Es ist eines der größten KI-Infrastrukturprojekte Europas: Die Deutsche Telekom hat ihre neue KI-Fabrik in München eröffnet. Wird Deutschland damit bei der Künstlichen Intelligenz tatsächlich unabhängiger?
Von außen betrachtet sieht man nur einen entkernten Gebäudekomplex an einer Großbaustelle, umgeben von anderen Großraumbüros und Hotels im Münchner Norden. Die wahre Leistung der neuen “Industrial AI Cloud” liegt aber unterirdisch: Umgeben von kilometerweit verlegten Glasfasern verteilen sich auf sechs Stockwerken 10.000 spezialisierte Grafikprozessoren, sogenannte GPUs (Graphics Processing Units).
Diese können mehrere Rechenschritte parallel ausführen. Die Datenmengen: rund 20 Petabyte Speicher, also etwa 20 Millionen Gigabyte, sowie knapp ein Petabyte Arbeitsspeicher. Mit diesen Speichermengen könnte man die gesamte Menschheitsgeschichte in 4K-Qualität aufnehmen – vom Faustkeil bis zum TikTok-Zeitalter.
Eigene KI-Infrastruktur auf deutschem Boden
Diese Rechenleistungen sollen aber nicht Privatpersonen nutzen, sondern große und mittelständische Unternehmen, die bereits jetzt enorme Kapazitäten brauchen: Die Auto- und Maschinenbauindustrie zum Beispiel, wo Produkte und Produktionslinien zunehmend als “digitale Zwillinge” simuliert werden. Materialverhalten, Aerodynamik oder Lieferketten – all das kann die KI durchrechnen, Fehler früher finden und Entwicklungszeiten verkürzen.
Die KI-Rechenkapazität in Deutschland steige durch das neue Rechenzentrum um rund 50 Prozent, meldet die Telekom. Für diesen ersten Ausbau habe das Unternehmen etwa eine Milliarde Euro investiert. Sie stellt Infrastruktur, Rechenzentrum und Betrieb.
Die Hardware hingegen kommt vom US-amerikanischen Chiphersteller Nvidia. Als weiterer Partner ist SAP an Bord – unter anderem, um die KI-Rechenleistung auch für öffentliche Einrichtungen nutzbar zu machen.
“Produktionsbooster” für KI-Standort Deutschland
Das Angebot steht Kunden in ganz Deutschland offen. Das Ziel ist, unabhängiger von nichteuropäischen Anbietern zu werden. Rechenleistung und Datenverarbeitung werden hierzulande verfügbar. Für Telekom-Chef Timotheus Höttges ist zum Eröffnungstermin klar: Ohne KI könne man “die Industrie” und “den Standort Deutschland vergessen”.
Seinen Angaben zufolge werden nur rund fünf Prozent der KI-Hochleistungs-Chips in Europa genutzt – in den USA dagegen 70 Prozent. Entsprechend sei die Münchner Anlage ein “Produktionsbooster”: Die neue Rechenleistung könnten viele Unternehmen “für ihre Produkte und Anwendungen” einsetzen.
Die Politik lobt – trotz offener Fragen
Bereits im vergangenen Juni hatte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) die KI-Pläne von Telekom und Nvidia gelobt, sie seien ein “bedeutender Schritt für Deutschlands digitale Souveränität und wirtschaftliche Zukunft”. Am Eröffnungstag in München nimmt er jedoch nicht teil.
Vertreten wird die Bundesregierung durch Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) sowie Digitalminister Karsten Wildberger (CDU), der von einem “großen Tag für Deutschland und Europa” spricht. Auch Kabinettskollege Klingbeil spart nicht mit Lob: Die KI-Fabrik sende “das ganz wichtige Signal der wirtschaftlichen Stärke und Souveränität”.
Für CSU-Chef und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder ist die KI-Fabrik “ein wirklich beeindruckender Start Deutschlands in einen Aufhol- und Benchmarkwettbewerb international.” Dass die KI-Fabrik noch ausgebaut werden könne, stimmt Söder nochmal optimistischer: “Wir werden noch viel stärker werden.”
Insbesondere freut sich die Politik, dass die Telekom zusichert, die Daten der KI-Anwendungen in der Münchner Cloud vollständig in Deutschland zu halten und beim Betrieb nur Mitarbeitende aus Europa einzusetzen.
Durch die Hintertür von USA und China abhängig?
Trotz aller Zusagen bleibt eine Kernfrage offen: Wie unabhängig ist die KI-Infrastruktur wirklich? Betreiberin der Fabrik ist zwar die Telekom, die Hardware kommt jedoch von Nvidia, dem Chiphersteller aus den USA. Dieser ist wiederum auf seltene Erden aus China angewiesen.
Telekom-Chef Höttges schwärmt zwar am Eröffnungstag von “einer Infrastruktur und Plattform unter deutschem und europäischem Recht”- räumt jedoch ein, dass es schön wäre, “wenn wir einen deutschen Nvidia hätten.” Dennoch sei der US-Chip ein guter Kompromiss.
Und aus dem Standort wird laut Telekom das Beste gemacht, etwa in Sachen Nachhaltigkeit: Die Fabrik liegt direkt am Münchner Eisbach. Sein Wasser kühlt die Anlage – die Wärme daraus soll Wohnungen und Büros in der Umgebung heizen.
Und sollten die Unternehmen die KI-Kapazitäten auch tatsächlich nutzen, könne man die Anlage im nächsten Schritt um weitere 10.000 Chips erweitern. Nun ist also die Wirtschaft gefragt.
