Zuletzt waren in der Modebranche Diversität und Body Positivity angesagt. Auf Laufstegen und Magazincovern waren erstmals verschiedene Körpertypen und Menschen zu sehen. Das ist nun vorbei: Size Zero ist zurück.
Seit Freitag findet in Berlin wieder das wichtigste deutsche Mode-Event statt: Die Berlin Fashion Week. Zeit, sich nicht nur die neuesten Styles, sondern auch die Models genauer anzuschauen. Denn die 2000er-Jahre erleben gerade auf Laufstegen und in Modemagazinen ein Comeback – und damit kehrt auch ein Thema zurück, das bis vor Kurzem noch abgehakt schien: Size Zero oder Heroin Chic hieß der Trend zu extrem dünnen und ausgemergelten Modelkörpern. Dass Heroinabhängigkeit zur namensgebenden Referenz wurde, sagt vieles über das damalige Körperbild in der Modebranche. Immer wieder kollabierten unterernährte Models auf Laufstegen.
Diese Bilder schienen in den letzten Jahren überholt zu sein: Diversität und Bodypositivity, also die Wertschätzung gegenüber verschiedenen Körperformen, dominierten gesellschaftliche Debatten und in Teilen auch die Modewelt. Modelkörper wurden kurviger und diverser, vermeintliche Makel wie Pigmentveränderungen oder Abweichungen von klassischen Schönheitsbildern wurden mit Stolz gezeigt. Doch aktuell scheint es eine Trendumkehr in der Branche zu geben – mit teils gefährlichen Folgen für junge Frauen.
Weniger Diversität, weniger Akzeptanz
Louisa Kalonji arbeitet erfolgreich als Model in Berlin. Ihr Aussehen ziert zahlreiche Werbekampagnen internationaler Marken: Sie ist schwarz, hat eine markante Zahnlücke und gilt als Curvy-Model, weil sie trotz schlanker Figur mehr Kurven hat als klassische Laufstegmodels. Sie bemerkt einen Umbruch: “Der Ton wird anders, die Stylisten trauen sich wieder mehr zu kommentieren, wie man aussieht”, sagt die 21-Jährige, die modelt, seit sie 13 Jahre alt ist. Das führe dazu, dass sie sich häufiger unwohl fühle am Set.
Auch in ihrer Auftragslage schlage sich der Umbruch nieder. In den vergangenen Jahren verkörperte Louisa Kalonji den Zeitgeist, wurde viel gebucht. Sie selbst glaubt, dass sie die Suche der Industrie nach mehr Diversität mit ihrer Zahnlücke und ihrem Körpertyp gut bedienen konnte. Doch das ändere sich aktuell: “Eine Zeit lang war es okay, große Brüste und einen großen Po zu haben”, sagt sie. “Jetzt ist es eben nicht mehr okay. Jetzt ist wieder Size Zero in.”
Die Chefin ihrer Modelagentur IZAIO Management, Cornelia Bartsch, bestätigt den Eindruck. In den Jahren 2023 und 2024 seien die Anfragen der Kunden stark darauf ausgerichtet gewesen, diverse Models zu casten – unterschiedliche Körpergrößen, Körperformen, Hautfarben und auch spezielle Marker seien gefragt gewesen. “Das ist absolut zurückgegangen”, sagt Bartsch, “2025 hat die Industrie ganz klar in dieser Richtung verloren.” Besonders stark sei der Trend im Bereich der Luxusmode.
Über- und Normalgrößen inzwischen extrem selten
Eine bedauernswerte Entwicklung in ihren Augen. Die Modelagentur vertritt ein breites Spektrum an Models. In der Mode ist momentan vor allem ein bestimmter Typ gefragt: “Blond, blauäugig, groß, super Modelmaße. Das ist es, wofür wir gerade sehr viele Anfragen haben”, so Bartsch. In manchen Anfragen werde explizit nach dem “Caucasian Type” gefragt – ein Begriff, der im englischsprachigen Raum rassifizierend weiße, europäischstämmige Menschen bezeichnet.
