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Die Enthüllungen durch die veröffentlichten Epstein-Akten sorgen für Empörung – auch unter vielen Trump-Anhängern im MAGA-Lager. Auf die Zwischenwahlen im November allerdings werde das kaum Auswirkungen haben, meint US-Experte Lammert.
tagesschau.de: Seit die jüngsten Dateien der Epstein-Akten veröffentlicht wurden, tauchen immer weitere Details auf. Trump verhinderte lange die Veröffentlichung, dann wollte er die MAGA-Basis in gewisser Weise beruhigen. Ist ihm das gelungen?
Christian Lammert: Trump hat versucht, die Deutungshoheit zu behalten, indem er die Freigabe der Akten taktisch einsetzte. In seiner Kernbasis dürfte das funktioniert haben – die Loyalität dieser Gruppe ist weniger fakten-, sondern identitätsbasiert. Außerhalb dieser Blase hat er jedoch keinen Vertrauensgewinn erzielt.
tagesschau.de: Der Name Donald Trump taucht in Tausenden Dateien der veröffentlichten Unterlagen auf. Offenbar ist ihm zumindest laut den veröffentlichten Dokumenten kein Vergehen nachzuweisen. Für wie groß halten Sie den Schaden für Trump?
Lammert: Die schiere Häufigkeit seines Namens sorgt für öffentliche Aufmerksamkeit, aber juristisch ist bislang nichts Belastendes belegt. Der politische Schaden bleibt deshalb gering – zumal Trumps Wähler darin eher eine “neue Medienkampagne” sehen.
Schwärzungen werfen Fragen auf
tagesschau.de: Laut einer CNN-Umfrage von Januar 2026 erklärte eine Mehrheit der Befragten, die Regierung halte absichtlich Informationen zurück. Das führt uns zum System der Schwärzungen: Veranlasst sind diese ja von der Regierung selbst. Bietet das nicht reichlich Gelegenheit für Manipulation? Jenseits von den Akten, die erst gar nicht veröffentlicht wurden.
Lammert: Ja, das Verfahren schafft Misstrauen. Auch wenn die Schwärzungen teils rechtlich notwendig sind, verstärken sie den Eindruck, dass Regierung und Justiz Informationen steuern. In einem polarisierten Klima nährt das Verschwörungsdenken auf allen Seiten.
Große Teile der veröffentlichten Dateien weisen geschwärzte Stellen auf – das schafft Misstrauen.
tagesschau.de: Und wie erklären Sie es, dass ausgerechnet die Namen zahlreicher Opfer nicht geschwärzt wurden?
Lammert: Das war kommunikativ und ethisch ein schwerer Fehler. Es zeigt, dass die Veröffentlichung administrativ schlecht vorbereitet war – und dass der Schutz der Opfer offenbar weniger Priorität hatte als politische Schadensbegrenzung.
Zur Person
Professor Christian Lammert ist Professor für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Politische Systeme Nordamerikas und Institutsratsvorsitzender der Abteilung Politik an der Freien Universität Berlin
“Keine Entkoppelung der MAGA-Anhänger”
tagesschau.de: Die Trump-Administration spricht von der letzten Veröffentlichung und will das Kapitel gerne schließen. Ist das möglich?
Lammert: Das wird kaum gelingen. Solange neue Dokumente oder Zeugen auftauchen, bleibt der Fall toxisch – auch über Trumps Amtszeit hinaus. In den USA verschwinden solche Themen selten dauerhaft aus der Öffentlichkeit.
tagesschau.de: Versuchen sich die MAGA-Anhänger gerade von Präsident Trump zu entkoppeln – und wohin führt das?
Lammert: Es gibt erste Anzeichen für Differenzierung – einzelne konservative Stimmen suchen größere Distanz. Aber von einer echten Entkoppelung kann noch keine Rede sein. Der Trumpismus ist längst eine politische Identität, nicht nur eine Wahlentscheidung.
“Das Gefühl moralischer Abstumpfung”
tagesschau.de: Welche Auswirkungen könnten die Veröffentlichungen auf die Zwischenwahlen im November haben?
Lammert: Kurzfristig gering. Die Wirtschaftslage und Fragen zu Immigration oder nationaler Sicherheit dominieren. Skandale wie dieser beeinflussen höchstens die moderate Mitte – und das meist nur temporär.
tagesschau.de: Mit den Enthüllungen blickt die ganze Welt in den moralischen Abgrund der Reichen und Mächtigen: Was löst das bei den Amerikanern aus?
Lammert: Empörung und Zynismus zugleich. Für viele bestätigt der Fall die Vorstellung, dass Reiche und Mächtige anderen Regeln folgen. Zugleich wächst das Gefühl moralischer Abstumpfung – eine gefährliche Entwicklung für jede Demokratie.
Die Fragen stellte Katja Keppner, tagesschau.de.
