Kommentar: Trump lenkt ein – weil Indien Alternativen hat

Kommentar: Trump lenkt ein – weil Indien Alternativen hat

Ein Mitarbeiter zeigt auf ein Containerschiff, das den Hafen Mundra in Mundra (Indien) verlässt.


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Stand: 03.02.2026 17:30 Uhr

Indien hat sich mit mehreren Handelsabkommen zuletzt viele Optionen auf dem Weltmarkt eröffnet. US-Präsident Trump fürchtete wohl, zu kurz zu kommen. Also schloss er ein eigenes Abkommen und reduzierte Zölle.

Franziska Amler

Von Eiszeit auf Deal – und das im Rekordtempo. Donald Trump feiert auf seiner Plattform Truth Social ein historisches Handelsabkommen mit Indien. Der Zeitpunkt ist auffällig: Der Deal zwischen der EU und Indien – erst vor gut einer Woche verkündet und von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nicht weniger als die Mutter aller Abkommen genannt – hat den US-Präsidenten offenbar kalt erwischt.

Indien, ein Land, das Freihandelsabkommen eigentlich äußerst skeptisch gegenübersteht, hat sich in den vergangenen Monaten weit geöffnet und seine Freihandelspolitik energisch vorangetrieben. Neu-Delhi hat Deals quasi in Serie abgeschlossen: mit Großbritannien, Neuseeland, Oman oder nun eben gleich mit 27 EU-Staaten: das mit Abstand wichtigste Projekt.

Diese Vereinbarungen verschaffen Indien Alternativen. Exporte können umgelenkt werden. Lieferketten neu justiert. Und offenbar hat der US-Präsident kalte Füße bekommen, ihm ist wohl bewusst geworden: Sind solche Handelswege erst einmal etabliert, lassen sie sich nur schwer wieder rückgängig machen – und der Zoll-Hammer könnte zum Boomerang werden.

Indiens Öl-Käufe in Russland weiter offen

Indien ließ sich jedenfalls trotz massiven Drucks bislang nicht in die Knie zwingen. Trump hatte das Land im vergangenen August wegen anhaltender russischer Öl-Käufe mit massiven Zöllen belegt. Von der einst so engen Freundschaft zwischen Indiens Premier Narendra Modi und dem US-Präsidenten schien in den vergangenen Monaten nicht mehr viel übrig. Ein Abkommen kaum noch realistisch.

Nun also die Kehrtwende: US-Zölle auf indische Waren sollen deutlich gesenkt werden: von derzeit 50 auf 18 Prozent.

Im Gegenzug, so behauptet Trump, habe Modi ihm zugesagt, künftig kein russisches Öl mehr zu kaufen. Hat Trump damit tatsächlich geschafft, woran die EU seit Beginn des Ukraine-Krieges weitgehend vergeblich arbeitet? Bestätigt hat die indische Seite dies bislang nicht – Zeit hatte sie dazu allerdings genug. Dass Indien seine Rohölkäufe aus Russland kurzfristig sofort einstellt, gilt unter Experten als höchst unwahrscheinlich. Und auch aus dem Kreml heißt es: Man habe davon nichts gehört.

Auffallend wenige Details

Das neue Handelsabkommen, Trump präsentierte es mit auffallend wenigen Details. Noch ist schwer abzusehen, wem das Abkommen am Ende mehr nützen wird. Gerade wegen dieser Unschärfe sind beide Seiten bemüht, den Deal als eigenen Erfolg zu verkaufen.

Obwohl politisch brisante Fragen offen bleiben – wie etwa auch in der Landwirtschaft. Die zuständige US-Ministerin erklärte, das Abkommen werde amerikanische Agrarexporte nach Indien ankurbeln – zur Freude des ländlichen Amerikas. Dass indische Bauern in Bihar oder Uttar Pradesh ähnlich jubeln werden – unwahrscheinlich.

Ein weitergehender Zugang zum indischen Agrarmarkt ist hochsensibel: Der Sektor sichert mehr als der Hälfte der indischen Bevölkerung direkt oder indirekt den Lebensunterhalt. Kleinbauern, die ungeschützt dem globalen Wettbewerb ausgesetzt wären: Das birgt nicht nur erhebliche politische Sprengkraft, sondern ist auch bemerkenswert.

Trump will Fakten schaffen

Ausgerechnet im US-Deal wird der Agrarsektor als Erfolg präsentiert, während er beim Abkommen mit der EU bewusst weitgehend ausgeklammert wurde? Es spricht einiges dafür, dass Trump weniger ein abgeschlossenes Ergebnis präsentiert als vielmehr ein politisches Wunschbild. Nach dem Motto: laut verkünden, Fakten schaffen.

Fest steht zumindest: Indien hat sich eine deutlich stärkere Verhandlungsposition gegenüber den USA erarbeitet.

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