Recyceltes Polyester – mehr Schein als Sein?

Recyceltes Polyester – mehr Schein als Sein?

Eine Frau stöbert in einem Geschäft durch Jacken, die auf Kleiderbügeln hängen.

Stand: 05.02.2026 06:24 Uhr

Recyceltes Polyester wird oft als ökologische Alternative angepriesen: Es soll die positiven Eigenschaften von Polyester mitbringen und trotzdem gut für die Umwelt sein. Doch beim Waschen setzt es offenbar Mikroplastik frei.

Es klingt nach einem guten Deal für Umwelt und Klima: Recyclingpolyester. Eine scheinbar deutlich grünere Alternative zur neuproduzierten Plastik-Kunstfaser auf Erdölbasis. Doch der Mikroplastikforscher Sedat Gündogdu von der Sabancı University Istanbul kommt in seinen Untersuchungen zu einem anderen Schluss. “Recycling vermindert die Qualität der Materialien, und dadurch wird mehr Mikroplastik freigesetzt als bei Neustoffen.“

Gündogdu hat für eine aktuelle Studie im Auftrag der Changing Markets Foundation mit seinem Team Klamotten bekannter Fast-Fashion-Marken gekauft, gewaschen und den Mikroplastikausstoß verglichen. Ergebnis: Kleidungsstücke mit Recyclingpolyester gaben 55 Prozent mehr Mikroplastik ab als Stoffe mit neuem Polyester. Auch waren die freigesetzten Partikel deutlich kleiner.

Mikroplastik kommt bis ins Meer

Über unser Waschwasser gelangt das Mikroplastik in die Flüsse und schließlich bis ins Meer. Und das trotz Kläranlagen. Laut Gündogdu können die besten Systeme zwar 99 Prozent der Mikroplastikpartikel aus dem Abwasser rausfiltern, aber: “Selbst das eine Prozent, das übrig bleibt, schadet Millionen, Milliarden von Mikroorganismen, ist giftig.“

Zumal etliche Anlagen nicht auf den Spitzenwert von 99 Prozent kommen. Einmal im Wasserkreislauf, nehmen auch Tiere und Menschen das Mikroplastik auf. Noch weiß man nicht genau, wie riskant das ist. Sogar das Weltklima wird von den steigenden Mengen Mikroplastik beeinflusst. Denn es setzt beim Zerfallen Treibhausgase wie Methan frei. Für Umwelt und Klima sei Mikroplastik aus Mode ein ernstes Problem, meint Forscher Gündogdu und warnt vor immer größeren Mengen, auch weil Fast Fashion mit ihren kurzweiligen Kollektionen weiter sehr beliebt ist.

Polyester kann viel

In der Modeindustrie ist Polyester aber kaum wegzudenken. Egal ob neu oder recycelt, die Faser gilt als günstig und reißfest, sie trocknet schnell und bleibt in Form. Die Recyclingvariante liefert obendrauf auch noch ein vermeintlich grünes Image. Bei den Fashionunternehmen kommt das gut an, erklärt Kai Nebel.

Er forscht an der Hochschule Reutlingen zu Nachhaltigkeit und Textilrecycling. “Recycling hört sich gut an. Das suggeriert ein gutes Gewissen, man kann ein bisschen mehr Geld verlangen und sich auch vom Mitbewerber abheben, aber ein signifikanter Einfluss ist eigentlich nicht feststellbar – zumindest nicht auf CO2-Emissionen oder Schadstoffe.“ Die Vorteile, die man sich vom Recycling erhoffen könnte, sind also kleiner, als viele denken – und obendrauf kommt noch das Mikroplastikproblem.

Recycling kann aber helfen

Trotzdem kann es sinnvoll sein, auch Polyester zu recyceln – aber wenn, dann in geschlossen Kreisläufen, betont Sven Gärtner, Nachhaltigkeitsforscher beim Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg. Polyester für eine Flasche bekomme schon in der Produktion etwas andere Eigenschaften mit als zum Beispiel Polyesterfasern für einen Pulli. “Diese Eigenschaften machen es prädestiniert dafür wieder als Flasche eingesetzt zu werden. Weil Flaschen zum Beispiel klar sein müssen. Bei Polyesterkleidung ist es natürlich so, dass die genau nicht durchsichtig sein soll.“ Andersrum mache es auch mehr Sinn das Polyester aus dem Pulli wieder in einen Pulli zu stecken, so Gärtner.

An neuen Methoden zum Polyesterrecycling wird aktuell geforscht. Doch Recycling sollte der letzte Schritt sein, findet Kai Nebel von der Hochschule Reutlingen. “Wir sollten die Dinge sorgfältig herstellen, verantwortungsvoll, ressourcenschonend und die möglichst lange und gut nutzen. Und ganz am Ende, nach vielen Jahren des Nutzens, dann kann ich mal über Recycling nachdenken.“ Es lohnt sich also schon beim Klamottenkaufen genau hinzuschauen. Sind Kunstfasern drin und sind sie recycelt? Wer Mikroplastik vermeiden möchte, greift am besten öfter zu Naturmaterialien.

Comments

No comments yet. Why don’t you start the discussion?

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *