Forschende aus Gießen haben erstmals das Gift des Ammen-Dornfingers analysiert, der giftigsten Spinne Deutschlands. Das Ergebnis: Es enthält Wirkstoffe, die zum Beispiel in der Tumortherapie helfen könnten.
Es gibt Tiere, die bei vielen Menschen erst einmal Unbehagen auslösen – Spinnen zum Beispiel. Vor allem dann, wenn sie besonders giftig sind wie der Ammen-Dornfinger. Der Achtbeiner mit dem wissenschaftlichen Namen Cheiracanthium punctorium ist nachtaktiv, etwa anderthalb Zentimeter groß, vorne rot und hinten gelblich gefärbt. Sein geheimnisvoller deutscher Name hat zwei Gründe: Die Männchen besitzen einen dornartigen Fortsatz am Geschlechtsorgan, und beide Eltern kümmern sich auffallend fürsorglich wie Ammen um ihren Nachwuchs.
“Sobald sie sich gepaart haben, bauen Männchen und Weibchen gemeinsam einen Ei-Kokon. In ihm leben sie quasi wie in einer Wohngemeinschaft, produzieren ihr Gelege und hören auf zu jagen. Ab diesem Zeitpunkt verteidigen sie ihren Nachwuchs gemeinsam gegen mögliche Angreifer – und das ist völlig anders als bei anderen Spinnen”, erklärt Tim Lüddecke. Der Biochemiker und Zoologe forscht am Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Ökologie in Gießen. Besonders der Ammen-Dornfinger fasziniert ihn schon lange.
Schmerzhafter Biss – potentes Gift
Nachdem Lüddecke in der Vergangenheit bereits die Gifte verschiedener Vogelspinnen und der farbenfrohen, heimischen Wespenspinne (Argiope bruennichi) untersucht hat, lag es für ihn nahe, nun auch erstmals das Gift des Ammen-Dornfingers zu analysieren. Ihn treibt dabei die Suche nach Molekülen an, die Menschen helfen könnten – und die vielleicht sogar dazu beitragen, dass Tiere mit schlechtem Ruf auch von ihrer guten Seite gesehen werden.
Das Potenzial der Spinnen ist dabei groß: In den Giften der rund 53.000 bekannten Spinnenarten weltweit vermuten Forschende etwa zehn Millionen unterschiedliche Toxine, also Giftstoffe natürlichen Ursprungs. “Genauer untersucht sind bislang aber nur etwa 2.500”, sagt Lüddecke.
Eine kleine Lücke schließt nun die Analyse des Ammen-Dornfinger-Giftes. Es ist besonders wirkungsvoll, weil die Tiere ihren Nachwuchs so entschlossen verteidigen. Der Biss eines Ammen-Dornfingers ist daher sehr schmerzhaft. Er kann Schwellungen und Kreislaufprobleme auslösen und unter Umständen eine medizinische Behandlung erforderlich machen. Wer einmal gebissen wurde, lässt also die Tiere und ihre Ei-Kokons in Zukunft meist lieber in Ruhe.
Erster Schritt: Spinnen melken
Um ein Spinnengift zu analysieren, muss es zunächst gewonnen werden. “Dafür muss man eine Spinne melken”, erklärt Lüddecke. “Man betäubt das Tier, setzt einen leichten Stromimpuls an die Beißwerkzeuge und erhält so das Gift.” Denn die Beißwerkzeuge, die Cheliceren, sind direkt mit den Giftdrüsen verbunden.
Heimische Spinnen geben allerdings nur winzige Mengen ab. Diese werden anschließend untersucht, um die einzelnen Giftstoffe zu identifizieren. Parallel entnehmen die Forschenden den Tieren auch die Giftdrüsen. Aus deren Zellen lässt sich das Erbgut gewinnen, das für die natürliche Giftproduktion verantwortlich ist. So wird Schritt für Schritt deutlich, welche Toxine das Gift wirksam machen – und wie sie im Körper der Spinne entstehen.
Im Giftcocktail des Ammen-Dornfingers fanden Lüddecke und sein Team unter anderem das Enzym Phospholipase A2. Solche Phospholipasen kommen auch im Gift der Honigbiene (Apis mellifera) vor. In beiden Fällen greifen sie Zellstrukturen rund um die Biss- oder Stichstelle an und verursachen damit starke lokale Effekte – ein typischer Mechanismus von Verteidigungsgiften. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse im Fachjournal Communications Biology.
Hoffnungen für Tumortherapie und Gewebschirurgie
Wie lässt sich dieses neue Wissen praktisch nutzen? “Unsere Ergebnisse zeigen, dass das Gift des Dornfingers vor allem verschiedene Zelltypen zu schädigen scheint”, fasst Lüddecke zusammen. “Daraus ergeben sich mögliche Anwendungen bei Erkrankungen, die auf Zellebene stattfinden – etwa in der Tumortherapie oder in der Gewebschirurgie.” Bis dahin seien allerdings noch viele Fragen offen, und die Wirkungsweise der Gifte müsse weiter erforscht werden.
Grundsätzlich eröffnet die genauere Kenntnis der Giftzusammensetzung auch die Chance auf ein Medikament gegen Ammen-Dornfinger-Bisse. Das könnte künftig an Bedeutung gewinnen, denn Fachleute beobachten eine weitere Ausbreitung der Art. “Der Dornfinger ist an warme und trockene Lebensräume angepasst”, erklärt Lüddecke. “Durch den Klimawandel kommen solche Habitate häufiger vor.” Entsprechend findet die Spinne mehr geeignete Lebensräume – und kann Menschen öfter begegnen, vor allem in hohem Gras.
Verbreitungs-Hotspots in Deutschland sind Brandenburg und das Saarland, doch auch in Hessen, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt kommt der Ammen-Dornfinger vor. Noch sind Bisse aber selten. Und wenn sie passieren, dann meist aus einem Grund: aus Fürsorge für den eigenen Nachwuchs.
