Russische Provokationen zeigen der EU, dass sie großen Nachholbedarf bei der Ausrüstung mit Drohnen hat. Das soll sich ändern, und Kroatien will dabei eine führende Rolle spielen – auch ohne chinesische Bauteile.
Am 10. September 2025 ist die NATO alarmiert. Drei Rafale-Kampfjets der französischen Luftwaffe steigen in den Himmel auf und machen sich auf den Weg in den polnischen Luftraum.
Denn dort wurden russische Drohnen gesichtet. Immer wieder kommt es in diesen Tagen zu russischen Provokationen im Luftraum, auch in anderen europäischen Ländern, etwa in Dänemark.
“Wir brauchen ein Anti-Drohnen-System”
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen äußert sich daraufhin besorgt. “Die Aktionen sind Teil eines besorgniserregenden Musters und eine zunehmende Bedrohung”, so von der Leyen. Es gehe um eine hybride Kriegsführung gegen Europa und Europa müsse darauf antworten. “Wir müssen die Ostflanke bewachen und wir brauchen eine Mauer aus Drohnen”, sagt sie bei einer Rede im EU-Parlament.
Von der Leyen kritisiert, dass die NATO nicht adäquat auf die russischen Drohnen im polnischen Luftraum reagieren konnte. “Wir mussten teure moderne Kampfjets einsetzen, um relativ billige Drohnen aus Massenproduktion vom Himmel zu holen. Das ist nicht nachhaltig. Wir brauchen ein Anti-Drohnen-System für ein schnelles Aufklären, Abfangen und Neutralisieren”, so von der Leyen.
EU-Koordinierungsgruppe
Der Krieg in der Ukraine ist mittlerweile zu einem Drohnenkrieg geworden, vor allem an den Frontlinien. Dagegen stehen die Armeen der EU-Staaten, was die Integration von Militärdrohnen angeht, weitgehend am Anfang. Eine EU-Koordinierungsgruppe für Drohnen soll nun dafür sorgen, dass sich das ändert.
Sie besteht aus Vertretern der Niederlande, Lettlands und Kroatiens und hat sich zuletzt im Januar in der kroatischen Hauptstadt Zagreb getroffen. Kroatien will bei der europäischen Aufrüstung mit Drohnen eine zentrale Funktion übernehmen.
Keine chinesischen Bauteile
Auf einem Sportflughafen in Osijek, ganz im Osten Kroatiens, testet Drohnenpilot Karlo Drohnen, die für das Militär eingesetzt werden sollen. Sie stammen von der Firma Orqa aus Osijek und sind etwas Besonderes, weil sie zu 100 Prozent in Kroatien hergestellt wurden.
Es sind die ersten komplett in der EU produzierten Militärdrohnen ohne chinesische Bauteile. Damit könnten die europäischen Armeen unabhängig werden.
Die Orqa-Drohnen sollen technisch mit den chinesischen Drohnen mithalten können. Karlo will das demonstrieren. Dazu lässt er eine Drohne direkt über sich in der Luft schweben. Plötzlich springt die Drohne mit einem Ruck in die Höhe und rast mit einem lauten Surren davon. Sie beschleunigt dabei auf bis zu 130 Kilometern pro Stunde.
Durch eine so genannte FPV-Brille sieht Drohnenpilot Karlo das Kamerabild der Drohne, als säße er selbst im Inneren des Flugobjekts. Dieses ist aber in Wahrheit nur 30 Zentimeter lang.
Auch als Kamikazedrohnen einsetzbar
Karlo erklärt, zu was die Drohnen in Kriegsgebieten in der Lage sind. “Wir hängen für unsere Tests Gewichte an die Drohne, bis zu fünf Kilo. Dann kann man mit der Drohne entweder etwas an der Front transportieren, zum Beispiel ein Erste-Hilfe-Set, oder man kann sie mit einem Sprengsatz bestücken.”
