Die Bundesregierung möchte, dass Verbrenner auch nach 2035 neu zugelassen werden dürfen. Um die Klimaziele zu erreichen, sollen sie klimafreundlich betankt werden. Doch sind die neuen Kraftstoffe eine realistische Lösung?
“Nicht, dass ich noch anfange zu schnüffeln, ich mag den Geruch”, sagt die CDU-Politikerin Gitta Connemann, Staatssekretärin im Bundeswirtschaftsministerium, während sie an dem Einfüllstutzen eines Spritkanisters, riecht. Darin schwappt eine hellblaue Flüssigkeit, sogenanntes E-Fuel.
Das Bundeswirtschaftsministerium wirbt für diesen neuen klimafreundlichen Kraftstoff wie etwa im vergangenen Oktober im BMW-Werk Berlin. Connemann nannte die Entwicklung von E-Fuel einen “großen Schritt für die Menschheit”.
Verbrenner mit E-Fuels weniger effizient als E-Autos
Denn E-Fuels werden aus Wasser und CO2 mit Hilfe Erneuerbarer Energie hergestellt. Die Staatssekretärin hofft, dass Autos mit Verbrennungsmotoren dank ihnen eine klimafreundliche Zukunft haben. Denn bisher verursachen Benzin und Diesel große Mengen an Treibhausgasen, die die Erde weiter aufheizen. “Mit E-Fuels geben wir dem Verbrenner eine neue, saubere Perspektive”, so Connemann.
Doch die meisten Wissenschaftler sehen das anders. Michael Sterner, Professor für Energietechnik an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg, hat mit seiner Forschung die Entwicklung von E-Fuels mit vorangetrieben. Dennoch hält er den Einsatz der synthetischen Kraftstoffe in Autos nicht für sinnvoll.
Im Vergleich zu Elektroautos wären E-Fuels schlicht weniger effizient, erklärt er. Er fordert, den Umstieg auf E-Autos zu beschleunigen. Die Elektromobilität sei ausgereift, verfügbar und effizient, sagt Sterner dem ARD-Magazin Panorama.
Riesige Strommengen für Herstellung nötig
Um E-Fuels herzustellen, sind riesige Strommengen nötig – mindestens fünfmal so viel wie für den Betrieb von E-Autos. Zudem wären enorme Investitionen nötig. Denn für die erforderliche Menge an E-Fuels müssten etliche Anlagen gebaut werden, die CO2 aus der Luft filtern sowie weitere, die Wasserstoff produzieren und schließlich Hunderte neue Raffinerien, die aus CO2 und Wasserstoff den flüssigen Kraftstoff produzieren.
Das Institut Concawe, das für die Ölindustrie arbeitet, hat gemeinsam mit dem saudischen Konzern Aramco errechnet, dass für eine Menge von etwa 63 Millionen Tonnen E-Fuels mindestens eine Billion Euro investiert werden müsste. Zum Vergleich: Im deutschen Straßenverkehr werden allein derzeit etwa 50 Millionen Tonnen herkömmliche, fossile Kraftstoffe verbraucht.
Connemann: “Wissenschaftler können sich auch täuschen”
Auch der Ökonom Martin Wietschel vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung in Karlsruhe sagt, es sei inzwischen Konsens, dass E-Fuels für Pkw und Lkw keinen Sinn machten. Die Herstellung sei viel zu teuer, so Wietschel, der Wasserstoff würde außerdem für andere Bereiche dringender benötigt.
Staatsekretärin Connemann teilt die Bedenken offenbar nicht. “Manche Wissenschaftler können sich auch täuschen”, sagt die CDU-Politikerin im Interview mit Panorama, E-Fuels würden nicht nur eine Nische bedienen, E-Fuels würden Zukunft schreiben.
Dabei kennt auch das Bundeswirtschaftsministerium die enormen Herausforderungen. Nach NDR-Recherchen weist es in internen Unterlagen darauf hin, dass es bisher noch keine marktreifen Anlagen “in industrieller Größenordnung” gäbe. Außerdem ist dort zu lesen, dass “hohe Anfangsinvestitionen” nötig wären, und dass die Produktionskosten der neuen Kraftstoffe “ein Mehrfaches der Kosten für konventionelle fossile Kraftstoffe” betragen würden.
Auf Nachfrage schreibt das Bundeswirtschaftsministerium dem NDR, es sei zu berücksichtigen, dass Prognosen zu den globalen Produktionspotenzialen für E-Fuels mit großen Unsicherheiten behaftet seien.
“Kleine Mengen für Sport- und Luxus-Autos”
Fakt ist, bisher zögern Investoren bei E-Fuels für den Straßenverkehr. Denn für Pkw seien sie nicht konkurrenzfähig, sagt Sébastien Zimmer vom französischen Beratungsunternehmen SIA Partners, das die weltweite Entwicklung von E-Fuels analysiert. Auch er geht davon aus, dass die Kraftstoffe sehr teuer bleiben. “Vielleicht können langfristig kleine Menge für einige Sport- und Luxus-Autos genutzt werden”, sagt Zimmer.
Es sind laut SIA Partners derzeit global etwa 120 industrielle E-Fuel-Anlagen geplant, aber vor allem für Schiffs- und Flugkraftstoffe. Nur ein einziges Werk ist ausdrücklich für Autos angekündigt: in Niedersachsen. Dort will das Unternehmen German eFuel One unter anderem für BMW ab Ende 2028 75 Millionen Liter synthetisches Benzin produzieren. Falls es klappt, würde das für 0,1 Prozent des deutschen Straßenverkehrs reichen.
Emissionen sollen bis 2035 um 90 Prozent sinken
Die Staatsekretärin aus dem Bundeswirtschaftsministerium hofft dennoch, dass Autos mit Verbrennungsmotoren mit E-Fuels klimafreundlich weiterfahren können. Verbrenner gehörten nicht ins Museum, sondern hätten auch in der Gegenwart und in der Zukunft einen Platz, so Connemann.
Auch Bundeskanzler Friedrich Merz hatte erst im November gefordert, das längst beschlossene Verbrenner-Aus – also das absehbare Ende für Neuzulassungen von Autos mit Verbrennermotoren, die nicht klimaneutral betrieben werden können – nach 2035 aufzuweichen. Die EU-Kommission machte schließlich im Dezember einen entsprechenden Vorschlag. Die Treibhausgasemissionen von Autos sollen demnach bis 2035 nur noch um 90 Prozent sinken müssen, nicht mehr – wie bereits beschlossen – um 100 Prozent.
Damit könnten Verbrenner weiter neu zugelassen werden. Die schlechtere Klimabilanz soll durch den Einsatz von grünem Stahl aus Europa und durch alternative Kraftstoffe wie zum Beispiel E-Fuels ausgeglichen werden. Die endgültige Entscheidung steht noch aus.
Verzögert E-Fuels-Debatte Umstieg auf E-Autos?
In der Bundesregierung scheinen die Haltungen zu diesen Fragen allerdings auseinander zu gehen. Staatssekretär Jochen Flasbarth aus dem SPD-geführten Klimaschutzministerium erklärt im Interview mit Panorama, E-Fuels könnten eine Rolle im Schiffs- und Flugverkehr spielen, die Verwendung im Pkw sehe man dagegen nicht als Priorität. Dort sei der elektrische Antrieb vernünftig, weil der viel effizienter sei. “Ganz klar ist, wir müssen weg vom Verbrenner”, so Flasbarth.
Wissenschaftler Sterner jedenfalls hat Sorge, dass der Wunsch nach E-Fuels den Umstieg auf Elektroautos verzögere. Den Menschen Hoffnung zu geben, das alles so weiter gehen könnte wie bisher, und irgendwann kämen einfach E-Fuels, das sei fahrlässig, so Sterner. Er fordert, so schnell wie möglich auf Benzin und Diesel zu verzichten.


