Wärmestellen gegen den härtesten Kriegswinter in Kiew

Wärmestellen gegen den härtesten Kriegswinter in Kiew

Im Inneren einer kasachischen Jurte, die in Kiew als Aufwärmstelle dient

Stand: 31.01.2026 07:55 Uhr

Im bislang kältesten Kriegswinter leiden die Menschen in Kiew besonders unter der gezielten Zerstörung der zivilen Energieversorgung durch Russland. Etwas Hilfe finden manche in Wärmestationen – etwa in einer kasachischen Jurte.

Von Peter Sawicki, ARD Kiew

Das Dröhnen des Generators ist auch im Zelt nicht zu überhören. Doch dank des Geräts können Heizstrahler drinnen Wärme spenden. Kateryna, eine ältere Frau, hat ihre Winterjacke ausgezogen und sitzt auf einem Stuhl. Sie sieht erschöpft aus: “Seit sechs Tagen gibt es bei mir keinen Strom, es ist schwierig.”

Die ukrainische Hauptstadt Kiew leidet seit Wochen unter akutem Energiemangel, weil Russland gezielt Kraftwerke mit Drohnen und Raketen angreift. Kateryna kommt die Wärmestelle in einem Kiewer Park sehr gelegen: “Ich bin schon gestern hergekommen. Hier kann ich meine Powerbank aufladen, mich etwas aufwärmen.”

Ein paar Stühle weiter sitzt Darya, eine Frau um die 40. “Es ist wirklich kalt. In unserem Viertel auf dem linken Flussufer gab es gestern drei Stunden lang Strom. Wir konnten wenigstens unsere Geräte aufladen”, sagt sie. “Wir kommen klar, aber unsere Haustiere frieren sehr.”

Die kasachische “Jurte der Unbeugsamkeit” dient in einem Kiewer Park als Aufwärmstelle im bislang kältesten Kriegswinter.

Unterstützung durch Kasachen

Das Zelt, das Kateryna und Darya besuchen, ist nicht alltäglich. Es ist eine Jurte, ein traditionelles kasachisches Zelt. Dementsprechend ist die Ausstattung: Flaggen der Ukraine und Kasachstans sind aufgestellt, an den Wänden hängen Teppiche mit orientalischen Mustern, traditionelle Kleider und Instrumente.

Darya verspürt beinahe Heimatgefühle: “Ursprünglich komme ich aus Kasachstan, lebe aber seit 2009 in der Ukraine.” Das Zelt sehe genauso aus wie jene, die von Nomadenvölkern in Kasachstan oder der Mongolei genutzt worden seien.

“Jurte der Unbeugsamkeit”

Die sogenannte “Jurte der Unbeugsamkeit” ist täglich von 9 Uhr morgens bis 20 Uhr geöffnet. Zhanna hat an diesem Tag Dienst. Sie hat ein Blech mit Gebäck in der Hand: “Wir bereiten gerade Baursaki zu, traditionelle kasachische Hefeteigröllchen. Gleich schieben wir die nächste Portion in den Ofen. Baursaki sind hier sehr beliebt.”

Oft gibt es aber auch kasachischen Eintopf oder einfach nur Tee. Zhanna betont zudem den kulturellen Aspekt der Jurte: “Man kann sich hier mit einem Land befassen, dessen Menschen uns sehr unterstützen. Das Projekt hat unter anderem ein ukrainischer Abgeordneter ins Leben gerufen, der Kontakt zu Politikern in Kasachstan hat. Auch die kasachische Diaspora in der Ukraine, Unternehmer, unterstützen das Projekt.”

Zhanna arbeitet in der kasachischen Wärmestation und bereitet traditionelles kasachisches Gebäck für die Hilfesuchenden zu.

“Zumindest können wir einander Halt geben”

Ähnliche Aufwärmstellen organisiert auch die Stadt Kiew. Weil der Bedarf an Wärme bei oft zweistelligen Minustemperaturen wächst, werden private Hilfsprojekte wie die “Jurte der Unbeugsamkeit” immer wichtiger.

Hinzu kommt der emotionale Faktor, wie Gast Darya betont: “Die letzten Tage waren nicht so toll. Wegen des Beschusses konnten wir oft nicht schlafen. Aber was soll’s, so ist nun mal die Situation. Zumindest können wir uns einander Halt geben.”

Ein solches Projekt, sagt sie, tue genau das. Es gebe den Menschen das Gefühl, dass man den bislang schwierigsten Kriegswinter gemeinsam überstehe.

Sie selbst hat das vor kurzem auch anhand einer anderen Geste erlebt: “Eine entfernte Bekannte hat sich gemeldet, wir hatten lange keinen Kontakt gehabt. Jetzt hat sie gesagt: ‘Ich habe eine freie und beheizte Wohnung. Ihr könnt dort bleiben, solange ihr wollt, kostenlos.’ Die Leute helfen sich einfach gegenseitig.”

Doch bei Kateryna ist ebenso zu spüren, wie sehr die Lage die Zivilbevölkerung auszehrt. Sie hat Tränen in den Augen: “Ich habe heute Geburtstag, werde 72 – und feiere mit einer Tasse Tee. Was ich mir wünsche? Einfach etwas Wärme und Komfort.”

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