Was ist über die tödlichen Schüsse in Minneapolis bekannt?

Was ist über die tödlichen Schüsse in Minneapolis bekannt?

Eine improvisierte Gedenkstätte mit Kerzen, Blumen und Schildern auf einer verschneiten Straße in Minneapolis.


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Stand: 25.01.2026 18:34 Uhr

Erneut fallen in der US-Stadt Minneapolis tödliche Schüsse bei einem Einsatz von ICE-Beamten. Kritiker sprechen von einer Überreaktion, die US-Regierung stellt den Vorfall als Notwehr dar. Was ist bekannt? Und wie geht es jetzt weiter?

Was ist passiert?

Bei einem Einsatz der Einwanderungsbehörde ICE in der US-Stadt Minneapolis gab es am Samstag gegen 9 Uhr morgens Ortszeit einen Zwischenfall. Einsatzkräfte lieferten sich ein etwa 30-sekündiges Handgemenge mit dem 37-jährigen Alex Pretti. In der Folge fielen Schüsse, an denen Pretti starb. Unklar ist, ob der 37-Jährige am Einsatzort oder erst im Krankenhaus starb. Laut Heimatschutzministerium wurde der Mann vor Ort für tot erklärt, der Polizeichef sprach hingegen davon, dass er erst im Krankenhaus für tot erklärt wurde.

Vor den tödlichen Schüssen auf Pretti hatten die Beamten laut Zoll- und Grenzschutzbehörde einen Mann verfolgt, der sich illegal im Land aufhielt und wegen häuslicher Gewalt gesucht wurde. Demonstranten versuchen regelmäßig, solche Einsätze zu stören. Auch am Samstag pfiffen und hupten sie. Einer der Demonstranten war offenbar Pretti.

Was ist auf Videos von vor Ort zu sehen?

Es gibt mehrere Aufnahmen von Augenzeugen, die den Vorfall zeigen. Die US-amerikanische Nachrichtenagentur AP hat mehrere Videos ausgewertet.

In einem Video ist demnach zu sehen, wie Pretti auf der Straße steht und sein Handy hochhält. Er steht einem Beamten gegenüber, der ihn auf den Bürgersteig drängt. Pretti spricht mit dem Beamten, allerdings ist nicht klar, was er sagt. Das Video zeigt, wie die Beamten versuchen, die Demonstranten zurückzudrängen. Einer Person werden Handschellen angelegt.

Pretti kommt erneut ins Bild, als das Video zeigt, wie ein Beamter in Schutzausrüstung eine Demonstrantin schubst. Die Frau streckt die Hand nach Pretti aus. Derselbe Beamte stößt Pretti gegen die Brust, woraufhin der nach hinten taumelt.

Die Szene kurz vor den tödlichen Schüssen auf Pretti.

Ein anderes Video zeigt, wie Pretti auf eine weitere Person zugeht, die nach einem Stoß desselben Beamten zu Boden fällt. Pretti stellt sich zwischen die Person und den Beamten und streckt die Arme nach ihm aus. Der Polizist setzt Reizgas ein, woraufhin Pretti die Hand hebt und den Kopf wegdreht. Der Polizist packt Prettis Hand, setzt erneut Reizgas ein und stößt ihn dann von sich.

Sekunden später umringen mindestens sechs Bundesbeamte Pretti, der zu Boden gerungen und mehrfach geschlagen wird. Mehrere Beamte versuchen, Pretti die Arme auf den Rücken zu drehen, doch er wehrt sich.

Videos zeigen, wie ein Beamter, der mit der rechten Hand auf Prettis Rücken über dem Gerangel steht, kurz vor dem ersten Schuss mit einer mutmaßlichen Waffe in der Hand von der Gruppe zurückweicht. Jemand ruft “Waffe, Waffe!”. Es ist unklar, ob damit die Waffe gemeint ist, die Pretti laut den Behörden bei sich trug.

Dann fällt der erste Schuss. Die Aufnahmen zeigen laut AP nicht eindeutig, wer den Schuss abgibt. In einem Video greift ein Beamter Sekunden zuvor nach seinem Gürtel und zieht offenbar seine Waffe. Derselbe Beamte ist mit gezogener Waffe hinter Pretti zu sehen, als drei weitere Schüsse fallen. Pretti sackt zusammen. Die Videos zeigen, wie die Beamten zurückweichen, einige mit gezogenen Waffen. Weitere Schüsse fallen.

Wie werden die Schüsse auf Pretti begründet?

