In einer Trauermesse hat Spanien der Opfer des Zugunglücks bei Adamuz gedacht. Noch laufen die Ermittlungen zur genauen Unfallursache. Doch Verkehrsminister Puente gerät unter Druck.
Der Sportpavillon von Huelva. Dort, wo normalerweise Basketball- und Handballmannschaften gegeneinander antreten, stehen mit weißem Stoffbezügen vekleidete Plastikstühle für die mehr als 330 Angehörigen der Opfer des Zugunglücks von Adamuz. Die Ränge des Pavillons sind gefüllt – mit Tausenden Anwohnern, die die Familien der Betroffenen in diesem Moment begleiten wollen.
“Ich fühle mich schrecklich. Ich habe auch Kinder und Familie. Mir hätte genau das gleiche passieren können”, sagt Manoli, eine 75-jährige Frau aus Huelva. Pablo Utrera, ein anderer Bewohner aus Huelva, ergänzt: “Ich bin sehr traurig und verletzt. Ich hoffe, dass die Familien darüber hinwegkommen und diejenigen, die in den Krankenhäusern liegen, wieder gesund werden. Darum bitte ich.”
Angehörige wollen für die Wahrheit kämpfen
27 der 45 tödlich Verunglückten stammen aus der südwestspanischen Hafenstadt. Kein Ort in Spanien hat mehr Opfer zu beklagen. Auch deswegen nimmt das spanische Königspaar an der Trauermesse teil, macht die religiöse Feier so zum ersten großen offiziellen Trauerakt.
Als Liliana Saenz, deren Mutter in einem der Unglückszüge starb, im Namen der Angehörigen spricht, stehen vielen Menschen die Tränen in den Augen. In einer emotionalen Rede bedankt sie sich bei den Rettungskräften, die am Sonntag vor zwei Wochen an Ort und Stelle waren. “Ich weiß, was es bedeutet, aus einer schlechten Nachtschicht zurückzukommen und deine Kinder zu umarmen, im Wissen darum, das andere, das nicht mehr tun können”, sagt sie. “Ich weiß, was es bedeutet, den Körper eines Menschen zu heilen, dessen Seele zu Tode verletzt ist. Das muss so schwer gewesen sein. Danke, liebe Kollegen.”
Wie bereits der Bischof in seiner Traueransprache bat auch Saenz um eine schnelle Aufklärung. “Wir sind die 45 Familien, die um die Wahrheit kämpfen werden. Denn nur die Wahrheit kann uns helfen, diese Wunde zu heilen. Schließen wird sie sich nie.” Sie würden gemeinsam dafür kämpfen, dass sich so etwas nie wiederholte.
Streit über Verantwortung
Während die Familien trauern, debattiert das politische Spanien erhitzt über die Ursachen des Zugunglücks. Die konservative Opposition fordert den Rücktritt des Verkehrsministers Oscar Puente und hat die Einrichtung einer parlamentarischen Untersuchungskommission gefordert.
Bei der Suche nach der Unglücksursache konzentrieren sich die Behörden auf einen Schienenbruch entlang einer Schweißnaht, an einem Schienenstück, das im vergangenen Frühsommer eingesetzt worden war. Warum die Schiene brach, ist noch unklar. Mögliche Wartungsmängel wies der Verkehrsminister ebenso zurück wie Kritik am Unfallmanagement. Die Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Sevilla und Madrid sei in den letzten Jahren für 780 Millionen Euro von Grund auf renoviert worden.
“Wir haben bei dieser Tragödie alles Menschenmögliche getan. Hätten wir die Tragödie vermeiden können? Gibt es ein Null-Risiko? Nein, aber wir sind dem sehr nah”, erklärt Puente. Das Hochgeschwindigkeitssystem sei sehr sicher und habe exzellente Kontrollsysteme. “Wie viel mehr wir investieren müssen, um uns noch mehr einem Null-Risiko zu nähern: Das werden die Ergebnisse der Ermittlungen zeigen.”
Bis die Ermittlungen zum ersten schweren Zugunglück im spanischen Hochgeschwindigkeitssystem abgeschlossen sind, werden noch Wochen vergehen.
