Das Akkordeon ist als “Schifferklavier” oder “Quetschkommode” verschrien. Dabei ist es äußerst vielseitig – und auf den großen Bühnen zu Hause. Auch die Musik-Avantgarde hat das Instrument längst für sich entdeckt.
Ein sonniger, klirrend kalter Wintertag in Weimar. Auf einem Hügel über der Stadt im Schloss Belvedere ist einer der Standorte der Hochschule für Musik Franz Liszt. Hier sind neben den Sängern und Geigern auch die Akkordeonisten untergebracht. Insgesamt sechs Studenten und Studentinnen sind zurzeit eingeschrieben. Unterrichtet werden sie von Professorin Claudia Buder.
Hochkonzentriert arbeitet sie mit zweien von ihnen an einer Uraufführung, einem Duett für Akkordeon, mit zwei Instrumenten. Geschrieben hat es einer der beiden Studenten, Ingmar Rosenthal, es ist seine Abschlussarbeit. “Meine Inspiration für das Stück war Antonín Dvořák, die Romantik”, erzählt Rosenthal: “Aber es gibt mittlerweile auch sehr viele zeitgenössische Komponisten für dieses Instrument, das wirklich unglaublich vielseitig ist.”
Eine politische Geschichte
Das Akkordeon ist weit mehr als ein volkstümliches “Schifferklavier”. Das verdankt es auch der Hochschule für Musik in Weimar. “Es ist eine krasse politische Geschichte”, erläutert Akkordeon-Professorin Buder, die hier auch selbst studiert hat: “Nach dem Zweiten Weltkrieg waren wir ja in der sowjetischen Besatzungszone, und es galt, die Musik der Arbeiter und Bauern zu stärken.” Deshalb sei das Akkordeon, gemeinsam mit der Blockflöte und der Mandoline, in die Hochschullehre aufgenommen worden.
Doch die erste Professorin für Akkordeon, Irmgard Slota-Krieg, wollte nicht einfach Volksmusik machen. Sie habe das Instrument weiterentwickeln wollen, erzählt Buder: “Sie ging zu den Komponisten und sagte ihnen, sie sollten für Akkordeon schreiben. Sie hat sich also über die Vorgaben des Ministeriums einfach hinweggesetzt.”
Claudia Buder ist eine ebenso leidenschaftliche wie erfolgreiche Akkordeonistin. Die gebürtige Leipzigerin unterrichtet, hat aber auch eine außergewöhnliche Karriere als Solistin, spielt unter anderem mit dem Gewandhausorchester Leipzig, der Königlichen Philharmonie Stockholm und den Wiener Philharmonikern. Das Akkordeon ist längst zu Hause auf den großen Bühnen der Welt.
Ein atmendes Instrument
Entwickelt wurde das Instrument vom österreichischen Orgel- und Klavierbauer Cyrill Demian. 1829 ließ er es in Wien patentieren. Tatsächlich erinnert das Akkordeon mit seinen Tasten an das Klavier, arbeitet aber mit Luft. Beim Ziehen und Drücken des Balges erzeugt es Töne, indem die Luft über kleine Metallplättchen geleitet wird. Während die rechte Hand die Melodie spielt, erzeugt die linke durch das Pressen von Knöpfen Akkorde.
Es sei ein Instrument wie kein anderes, findet Buder – ein atmendes Instrument: “Es ist zwar schwer, aber wir haben es so auf dem Schoß, dass wir mit ihm eine Einheit bilden, und dann verschwindet das Gewicht.” Beim Spielen erlebe man die Entstehung der Töne quasi mit: “Wir sind der Ton, wir sind eins. Und das ist das Besondere am Akkordeon.”
Am liebsten spielt Claudia Buder zeitgenössische Werke von Georg Kratzer oder Rebecca Saunders. Ihre Liebe zur modernen Musik vermittelt sie weiter an ihre Studierenden. Denn das Akkordeon ist zwar berühmt geworden mit Tango, Walzer und Volksmusik, mit Interpreten von Hans Albers bis Florian Silbereisen. Doch es kann weit mehr.
Das Akkordeon in der Neuen Musik
Das demonstriert eine ehemalige Schülerin von Buder, die Leipzigerin Susanne Stock. Sie nutzt nicht nur Knöpfe, Tasten und Balg, um Töne zu erzeugen, sondern den gesamten Körper ihres Instruments, erzeugt darauf Rhythmen und ganz unterschiedliche, vor allem überraschende Töne.
“Ich habe mich ganz der experimentellen Musik verschrieben”, sagt Susanne Stock, “allerdings finde ich an diesem Instrument besonders gut, dass man sich eben nicht von Anfang an auf eine Musikrichtung festlegen muss.” Im Grunde könne man mit dem Akkordeon alles machen.
Perfekt für die Musik von Bach
Besonders gut eignet sich das Instrument aus ihrer Sicht für die Musik von Johann Sebastian Bach: “Gerade so etwas wie die Fugen kann man auf einem Akkordeon sogar genauer spielen als auf einem Cembalo, wo der Ton ja immer wieder verschwindet, während er mit dem Akkordeon bei mir bleiben kann.” Sie sei sich deshalb sicher, “dass Bach sich sehr über das Akkordeon gefreut hätte, wenn er es kennengelernt hätte.”
Von Bach bis zur experimentellen Musik: Dank der Ernennung zum Instrument des Jahres wird es 2026 mehr Akkordeon-Konzerte geben und damit mehr Möglichkeiten, die Vielseitigkeit des Instruments zu entdecken. Dessen Entwicklung sei längst nicht abgeschlossen, sagt Claudia Buder. Im Vergleich zu Werken von 1960 oder 1970, der Spiel- und Kompositionskultur sei die musikalische Entwicklung rasant. “Ich bin sehr gespannt, wo es noch hingeht!”
