Auch wegen Trump: Immer mehr New Yorker Juden werden Deutsche

Auch wegen Trump: Immer mehr New Yorker Juden werden Deutsche

Linda Simon mit Familienangehörigen und dem deutschen Generalkonsul in New York.

Stand: 28.01.2026 08:18 Uhr

In New York steigt die Zahl der Juden, die einen Antrag auf Einbürgerung nach Deutschland stellen, rasant an. Das hat teils auch mit dem politischen Klima in den USA zu tun. Eindrücke von einer Einbürgerungszeremonie.

Giselle Ucar

Es ist laut und voll im New Yorker Generalkonsulat. An einem der wenigen Stehtische mit Deutschlandfähnchen und Sektglas wartet Linda Simon auf ihren großen Moment. Die 75-Jährige mit der weißen Kurzhaarfrisur und den großen Perlenohrringen ist zusammen mit ihrer Familie gekommen.

Gleich soll sie ihre Einbürgerungsurkunde entgegennehmen: “Ich bin nervös, aber ich glaube, dass das für beide Seiten positiv sein wird”, sagt sie. Ihren Antrag hat Linda Simon vor etwa drei Jahren gestellt. Damals hatte sie noch Zweifel. Doch dann erhielt sie eine Mail. “Darin stand, dass sich Deutschland für das, was es meiner Familie während des Nazi-Regimes angetan hat, entschuldigt. Das fühlte sich an, als habe man mir die Hand gereicht. Das hat mich sehr glücklich gemacht”, erzählt sie.

Simons jüdische Eltern wurden 1922 in Deutschland geboren. Sie kannten sich schon dort und waren ineinander verliebt. Kurz vor den 1940er-Jahren trennten sich ihre Wege. Simons Mutter konnte mit dem letzten Kindertransport nach Großbritannien gebracht werden. Ihr Vater floh mit Unterstützung eines Cousins in die USA. In der Bronx trafen sich beide später wieder und heirateten sofort, erzählt Simon.

Mit ihrer Einbürgerung möchte sie auch auf etwas aufmerksam machen: “Es ist gut, wenn Menschen erfahren: Es hat nicht mit meinen Eltern aufgehört. Es hatte enorme Auswirkungen auf meine Erziehung und mein Aufwachsen. Es war nicht leicht, Kind von Holocaust-Überlebenden zu sein.”

Danielle Michelson hat sich lange auf ihre Einbürgerung gefreut. Für sie ist auch das politische Klima in den USA ein Grund für den Schritt.

Einbürgerung als “Wiedergutmachung”

81 Menschen werden an diesem Tag in New York eingebürgert. Sie alle sind Nachkommen von NS-Verfolgten. Das deutsche Grundgesetz ermöglicht ihnen die Einbürgerung als “Wiedergutmachung”. Die Stimmung ist fröhlich und ausgelassen, eine Gruppe in der Mitte des Saals stimmt ein jüdisches Volkslied an.

Der Reihe nach werden die Namen der “neuen Deutschen” aufgerufen. Fast geht das Ganze im lauten Stimmengewirr unter. Vorne erhalten die Aufgerufenen dann ihre Urkunde vom deutschen Generalkonsul und werden fotografiert.

Danielle Michelson hat ihr Zertifikat schon erhalten. Für die 31-Jährige ist es ein emotionaler Moment, auf den sie sich schon lange gefreut habe, sagt sie.

Politisches Klima in den USA als Grund

Eine doppelte Staatsbürgerschaft bietet viele Vorteile: Einige nutzen sie etwa, um leichter in Europa studieren oder arbeiten zu können. Für Danielle Michelson ist aber auch das aktuelle politische Klima in ihrer Heimat Grund für ihre Entscheidung.

Nach Angaben des FBI gab es in den USA noch nie so viele antisemitische Angriffe wie aktuell. Fast 70 Prozent aller Hassverbrechen aufgrund der Religionszugehörigkeit richteten sich im Jahr 2024 gegen Jüdinnen und Juden. “Es ist gut, ein Sicherheitsnetz zu haben”, glaubt Michelson.

Mit Sicherheit hätte die Generation meiner Großmutter nicht vorhersehen können, dass ihre Enkel nun versuchen würden, zurück nach Europa zu fliehen. Aber es ist nicht schlecht, diese Option zu haben.

Eugene Drucker findet es bewegend, dass Deutschland die Nachfahren geflohener Juden willkommen heißt.

Im Täterland Schutz suchen

Auch Suzy hat das Gefühl, einen Plan B zu brauchen: “Der Rest meiner Familie hat sich schon während der ersten Amtszeit von Trump einbürgern lassen. Meine Tochter und ich waren noch zögerlich. Ich glaube nicht, dass mein verstorbener Vater, der vor den Nazis geflohen ist, das gut gefunden hätte. Aber meine Mutter hat dann gesagt: Er konnte ja nicht wissen, dass Trump Präsident wird und das alles passieren würde.”

Eugene Drucker ist 73 Jahre alt. Er war schon häufig als Orchestermusiker in Deutschland und findet die deutsche Erinnerungskultur und den Umgang mit dem Holocaust einzigartig. “Es ist sehr bewegend, dass das Land, aus dem mein Vater fliehen musste, seine Nachfahren nun offen willkommen heißt. Es ist – im Offiziellen – ein viel offeneres Land, als unseres gerade. Das ist eine große Ironie.”

Warum sie wieder Deutsche werden wollen, müssen die Nachkommen der Holocaust-Überlebenden bei Antragsstellung nicht angeben. Statistische Daten dazu fehlen also.

Mehr Einbürgerungen wegen Trump?

Dass es auch an US-Präsident Donald Trump liegen könnte, ist eine Vermutung. Schon in seiner ersten Amtszeit haben sich deutlich mehr Jüdinnen und Juden einbürgern lassen. In den Präsidentschaftsjahren Joe Bidens sind die Zahlen dann wieder zurückgegangen. Das könnte allerdings auch eine Folge der Corona-Pandemie gewesen sein.

Seit 2024 ist die Nachfrage wieder auffällig hoch. Im Jahr 2025 sind beim deutschen Generalkonsulat 1.771 “Wiedergutmachungs”-Anträge eingegangen. Zum Vergleich: Im Jahr 2023 waren es 894 Anträge, im Jahr davor 734.

Möglicherweise ist der aktuelle Ansturm auch auf das modernisierte Staatsangehörigkeitsrecht zurückzuführen. Seit Sommer 2024 brauchen US-Amerikaner keine Genehmigung mehr, um ihren alten Pass zu behalten.

Wer als neuer deutscher Staatsbürger nach Deutschland reisen will, benötigt jetzt allerdings einen deutschen Pass. “Das war für mich überraschend”, erklärt Eugene Drucker. Er will sich nun erkundigen, wie er so schnell wie möglich einen deutschen Reisepass beantragen kann.

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