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Die Europäische Zentralbank könnte bald gezwungen sein, auf die starke Abwertung des Dollar zu reagieren. Gleichzeitig setzen sich Europas Währungshüter gegen Angriffe aus den USA demonstrativ zur Wehr.
Das Grand Hotel Belvédère ist das Nobel-Hotel schlechthin im Schweizer Kurort Davos. Während des Weltwirtschaftsforums (WEF) verlangt der Concierge für ein Einzelzimmer in der 1875 eröffneten Herberge im Belle-Époque-Stil gerne mehre Tausend Euro. Im Swimmingpool lässt man dann regelmäßig das Wasser ab, um den Raum lieber als gewinnbringenden Tagungssaal zu nutzen. Insider wissen zu berichten, dass die Küche für das Event dieses Jahr Ingredienzien für 50.000 Pralinen orderte sowie 1.000 Flaschen Champagner.
In diesem luxuriösen Umfeld kam es vor wenigen Tagen zum Eklat. Ausgerechnet der sonst so höflichen und auf jeder Veranstaltung mit Chic, Eleganz und Wortgewandtheit auftretenden Christine Lagarde platzte der Kragen: Während eines festlichen Abendessens mit rund 150 geladenen Gästen stand die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) auf, legte die Serviette neben den Teller und verließ nach dem Hauptgang demonstrativ den Saal.
Nicht amüsiert: Bei der Rede des US-Handelsministers verließ EZB-Präsidentin Christine Lagarde demonstrativ den Saal.
Von Al Gore ausgebuht
Denn der ebenfalls geladene US-amerikanische Handelsminister Howard Lutnick war gerade dabei, den Europäern während einer Tischrede in aggressivem Ton die Leviten zu lesen: Europa habe durch Regulierung und hohe Steuern seine Wettbewerbsfähigkeit verloren, spottete Lutnick. So werde man technologisch und wirtschaftlich nie mit den USA mithalten können. Die in Europa favorisierte Globalisierung sei eine “gescheiterte Politik”, wie auch die Klimapolitik: Man brauche heimische Kohle zum Verfeuern und keine Windräder aus China.
Nicht nur die EZB-Präsidentin sah sich brüskiert, auch Großbritanniens glücklose Finanzministerin Rachel Reeves (Labour) rollte mit den Augen. Der ebenfalls am Ehrentisch sitzende ehemalige US-Vizepräsident Al Gore, ein Urgestein der Demokraten, verlor die Contenance, buhte Lutnick vor den Anwesenden lautstark aus und sagte ihm später ins Gesicht, die US-Energie-Politik der Republikaner sei “irrsinnig”.
Gastgeber Larry Fink, Gründer des weltweit größten Vermögensverwalters BlackRock, versank vor lauter Scham im Boden, versuchte zu beruhigen, doch es kam zum Tumult. Am Ende brach Fink das Abendessen ab: Das Schweizer Schoko-Mousse – zart schmelzend – blieb in der Küche. Auf den Nachtisch mussten die Anwesenden verzichten.
Meinungsstarke EZB-Chefin
Christine Lagarde ist eine der wenigen Persönlichkeiten auf europäischer Ebene, die deutliche Kritik an der aggressiven Handels-, Finanz- und Wirtschaftspolitik der USA gegenüber Europa äußert – sei es direkt, indirekt oder mit symbolischen Gesten. Schon im Sommer vergangenen Jahres initiierte sie als Gastgeberin auf dem EZB-Forum im portugiesischen Sintra Unterstützung für den dort ebenfalls anwesenden US-Notenbankchef Jerome Powell. Der hatte gerade wieder eine Salve von Unverschämtheiten und massive Angriffe auf die Unabhängigkeit der US-Notenbank durch US-Präsident Donald Trump über sich ergehen lassen müssen.
Lagarde nahm kein Blatt vor den Mund und mahnte, “das öffentliche Gut Preisstabilität” dürfe nicht privatisiert werden. Minutenlang spendeten Lagarde und die 160 geladenen Gäste, darunter auch die Zentralbankchefs aus Japan und Großbritannien, Beifall – eine bis dahin beispiellose Solidaritätserklärung aus der Notenbankwelt.
Rückendeckung für Powell
Nach dem Beginn der Ermittlungen gegen Powell wegen angeblich überhöhter Rechnungen bei Renovierungsarbeiten der Fed-Zentrale in Washington Anfang Januar gab Lagarde dem US-Kollegen erneut Rückendeckung: “Wir stehen in voller Solidarität mit dem Federal Reserve System und seinem Vorsitzenden Jerome H. Powell”, heißt es in einer von der EZB veröffentlichten Erklärung, die auch von der britischen und Schweizer Notenbank sowie der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), der Zentralbank der Zentralbanken, unterzeichnet wurde. Zahlreiche Notenbankchefs – von Dänemark über Australien bis Brasilien – erklärten ihre Solidarität.
