Für viele Menschen mit Krebs sind klinische Studien oft die letzte Hoffnung. Doch in Deutschland erschweren Bürokratie und juristische Hürden den Zugang.
Viele Menschen mit Krebs überleben heute deutlich länger als früher. Die Medizin hat in den vergangenen Jahren bedeutende Fortschritte erzielt. Das ist die gute Nachricht zum diesjährigen Weltkrebstag. Doch in Deutschland gibt es ein großes Problem, das die Versorgung von Krebspatientinnen und -patienten beeinträchtigt: Der Weg von der Forschung zur Anwendung neuer Therapien ist hierzulande besonders lang.
Rasche Fortschritte in der Krebsforschung – aber nicht in Deutschland
Bei der Grundlagenforschung steht Deutschland noch gut da. Doch wenn es darum geht, neue Erkenntnisse in klinischen Studien zu testen und in die Praxis zu bringen, fällt Deutschland im internationalen Vergleich deutlich zurück. Während in Dänemark pro eine Million Einwohner 192 Studien zu neuen Arzneimitteln laufen, sind es in Deutschland nur 33. Damit ist Deutschland europaweit Schlusslicht. Das gilt auch für Krebsstudien.
Julia Ritzerfeld, Leiterin der Abteilung für Klinische Studien am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg, erklärt: “Tatsächlich finden in Deutschland deutlich weniger Studien statt als im internationalen und auch im europäischen Vergleich – was besonders frustrierend ist, weil wir eigentlich genau die gleichen gesetzlichen Vorgaben haben wie beispielsweise Spanien oder Dänemark.“ Diese Lücke hat direkte Auswirkungen auf die Behandlungschancen von Krebspatientinnen und -patienten.
Klinische Studien: Oft die letzte Hoffnung
Denn für viele Menschen mit Krebs sind klinische Studien oft die letzte Hoffnung. Besonders für Patientinnen und Patienten, die bereits viele Therapien hinter sich haben, bieten Studien Zugang zu innovativen Behandlungen, die noch nicht auf dem Markt verfügbar sind, so Ritzerfeld. Solche Therapien seien daher “in der Onkologie schon als Teil der Gesundheitsversorgung anzusehen“.
Viele Hürden erschweren klinische Studien
Doch in Deutschland dauert es oft Monate oder sogar Jahre, bis eine klinische Studie starten kann. In Ländern wie Spanien oder Frankreich geht das deutlich schneller. Dort können Studien oft schon nach wenigen Wochen beginnen. In Deutschland hingegen müssen zahlreiche juristische Hürden überwunden werden.
“Das hat häufig zur Folge, dass eine Studie, die im internationalen Kontext stattfindet, fast schon fertig rekrutiert hat, bevor das erste deutsche Zentrum überhaupt an den Start gehen kann. Und das ist natürlich eine äußerst frustrierende Situation – sowohl für die teilnehmenden Ärztinnen und Ärzte als auch natürlich für die Patientinnen und Patienten“, erklärt Ritzerfeld.
Bürokratie und föderales System als Hindernis
Ein weiteres großes Problem ist die zersplitterte Struktur des deutschen Gesundheitssystems. Gesundheit ist in Deutschland Ländersache, und das bedeutet, dass es viele unterschiedliche Ethikkommissionen gibt, die Studien genehmigen müssen. Diese Kommissionen können unterschiedliche Meinungen zu Forschungsprojekten haben, was den Prozess zusätzlich verlangsamt.
Auch auf Bundesebene ist die Situation kompliziert. Statt einer zentralen Behörde müssen in Deutschland gleich drei Institutionen grünes Licht für eine Studie geben: das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), das Paul-Ehrlich-Institut und das Bundesinstitut für Strahlenschutz. “Das macht es in Deutschland besonders komplex, die Genehmigung einer Studie zu erreichen“, so Ritzerfeld.
Lichtblicke: Fortschritte bei innovativen Studien
Trotz der Herausforderungen gibt es auch positive Entwicklungen. Seit vergangenem Sommer gibt es für besonders innovative und komplexe Studien eine zentrale Ethikkommission, die die Genehmigungsverfahren beschleunigen soll.
Außerdem bietet das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) in Deutschland Forschenden die Möglichkeit, Fördergelder für innovative wissenschaftliche Konzepte zu beantragen. Diese Gelder sollen helfen, neue Ansätze in der Krebsmedizin schneller in die klinische Anwendung zu bringen.
Mirco Friedrich, Onkologe am DKFZ in Heidelberg, sieht darin einen wichtigen Schritt: “Wir haben jetzt die Möglichkeit, über das NCT Gelder zu beantragen. Und können die relativ unkompliziert gefördert bekommen mit Summen, die auch wirklich dafür ausreichen. Das ist woanders in Europa undenkbar.“
Lebensqualität im Fokus
Ein weiterer Fortschritt ist die stärkere Einbindung von Patientinnen und Patienten in die Planung klinischer Studien. An den sechs Standorten des NCT in Deutschland wird zunehmend darauf geachtet, dass nicht nur die Überlebenszeit, sondern auch die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten im Mittelpunkt steht.
Studienkoordinatorin Julia Ritzerfeld erklärt: “Wir haben jetzt viel mehr Studien, in denen man wirklich misst, wie gut es den Patienten während einer gewissen Therapie und nach der Behandlung geht. Das ist etwas, was sehr stark durch die Patienten in die Projekte eingebracht wurde.“
