebnisse liefere und die Bemühungen zur Beendigung des Krieges in der Ukraine vorantreibe.
Selenskyj kündigt weiteres Treffen an
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj teilte mit, beide die Seiten hätten sich auf ein weiteres Treffen in naher Zukunft geeinigt. “Die Gespräche dauern an. Es ist sicherlich nicht einfach, aber die Ukraine war und wird so konstruktiv wie möglich sein”, sagte Selenskyj auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk in Kiew, bei der er auch eine engere Zusammenarbeit mit Polen bei der Rüstungsproduktion verkündete.
“Vor allem darf Russland für seine Aggression keine Belohnung erhalten”, sagte Selenskyj. “Der Krieg muss so enden, dass Russland kein Verlangen mehr hat, diese Aggression gegen die Ukraine oder andere europäische Staaten zu wiederholen.”
Die Gespräche hätten alle wichtigen Streitpunkte zwischen den beiden Seiten abgedeckt, sagte der ukrainische Präsident. Darüber hinaus betonte er allerdings auch, dass die Ukraine solide Sicherheitsgarantien erhalten müsse, auch von Washington, um langfristig sicherzustellen, dass Russland nicht erneut angreifen werde.
Wiederaufnahme von Militär-Dialog mit USA
Von der russische Seite hieß es, es gebe Fortschritte und positive Entwicklungen. Das teilte Russlands Chefunterhändler Kirill Dmitrijew mit und sagte außerdem, dass daran gearbeitet werde, die Beziehungen Russlands zu den Vereinigten Staaten wiederherzustellen.
Russland und die USA haben sich demnach auf eine Wiederaufnahme des seit 2021 ausgesetzten militärischen Dialogs auf Leitungsebene verständigt. Das gab das US-Oberkommando für Europa (EUCOM) nach dem Treffen in Abu Dhabi bekannt. Der wiederbelebte Kommunikationskanal werde “kontinuierlichen militärischen Kontakt ermöglichen, während die Parteien weiterhin auf einen dauerhaften Frieden hinarbeiten”, hieß es in der EUCOM-Mitteilung.
Positionen weit auseinander
In den zentralen Punkten zu einer Beendigung des Krieges liegen die Positionen der Kriegsparteien jedoch nach wie vor weit auseinander. Moskau fordert den Abzug der ukrainischen Truppen aus der gesamten Region Donezk als Vorbedingung für eine Einigung. Kiew lehnt dies ab und fordert stattdessen ein Einfrieren des Konflikts entlang der aktuellen Frontlinie.
Als besonders heikel gilt neben den Gebietsfragen auch das Schicksal des von Russland besetzten Atomkraftwerks Saporischschja. Kremlsprecher Dmitri Peskow bekräftigte, die russischen Truppen würden so lange kämpfen, bis Kiew zu Entscheidungen gelange, die den Krieg beenden könnten.
Selenskyj: 55.000 getötete Soldaten
Rund 80 Prozent des umkämpften Donbass sind derzeit unter Kontrolle der russischen Invasoren. Um den Donbass vollständig zu besetzen, würde Russland mindestens zwei Jahre brauchen und müsse mit 800.000 toten Soldaten rechnen, sagte Selenskyj dem französischen Sender France 2. Dies werde Moskau nicht durchhalten. Unabhängig überprüfen lässt sich diese Anlyse derzeit nicht.
Und eine weitere Zahl nannte der ukrainische Präsident: Seit der russischen Invasion seien 55.000 ukrainische Soldaten getötet worden, so Selenskyj, der nur sehr selten offizielle Todeszahlen nennt – die von Beobachtern dann als zu niedrig eingestuft werden. Auch diese Zahl lässt sich derzeit nicht verifizieren.
Russische Angriffe gehen weiter
Eine erste Verhandlungsrunde in Abu Dhabi im Januar – nach monatelanger Funkstille zwischen Moskau und Kiew – war ohne greifbare Ergebnisse geendet.
Die zweite Verhandlungsrunde in den letzten zwei Tagen wurde nun von den anhaltenden russischen Attacken auf das ukrainische Stromnetz inmitten eines besonders harten Winters überschattet.
Mit Informationen von Susanne Petersohn, ARD-Studio Kiew und Andrea Beer, ARD-Studio Kairo.
