Expertin rät zur Verlagerung der deutschen Goldreserven

Expertin rät zur Verlagerung der deutschen Goldreserven

Nummerierte Goldbarren liegen in Regalen in einem Tresorraum der Deutschen Bundesbank in Frankfurt am Main (undatierte Aufnahme).


interview

Stand: 31.01.2026 15:34 Uhr

Deutschland verfügt über die zweitgrößten Goldreserven der Welt. Ökonomisch spielen sie kaum noch eine Rolle, politisch und psychologisch dagegen umso mehr, sagt die Ökonomin Ulrike Neyer im Interview.

tagesschau.de: Welche Beziehung haben die Deutschen zu Gold als Währungsreserve?

Ulrike Neyer: Eine sensible, und das hat historische Gründe. Zu Zeiten des Deutschen Kaiserreichs war die Mark zu einem Drittel durch Gold gedeckt. Das heißt, die Geldscheine, die im Umlauf waren, mussten zu einem Drittel dem Wert des hinterlegten Goldes entsprechen. Man konnte auch Papiergeld gegen Gold eintauschen.

Dieses Prinzip wurde 1914, mit Beginn des Ersten Weltkriegs, aufgehoben. Ab da konnte der Staat hingehen, der Notenbank Schuldscheine geben und bekam im Gegenzug dafür Geld. Damit wurde dem Staat sozusagen der Zugriff auf die Druckerpresse gegeben. Und nach dem Ende des Ersten Weltkriegs hat der damalige deutsche Staat das dann auch genutzt.

Der Staatshaushalt war hochgradig defizitär, die Ausgaben viel höher als die Einnahmen, unter anderem, weil die Schulden, die zur Finanzierung des Krieges aufgenommen wurden, zurückgezahlt werden mussten. Das Defizit wurde über das Drucken von Geld gedeckt. Was dann in der Hyperinflation von 1923 mündete, die verheerende wirtschaftliche und soziale Folgen hatte und sich tief eingebrannt hat in das historische Gedächtnis der Deutschen.

Ulrike Neyer

Zur Person

Ulrike Neyer ist Professorin für Volkswirtschaftslehre an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehört die Geldpolitik im Eurosystem und die Finanzstabilität.

Nach den Kriegen gab es kein deutsches Gold mehr

tagesschau.de: Was ist in der Zwischenzeit mit dem deutschen Goldschatz passiert?

Neyer: Nach dem Ersten Weltkrieg war kein staatliches Gold mehr vorhanden. Damit konnte die neue Währung, die im Zuge der Währungsreform 1923 eingeführt wurde, auch nicht mit Gold unterlegt werden. Stattdessen unterlegte man sie über Zwangshypotheken mit Grund und Boden, also realen Werten. Das Vertrauen war zurück, das Gespenst der Hyperinflation war vorbei. Die kurz darauf eingeführte Reichsmark war dann für kurze Zeit und nur eingeschränkt durch Gold gedeckt. 1931, in Folge der Weltwirtschaftskrise, wurde die Goldbindung faktisch aufgehoben.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg war kein staatliches Gold mehr vorhanden. Die D-Mark, die 1948 eingeführt wurde, war nicht durch Gold oder andere reale Werte gedeckt. Sie lebte vom Vertrauen der Menschen in die Regierung, ins Land, in die Zentralbank.

Ein entscheidender Punkt ist, dass die Zentralbank in Deutschland, also die Deutsche Bundesbank, unabhängig ist. Kein Finanzminister, keine Regierung kann dorthin gehen und sagen, druckt Geld für mich, damit ich meine Staatsausgaben finanzieren kann.

Gold aus der Zeit des Wirtschaftswunders

tagesschau.de: Trotzdem hat Deutschland wieder Goldreserven aufgebaut nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. 3.300 Tonnen Gold sind es heute, es ist die zweitgrößte staatliche Goldreserve der Welt. Wie kam das?

Neyer: Der Goldschatz, den wir heute haben, den hat Deutschland in den 1950er- und 1960er-Jahren erwirtschaftet, in den Zeiten des Wirtschaftswunders. Damals wuchs die deutsche Wirtschaft sehr stark, und wir haben deutlich mehr exportiert als importiert. Die europäischen Länder wiederum, die ein Export-Defizit hatten, mussten an Deutschland Gold und Devisen zahlen. Das lief über die Europäische Zahlungsunion, das war so eine Art multilaterales Verrechnungskonto für Europa.

Auch das Bretton-Woods-System hat damals dafür gesorgt, dass Deutschland seine Goldreserven weiter aufgebaut hat. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs entschied man sich, den US-Dollar zur Leitwährung der Welt zu machen, um Stabilität zu sichern. Der Dollar war damals noch fest an Gold gebunden. Durch geopolitische Krisen und ein hohes Handelsbilanzdefizit der USA in den 1960er-Jahren geriet der Dollar unter Druck, drohte abzuwerten. Um ihn zu stabilisieren, kaufte auch die Deutsche Bundesbank im großen Umfang Dollar, die dann teilweise in Gold umgetauscht wurden.

“Die USA agieren zunehmend unberechenbar”

tagesschau.de: Bis heute lagern 37 Prozent des deutschen Golds in den USA. 51 Prozent befinden sich in Frankfurt am Main, der Rest liegt in London. Es gibt Stimmen, die fordern, das deutsche Gold aus den USA zurückzuholen. Wie sehen Sie das?

Neyer: Meiner Meinung nach sollte man dieses Gold mittelfristig nach Deutschland holen. Die USA agieren zunehmend unberechenbar und scheinen kein verlässlicher Partner mehr zu sein. Wer hätte sich vor ein paar Monaten vorstellen können, dass die USA Grönland für sich beanspruchen?

Nur: Wenn man das Gold jetzt abziehen würde, dann würde man signalisieren, dass man überhaupt kein Vertrauen mehr in die US-Regierung und die dortige Zentralbank hat. Und das würde das Verhältnis zwischen Europa und den USA weiter verschlechtern.

Außerdem ist so ein Vorhaben sehr teuer und muss genau geplant werden, wir sprechen schließlich von vielen Tonnen Gold. Aber wir wären nicht die Ersten, die das machen. Der französische Präsident Charles de Gaulles ließ schon in den 1960er Jahren die französischen Goldreserven aus den USA nach Frankreich holen.

“Der absolute Notgroschen für alleräußerste Krisen”

tagesschau.de: Deutschland hat jetzt Goldreserven im Wert von etwa 456 Milliarden Euro, das entspricht fast dem Bundeshaushalt von 2024. Ist es eine gute Idee, weiterhin an unserem Gold festzuhalten?

Neyer: Diese Frage kam immer wieder auf, zum Beispiel zur Wiedervereinigung in den 1990er-Jahren, wo Menschen sich fragten: Warum verkaufen wir das Gold nicht und setzen davon zum Beispiel Straßen instand?

Die Antwort ist: Wir gehen da nicht ran, weil Währungsreserven immer Stabilität und Vertrauen in eine Währung und die Wirtschaft eines Landes signalisieren. Gold ist nicht unbegrenzt vorhanden und kann nicht synthetisch hergestellt werden, das macht es in den Augen vieler so wertvoll. Diese Goldreserve ist sozusagen der absolute Notgroschen für alleräußerste Krisen.

Das Interview führte Susanna Zdrzalek, WDR.

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