Mit einem bis zu zweieinhalb Kilo schweren Sprengsatz könne die Drohne bis zu 20 Kilometer weit fliegen, den Sprengsatz abwerfen und wieder zurückfliegen. “Oder man lässt sie dreißig bis sechzig Kilometer weit fliegen, aber dann weiß man, dass man sie nicht zurückbekommt”, erklärt Karlo.
Solche Drohnen können als Kamikazedrohnen verwendet werden. Sie werden samt Sprengsatz in ein feindliches Objekt hineingeflogen und explodieren. Auch das demonstriert Karlo. Er steht in einem kleinen Häuschen am Rande des Flugplatzes und lässt die Drohne auf das Haus zufliegen.
Karlo trägt eine FPV, eine “First Person View”-Brille. Unter dieser Brille sieht er das Kamerabild der Drohne, so als ob er selbst im Inneren des Flugobjekts sitzen würde. Dabei ist die Drohne nur knapp 30 Zentimeter lang.
“Ich sehe unter der Brille, wie die Drohne auf unser Haus zufliegt, und dann mache ich das hier”, sagt Karlo. Das Surren kommt immer näher und wird extrem laut. Kurz vor dem Aufprall lässt der Pilot die Drohne abdrehen. “Wenn ich weitergeflogen wäre, wüssten Sie, was dann passiert wäre. Wenn man im Krieg das Surren der Drohne hört, dann ist es meistens schon zu spät.”
Die Drohnenfirma Orqa in Kroatien expandiert gerade. Ihre Technologie wurde einst nur von Hobby-Drohnenpiloten genutzt. Nun kommen die Geräte unter anderem in der Ukraine zum Einsatz.
Anfangs nur Hobby-Elektronik
Wenige hundert Meter vom Sportflugplatz in Osijek entfernt liegt das Büro der kroatischen Drohnenfirma Orqa. Es ist modern eingerichtet, wie bei einem Start-up-Unternehmen. Nebenan ist eine Produktionshalle, in der die einzelnen Drohnenteile hergestellt werden.
Die Firma expandiert gerade sehr schnell. Sie hat 200 Mitarbeiter und sucht rund 50 weitere. Der Chef von Orqa, Srdjan Kovačević, erzählt, dass er nie geahnt hätte, wohin sich seine Firma entwickelt, als er sie vor zehn Jahren mitgründete.
“Wir haben begonnen als ein Unternehmen, das Hobby-Elektronik für Drohnenenthusiasten verkauft. Dann haben die ukrainischen Streitkräfte einen Weg gefunden, wie sie mit Hobby-Elektronik ihr Land verteidigen können, und dann gab es plötzlich ein massives Interesse an unserer Technologie”, sagt Kovačević.
Es braucht mehr als Drohnen
Er erzählt, dass seine Drohnen zum Teil von der ukrainischen Armee eingesetzt werden, wobei die Ukrainer vor allem auf chinesische Drohnen zurückgreifen würden, weil sie billiger sind. “Wir wollen die Armeen in Europa ausstatten. Wir sind jetzt in der Lage, 280.000 Drohnen pro Jahr zu produzieren. Aber den Bedarf für so eine hohe Stückzahl gibt es noch längst nicht, weil es sehr lange dauert, bis die europäischen Armeen genügend Soldaten trainiert haben, um so viele Drohnen zum Einsatz bringen zu können.”
Kroatische Drohnen werden aktuell schon von der niederländischen, der italienischen und der bulgarischen Armee verwendet. Die kroatische Armee lasse gerade 150 ihrer Soldaten mit den Drohnen trainieren, erzählt der kroatische Verteidigungsminister, Ivan Anušić.
“Kroatien hat Potential und wir haben vor, beim Thema Drohnen eine Führungsrolle in der NATO und in der EU einzunehmen. Heute kommen die meisten Komponenten der in der EU hergestellten FPV-Drohnen aus Kroatien, sowohl die Software als auch die Hardwarekomponenten”, sagt Minister Anušić.
Doch der kroatische Verteidigungsminister betont, dass es für die europäische Sicherheit noch viel mehr benötige als Drohnen. Die EU müsse in der Verteidigungspolitik noch viel enger zusammenarbeiten, so Anušić.

