Landesweiter Raketenalarm bei eisiger Kälte: Kurz vor weiteren Gesprächen zu einem möglichen Frieden hat Moskau die Ukraine erneut massiv angegriffen. Stunden danach traf NATO-Generalsekretär Rutte zu einem Überraschungsbesuch in Kiew ein.
Vor einer neuen Verhandlungsrunde für ein Ende des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine hat Präsident Wolodymyr Selenskyj neue russische Angriffe auf Energieobjekte beklagt. Für Russland sei es wichtiger, die kältesten Tage des Winters zu nutzen, um Menschen zu terrorisieren, als sich der Diplomatie zuzuwenden, schrieb Selenskyj in sozialen Medien.
Neun Menschen wurden laut Selenskyj bei den neuen Angriffen verletzt. Infolge des Beschusses sei in mehr als 1.100 Wohnhäusern in Kiew die Heizung ausgefallen, erklärte der ukrainische Vize-Ministerpräsident und Wiederaufbauminister Oleksiy Kuleba in Onlinediensten.
“Massive Angriffe in bitterer Kälte”
Russland habe einen gezielten Angriff gegen Energieobjekte geführt, teilte Selenskyj weiter mit. Dabei habe das russische Militär mehr als 70 Raketen und Marschflugkörper sowie 450 Kampfdrohnen eingesetzt. Selenskyj forderte Verbündete der Ukraine abermals dazu auf, Druck auf Russland auszuüben und Raketen für Flugabwehrsysteme zu liefern.
Menschen suchen Schutz in einer U-Bahn-Station in Kiew, die als Luftschutzbunker genutzt wird.
Die Attacken trafen demnach die nordostukrainischen Regionen Charkiw und Sumy, die Hauptstadt Kiew und ihre Umgebung sowie die Regionen Dnipropetrowsk im Südosten, Odessa im Süden, und Winnyzja im Westen. Die Reparaturarbeiten laufen den Angaben nach.
Schmyhal: “Versuch eines winterlichen Völkermords”
Moskau habe ballistische Raketen, Marschflugkörper und Drohnen gegen Hochhäuser und Heizkraftwerke eingesetzt, schrieb Energieminister Denys Schmyhal bei Telegram. Er sprach vom “Versuch eines winterlichen Völkermords”. Es habe sich ausschließlich um zivile Ziele gehandelt. Hunderttausende Familien, darunter Kinder, seien gezielt ohne Heizung in strengster winterlicher Kälte zurückgelassen worden, schrieb Schmyhal.
Der Leiter der örtlichen Militärverwaltung von Kiew, Tymur Tkatschenko, sprach von “massiven Angriffen in bitterer Kälte”. Der mehrere Stunden andauernde Angriff auf Charkiw habe dessen Energieinfrastruktur getroffen und sollte “maximale Zerstörung anrichten und die Stadt bei strengem Frost ohne Heizung lassen”, sagte der dortige Militärverwalter Oleh Synehubow.
Ein Person räumt Trümmer in einem zerstörten Wohnhaus in Kiew weg.
Russland bestätigte Angriffe auf ukrainische Militär-, Industrie- und Energieanlagen, wie die Nachrichtenagentur Interfax unter Berufung auf das Verteidigungsministerium berichtet.
Rutte zu Besuch in Kiew
Unterdessen traf NATO-Generalsekretär Mark Rutte zu einem Überraschungsbesuch in Kiew ein. Wie ein von Selenskyj veröffentlichtes Video zeigte, legten Rutte und der ukrainische Präsident Blumen an einem Mahnmal in Kiew nieder, das an die während des russischen Angriffskrieges getöteten ukrainischen Soldaten erinnert. Ein Friedensabkommen zur Beendigung des Krieges werde harte Entscheidungen erfordern, sagte Rutte anschließend in einer Rede vor dem ukrainischen Parlament.
Die Ukraine verteidigt sich seit fast vier Jahren mit westlicher Hilfe gegen den russischen Angriffskrieg. US-Präsident Donald Trump hatte erst vor wenigen Tagen erklärt, Kremlchef Wladimir Putin sei seiner Bitte nach einer Pause der Angriffe wegen der enormen Kälte in der Ukraine nachgekommen. Die jüngsten Attacken zeigen jedoch, dass diese begrenzte Feuerpause keinen Bestand zu haben scheint.
Neue Gesprächsrunde in Abu Dhabi
Morgen soll in Abu Dhabi, der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate, eine neue Verhandlungsrunde zur Beendigung des Kriegs in der Ukraine beginnen. Die USA fungieren dort als Vermittler zwischen den Kriegsparteien. Russland fordert für ein Ende der Gewalt unter anderem weitere Gebiete in der Ukraine und einen Verzicht des Landes auf den angestrebten Beitritt zur NATO.
