Während die EU-Kommission plant, Pestizide einfacher zuzulassen, zeigt eine neue Studie: Reste von Pflanzenschutzmitteln auf Äckern und Wiesen wirken sich auch auf Kleinstlebewesen im Boden aus
In den Böden der Äcker, Wälder und Wiesen ist Leben: Regenwürmer, Fadenwürmer und Millionen kleinster Bakterien sind dort am Werk, um Blätter, Gräser oder Wurzeln zu zersetzen. Diese Kleinstarbeit ist nicht nur relevant für unser Klima, sondern auch für unsere Ernährungssicherheit. Sie hält unsere Böden fruchtbar. Doch Reste von Pflanzenschutzmitteln, wie sie in der europäischen Landwirtschaft eingesetzt werden, verändern diese wichtige Arbeit, zeigt eine Studie im Fachmagazin Nature.
Fast 400 Proben in 26 europäischen Ländern
Das internationale Forschungsteam rund um die zwei Hauptautorinnen Julia Köninger von der Universität Vigo und Maëva Labouyrie von der Universität Zürich sammelte fast 400 Bodenproben von unterschiedlichen Flächen in 26 europäischen Ländern, unter anderem auch in Deutschland. Die Forschenden waren auf Acker- und Grünlandflächen unterwegs, genauso wie auf forstwirtschaftlich genutzten Waldflächen. Bei der anschließenden Analyse der Proben konnte das Team Rückstände von 63 unterschiedlichen Pflanzenschutzmitteln nachweisen. Mit am häufigsten fand das Forschungsteam ein Abbauprodukt von Glyphosat, AMPA.
Filigranes Netz von Tausenden von Organismen
Die Studie zeige, wie komplex die Natur ist, sagt Christoph Scherber, stellvertretender Generaldirektor des Leibniz-Instituts zur Analyse des Biodiversitätswandels in Bonn. Eigentlich gehe man davon aus, dass ein Pflanzenschutzmittel bei seinem Einsatz gezielt einen Organismus abtötet. “Doch in Wirklichkeit beeinflussen wir hier ein filigranes Netz an Hunderten oder Tausenden von Organismen. Deswegen ist es wichtig, hier besser Bescheid zu wissen, weil ja die ganze Bodenfruchtbarkeit darunter leiden kann. Wir sehen eigentlich, wie wenig wir bisher verstehen beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln.”
Forschung im Freiland und mit mehreren Organismen
Vor allem die umfassende Forschung der Studie im Freiland halten Fachleute wie Scherber für relevant. So werde unter Realbedingungen getestet, sagt Matthias Liess, der den Bereich System-Ökotoxikologie am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig leitet: “Es ist so, dass im Freiland die Wirkung im Allgemeinen wesentlich stärker ist als im künstlichen Ökosystem.”
Christoph Scherber schätzt die Methodik auch deshalb, weil sie sich von der derzeitigen Praxis bei Pflanzenschutzmittel-Zulassungen in der EU unterscheide: “Normalerweise läuft das alles unter sehr kontrollierten Bedingungen im Labor oder nur mit einzelnen Testorganismen.” Eine so breite Untersuchung sei juristisch nicht gefordert und werde deswegen auch von den Unternehmen nicht durchgeführt. “Insofern würde ich sagen, von der Breite und Tiefe her ist es ziemlich einzigartig, was hier gemacht worden ist.”
Pestizidreste nicht nur auf Ackerböden
Auch Carsten Brühl, der die Abteilung Gemeinschaftsökologie und Ökotoxikologie an der rheinland-pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau leitet, hat Studien zu Pestizidresten durchgeführt. Er bestätigt: Wer sucht, der findet Pestizidreste nicht nur auf dem Acker, sondern auch in Wäldern und auf Wiesen.
Das zeige: Über den Wind, an kleinste Partikel gebunden oder den Regen, sind Pestizidreste wanderfähig. Und: Flächendeckend in Böden in ganz Europa, wo sie – auch in sehr geringer Konzentration – die Bodengesundheit verändern, wie die neue Studie belege.
Kritik: Stimme der Landwirtschaft fehlt
Wie Pflanzenschutzmittel dabei die Bodenlebewesen und deren Arbeit verändern, sei ein Faktor, der auch für die Landwirtschaft interessant ist, berichtet Scherber. Deshalb sei ein zentrales Manko der Studie, dass Landwirte und Landwirtinnen ausgeblendet worden sind: “Es gibt keine Daten zum Ertrag, keine Daten zu dem, was wirklich im Tank war, was die Landbewirtschaftenden hier ausgebracht haben.”
Landwirtschaft im Dilemma
Dabei steckt die Landwirtschaft in einem Dilemma: Sie soll ausreichend Lebensmittel produzieren und muss sich gleichzeitig gegen immer drastischere Folgen der Klimaerwärmung behaupten. Die begünstigt auch Schädlinge. Pflanzenschutzmittel erscheinen daher für viele Betriebe unverzichtbar.
Doch genau diese Mittel können den kleinen Helfern im Boden schaden, die eigentlich mit stabile Erträge sichern sollen. Gerade vor diesem Hintergrund, findet Scherber, wäre die Stimme der Landwirtschaft in der aktuellen Studie relevant gewesen. “Wir müssen schauen, dass wir in dem Diskurs auch weiterkommen.”
Pläne der EU-Kommission
Erst kürzlich hatte die EU- Kommission Pläne vorgelegt, um die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln künftig zu erleichtern: Unter anderem sollen Wirkstoffe dann bis auf wenige Ausnahmen unbefristet zugelassen werden.
Auch angesichts der neuen Studie sagt Scherber: “Ich halte das für ziemlich katastrophal. Wir würden das im Bereich der Medizin auch nicht machen. Wir versuchen hier ja auch immer die Nebenwirkungen von Medikamenten sehr gut zu erforschen, zu dokumentieren.” Ebenso legen die Macherinnen der aktuellen Studie nahe: Es brauche nicht weniger, sondern mehr Forschung zur Wirkung von Pestiziden – und Daten darüber, welche Mittel wie und wo zum Einsatz gekommen sind.
Unterm Strich betonen Fachleute wie UfZ-Wissenschaftler Matthias Liess, dass mit Nebenwirkungen bei Pflanzenschutzmittel gerechnet werden muss. Deshalb lautet die geschlossene Forderung, insgesamt weniger davon einzusetzen.
Das ist kein neuer Vorschlag. Die Mitgliedsstaaten der EU hatten bereits in der Vergangenheit versucht, sich auf Pestizidreduktionsziele zu einigen. Daran erinnert auch Ökotoxikologe Carsten Brühl. Doch der Vorstoß scheiterte 2023. Dabei, sagt Brühl, sei das eigentlich die sicherste und wirksamste Lösung.