Dahinter steckt die handfeste Sorge des EZB-Rates, die Attacken der US-Regierung auf die Unabhängigkeit der Federal Reserve könnten Schule machen und zu massiven Turbulenzen an den Finanzmärkten führen. In der Folge könnte es auch zu einem Vertrauens- und Werteverlust für die heimische Währung kommen.
Denn wenn die Bevölkerung den Eindruck gewinnt, dass die Handlungen der Zentralbank von rein opportunistischer Art sind, um politischen Zielen zu entsprechen, sind die Folgen fatal: Dann ist das Geld im schlimmsten Fall kaum mehr wert als das Papier, auf dem es gedruckt ist. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele.
Trump vergrault Investoren
Aus dieser Entwicklung resultiert – zumindest teilweise – auch ein weiteres Problem: die massive Abwertung des Dollar. Vergangene Woche fiel die amerikanische Währung gegenüber dem Euro auf den tiefsten Stand seit über vier Jahren. Ein Euro kostete rund 1,20 Dollar. Hintergrund ist ein zunehmender Vertrauensverlust der Investoren in die Weltleitwährung.
Neben den Angriffen auf die Unbhängigkeit der Federal Reserve schlagen vor allem die erratische Wirtschaftspolitik unter Donald Trump sowie seine aggressiven geopolitischen Ambitionen zu Buche. Immer mehr Großinvestoren trennen sich deshalb vom Dollar oder den in dieser Währung gehaltenen Anlagen.
Besonders spektakulär ist in diesem Zusammenhang die Ankündigung großer dänischer Pensionsfonds, sich komplett oder teilweise aus US-Staatsanleihen zurückzuziehen. Dies ist eine Reaktion auf die Annexionsgelüste von Donald Trump, der sich Grönland einverleiben will. Das formell autonome Land gehört zum Königreich Dänemark.
Auch schwedische Pensionsfonds kündigten ähnliche Schritte an. Sei es aus solidarischer Unterstützung oder aus Sorge vor Instabilität: Auch Großinvestoren in den Niederlanden, Indien, Brasilien und Saudi-Arabien haben in letzter Zeit massiv US-Staatsanleihen verkauft. Besonders heikel ist der Rückzug Chinas. Die Volksrepublik ist in den USA mit über 680 Milliarden US-Dollar verschuldet. Auch Peking reduzierte seine in US-Dollar gehaltenen Bestände auf den niedrigsten Stand seit 2008.
Zinssenkung denkbar
Aus europäischer Sicht hat diese Entwicklung zwei Konsequenzen: Zum einen könnte ein Vertrauensverlust in den US-Dollar im schlimmsten Fall langfristig das gesamte weltweite Finanz-System destabilisieren und damit neue Wirtschaftskrisen auslösen. Zum anderen hat die EZB derzeit kein Interesse an einer zu starken Aufwertung des Euro, die sich aus der Dollarschwäche ergibt.
Zwar betreibt die Notenbank keine Devisenpolitik. Doch durch die Entwicklung verteuern sich die Ausfuhren der ohnehin schwer gebeutelten europäischen Exportindustrie und machen ihre Produkte auf dem wichtigen US-Markt weniger wettbewerbsfähig. Dies ist ein weiterer Dämpfer für die schwache Konjunktur. Der starke Euro verbilligt allerdings auch Einfuhren nach Europa und dämpft damit die Teuerung.
Die EZB muss deshalb ihre Politik möglicherweise schon bald wieder neu justieren. Angesichts der ursprünglichen Erwartung, dass die Inflation wieder anzieht, hatte die EZB nach der letzten Ratssitzung deutlich gemacht, sie wolle nicht weiter an der Zinsschraube nach unten drehen. Doch sollte sich die Aufwertung des Euro fortsetzen, “könnte dies ab einem gewissen Punkt natürlich eine geldpolitische Reaktion erforderlich machen”, sagte Österreichs neuer Notenbankchef Martin Kocher kürzlich im Handelsblatt. Dann würden die Leitzinsen doch wieder sinken. Auch Frankreichs Notenbankchef Francois Villeroy de Galhau sieht das ähnlich.
Euro als neue Weltleitwährung?
Auf der heutigen Ratssitzung wird allerdings nicht mit diesem Schritt gerechnet. Einige Ökonomen glauben ohnehin, dass die Tage des Dollar als Weltleitwährung gezählt sind. Der deutsche Wirtschaftswissenschaftler Hans-Werner Sinn warnte schon mehrfach, dass die USA wegen der hohen Verschuldung “finanziell aus dem letzten Loch pfeifen”. Die Führungsrolle beim Dollar sei so nicht zu halten. Auch zahlreiche US-Kollegen glauben, dass sich der Euro still und heimlich zunehmend zur führenden Währung weltweit entwickelt.
Christine Lagarde hätte diese Argumente vermutlich nur zu gerne US-Handelsminister Howard Lutnick unter die Nase gerieben – während des verkorksten Dinners in Davos. Doch auf dieses Niveau ließ sich die EZB-Präsidentin nicht herab. Sie verzichtete lieber auf das kulinarische Finale und ließ Lutnick auf der Bühne stehen – eine geradezu filmreife Symbolik tiefster Verachtung.