Dass auf den Laufstegen in Paris, New York, London und Mailand die Body Positivity aktuell kaum präsent ist, zeigen auch Zahlen von Vogue Business. Das Magazin hat im letzten Jahr die Laufstege auf den großen Fashion Weeks zur Vorstellung der Sommerkollektionen analysiert. Das Ergebnis: Der Anteil an Mode in Über- und Normalgrößen war extrem gering. Etwa 97 Prozent aller Looks waren auf sogenannte Straight Sizes ausgelegt, das entspricht etwa der deutschen Kleidergröße 32 und 34, selten auch 36.
Auch die Berliner Professorin für Modejournalismus, Diana Weis, sieht einen klaren Trend hin zu den Modelmaßen von einst und dass Körperdiversität auf Laufstegen nicht mehr en vogue ist. Gründe gebe es dafür mehrere. “Wir haben gerade ohnehin eine Retrobewegung in der Mode”, so die Professorin von der BSP Business School. Mit den Styles der 2000er- und 2010er-Jahre kämen auch die Körperbilder von damals zurück.
Körperideale als Teil eines Kulturkampfes
“Gleichzeitig erleben wir auch einen konservativen Backlash”, sagt Weis. Eine Reaktion auf die Body-Positivity-Bewegung. Frauen würden wieder gezielt in traditionelle Rollenbilder zurückgedrängt. Das mache vor der Mode nicht halt. Historisch gesehen seien kaum zu erreichende Schönheitsideale ein Mittel gewesen, um Frauen zu verunsichern. “Das ist eben auch ein Kulturkampf, der hier stattfindet”, so die Professorin.
Ein weiterer Faktor: Social Media. Die Netzwerke hätten mittlerweile einen großen Einfluss auf die Modewelt, sagt Maria Weilandt, die an der Uni Potsdam unter anderem zu Modetheorie forscht. Vor einigen Jahren seien es noch Modemagazine oder Plakatkampagnen gewesen, die wichtig für die Vermarktung neuer Kollektionen waren. Heute seien es Plattformen wie Instagram und TikTok, auf denen vor allem junge Zielgruppen von der Modeindustrie angesprochen werden.
“Diese Plattformen sind Normmaschinen”, sagt Maria Weilandt, “und hier geht der Trend zu sehr schlanken weiblichen Körpern”. Ein Beispiel dafür sei etwa der mittlerweile verbotene Hashtag “SkinnyTok”, unter dem junge Frauen extreme Diät- und Abnehmtipps auf TikTok posteten. Diese Körpernormen würden von der Modeindustrie aufgegriffen.
Psychische und gesundheitlichen Konsequenzen
Welche Folgen diese Körpernormen für Models haben können, zeigt die Geschichte von Anne-Sophie Monrad. Sie ist als Model auf den großen Fashion Weeks gelaufen – für Designer wie Dior oder Jean-Paul Gautier. Doch damit musste sie 2018 aufhören. Ihr Körper machte nicht mehr mit, sie entwickelte eine Essstörung. Mit Folgen: Ihre Periode setzte aus, weil sie zu dünn war. Eine Ärztin drängte sie schließlich dazu, sich gegen die ungesunden Arbeitsbedingungen zu entscheiden.
“Es war ein großer psychischer Druck”, sagt sie heute. “Ich wurde Fetti genannt, also richtig gebodyshamed.” Sie habe nur als wertvoll gegolten, wenn ihr Körper den extremen Ansprüchen genügte. Auch sei ihr vorgeschlagen worden, Kokain zu konsumieren, um schlank zu bleiben. “Ich habe mich nur noch wohlgefühlt, wenn ich ein Hungergefühl hatte”, so Monrad.
Heute arbeitet sie wieder als Model, aber nur noch unter Bedingungen, die einen gesunden Körper erlauben. Trotzdem sorgt sie sich, gerade mit Blick auf jüngere Models, dass der Trend zu Size Zero und dünnen Körpern dauerhaft zurück ist.
