Wenn die KI fabuliert: Fake-Biografien fluten den Buchmarkt

Wenn die KI fabuliert: Fake-Biografien fluten den Buchmarkt

Ein Stapel neuer Bücher liegt auf einem Verkaufstisch in einer Buchhandlung.

Stand: 02.02.2026 18:32 Uhr

Sie fluten zu Tausenden den Online-Buchhandel und sind ein Ärgernis für Leser, Promis und auch weniger bekannte Menschen: Biografien, deren Inhalt komplett durch Künstliche Intelligenz generiert wurde.

Von Mischa Kreiskott, NDR

Sei es Journalistin, Spitzensportler, Autor oder Model – wer sich für eine Person des öffentlichen Lebens interessiert, will oft gerne mehr über sie erfahren, zum Beispiel in einer Biografie. Beim Versandhändler Amazon ist das Buch mit wenigen Klicks bestellt und liegt – wenn alles gut läuft – bereits am nächsten Tag im Briefkasten.

Doch nicht alle auf Amazon verkauften Biografien, sind echt. Das zeigt ein Test des NDR. Drei Biografien wurden geordert: eine über Investigativ-Journalist Oliver Schröm, eine über die ZeitRedakteurin Alice Bota und eine über den Fußballer und früheren Kapitän der Nationalmannschaft Thomas Müller. Die Werke sind keine Bücher, sondern eher Heftchen. Sie kosten um die 16 Euro für circa 100 Seiten.

Prominente kennen die Biografien nicht

Satz, Layout und Design sind ziemlich ungeschlacht. Sie wirken optisch wie eine etwas stümperhaft gestaltete Hausarbeit. Die “Autorin” aller drei Heftchen nennt sich Christine Hofmann und sie scheint sehr vielseitig interessiert: Sie veröffentlichte auch Biografien über den Ex-Bild-Chefredakteur Julian Reichelt, Fußballer Marco Reus, Model Heidi Klum und einige andere mehr oder weniger prominente Menschen. Die wussten alle nichts davon, dass sie mit einer Biografie bedacht werden.

Die Veröffentlichungen erschienen innerhalb weniger Wochen. Christine Hofmann scheint eine echte Schreibmaschine zu sein.

Lebensgeschichten aus dem Textautomaten

Trotz einiger Telefonate und längerer Suche konnte der NDR die “Autorin” nicht ausfindig machen. Vergleicht man die Heftchen genauer, fällt auf, dass die Kapitelüberschriften banal sind und sich stark ähneln:

Oliver Schröm: “Kindheit und familiärer Hintergrund”,
Thomas Müller: “Familiärer Hintergrund und Kindheit”,
Alice Bota: “Geburt und familiärer Hintergrund

Kapitelüberschriften in den KI-Biografien

Im Stil einer schlechten Trauerrede

Der Stil der Texte ist dabei blumig bis schwülstig. Manche Passagen wirken wie ein Ausschnitt aus einer Traueransprache: “Thomas Müllers Karriere ist ein Zeugnis für die Werte harter Arbeit, Intelligenz und Selbstlosigkeit, die ihn zu einer der am meisten verehrten Persönlichkeiten in der Geschichte des Fußballs machen”, heißt es.

Testet man die Texte mit einer Anwendung wie “originality ai.”, die Urheberschaft von Künstlicher Intelligenz (KI) erkennt, ist klar: Die KI-Wahrscheinlicheit liegt bei diesen Büchlein bei fast 100 Prozent. Dabei ist die Faktenbasis der Texte dürftig. Gerade bei den weniger bekannten Protagonisten gibt es online zu wenig Informationen. Textgeneratoren beginnen dann zu dichten.

Da werden Familienmitglieder hinzuerfunden und ganze Projekte ausgedacht, da werden Arbeiterfamilien zur Bildungselite fantasiert. Der Journalist Oliver Schröm etwa bestätigt diverse unwahre Passagen in dem ohne sein Wissen veröffentlichten Bändchen.

Was tut der Versandhändler gegen Falschinformationen?

Bücher wie diese werden über “Books on demand” angeboten. Der Autor lädt die Bücher in die Amazon-Datenbank. Sie werden von Kunden auf den eReader heruntergeladen oder nur auf eine Bestellung hin gedruckt. In den Büchern heißt es, dass das eine Amazon-eigene Druckerei in Polen erledige. Zusätzliche Hinweise auf einen Verlag oder gar eine Kontaktadresse gibt es nicht.

Auf Nachfrage des NDR bei Amazon-Deutschland, warum solche Mangelware massenhaft auf den Markt kommt, schreibt das Unternehmen:

Wir haben Inhaltsrichtlinien, die regeln, welche Bücher zum Verkauf angeboten werden können und wir verfügen über proaktive und reaktive Methoden, die uns helfen, Inhalte zu erkennen, die gegen unsere Richtlinien verstoßen, unabhängig davon, ob sie KI-generiert sind oder nicht.

Schriftliches Statement von Amazon-Deutschland

Amazon versichert dem NDR auch, dass die Texte geprüft werden:

Wir investieren erhebliche Zeit und Ressourcen, um sicherzustellen, dass unsere Richtlinien eingehalten werden, und entfernen Bücher, die diesen Richtlinien nicht entsprechen. Wir streben danach, das bestmögliche Einkaufs-, Lese- und Veröffentlichungserlebnis zu bieten.

Eine Kennzeichnung KI-generierter Texte gibt es bei Amazon derzeit nicht. Man könne sich aber vorstellen, diese künftig einzuführen. Ob und wann das geschehen soll, dazu macht Amazon keine Angaben.

Falls man sich als Kunde – oder auch als unerwartet mit einer Biografie geehrte Person – beschweren will, soll ein Link helfen, den die Presseabteilung von Amazon dem NDR zugesandt hat. Er führt zu einer englischsprachigen Seite, auf der man Verstöße gegen die Amazon-Qualitäts-Richtlinien melden kann. In der dazugehörigen Hilfedatenbank gibt es keinen Eintrag zur Frage, was man gegen Falschinformationen tun könnte. Es bleibt unklar, wer solche Eingaben prüfen soll – ein Mensch, oder eine Künstliche Intelligenz?

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