Das Heimatschutzministerium erklärte, auf Pretti sei geschossen worden, nachdem er sich den Beamten mit einer halbautomatischen Pistole genähert habe. Die Behörden machten keine Angaben dazu, ob Pretti die Pistole offen trug oder unter seiner Kleidung versteckt hatte. Das Ministerium sprach von einer Situation, “wo jemand maximalen Schaden anrichten und ein Massaker an Polizisten verüben wollte”.

Diese Waffe soll Pretti getragen haben.

In einer Mitteilung des Ministeriums hieß es, die Beamten hätten in Notwehr geschossen, nachdem Pretti sich heftig gegen den Versuch der Beamten gewehrt habe, ihn zu entwaffnen.

“Er war dort, um Gewalt zu verbreiten”, erklärte Heimatschutzministerin Kristi Noem vor Journalisten mit Blick auf den Getöteten. Der stellvertretende Stabschef des Weißen Hauses, Stephen Miller, bezeichnete Pretti im Onlinedienst X als “Attentäter”. Vizepräsident JD Vance teilte den Beitrag.

Was sind die Reaktionen?

Die Eltern von Pretti werfen den Einsatzkräften vor, ihren Sohn ohne legitimen Grund getötet zu haben. Er habe keine Bedrohung für die Beamten dargestellt. “Die abscheulichen Lügen, die die Regierung über unseren Sohn verbreitet, sind verwerflich und widerwärtig”, heißt es in einer Stellungnahme der Familie. “Alex hält eindeutig keine Waffe in der Hand, als er von Trumps mordenden und feigen ICE-Gangstern angegriffen wird.”

Tim Walz, der Gouverneur des Bundesstaates Minnesota, in dem Minneapolis liegt, zeigte sich bestürzt über die Darstellung des Heimatschutzministeriums. “Ich habe die Videos aus verschiedenen Perspektiven gesehen, und es ist unerträglich”, sagte er.

Der Bürgermeister von Minneapolis, Jacob Frey, sagte, er habe in einem Video gesehen, wie mehr als sechs maskierte Beamte einen Bürger brutal zusammengeschlagen und erschossen hätten.

US-Präsident Trump warf dem demokratischen Gouverneur und dem Bürgermeister vor, sie würden “mit ihrer aufgeblasenen, gefährlichen und arroganten Rhetorik zum Aufruhr anstiften”.

Was ist über Pretti bekannt?

Der 37-Jährige soll laut US-Medienberichten als Krankenpfleger gearbeitet haben. Er war nicht vorbestraft. Nach Angaben des Polizeichefs von Minneapolis war er berechtigt, eine Waffe zu tragen.

Alex Pretti war 37 Jahre alt

Wie geht es jetzt weiter?

Ein Richter erließ am Sonntag eine einstweilige Verfügung zum Schutz der Beweismittel. Den Bundesbehörden ist es dem Gerichtsdokument zufolge untersagt, Beweismittel in Zusammenhang mit der Schussabgabe unter Beteiligung von Bundesbeamten zu “zerstören oder zu verändern”.

Ausdrücklich geht es auch um Beweismittel, die bereits vom Tatort entfernt wurden. Geklagt hatten die Behörden von Minnesota gegen die Regierung von US-Präsident Trump und deren untergeordnete Behörden wie das Heimatschutzministerium. Die Behörden des Bundesstaates werfen den Bundesbehörden vor, Beweismittel zurückzuhalten. Für Montag ist eine Anhörung angesetzt.

Der Gouverneur von Minnesota, Walz, kündigte an, dass der Bundesstaat die Aufklärung der tödlichen Schüsse selbst in die Hand nehmen werde, da der Trump-Regierung nicht zu trauen sei. Helfen soll Medienberichten zufolge auch die Nationalgarde. “Minnesotas Justiz wird das letzte Wort in dieser Sache haben. Sie muss das letzte Wort haben”, sagte Walz in einer Pressekonferenz.

Wie ist die Stimmung in Minneapolis?

Der zweite tödliche Zwischenfall bei einem Einsatz der US-Einwanderungsbehörde ICE heizt die Spannungen in Minneapolis an. Nach dem Vorfall versammelte sich eine wütende Menge. Es kam zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Bundesbeamten, die Schlagstöcke und Blendgranaten einsetzten.

Am Ort des Zwischenfalls zündeten viele Menschen bei klirrender Kälte Kerzen an, legten Blumen nieder und standen schweigend zusammen. Ein Teilnehmer sagte AP: “Es fühlt sich an, als passiere jeden Tag etwas Verrückteres.” Es sei falsch, widerlich und abscheulich, was in “unserer Gemeinschaft” passiert.

Schon als die 37-jährige US-Bürgerin Renee Good Anfang Januar bei einem ICE-Einsatz in Minneapolis in ihrem Auto erschossen worden war, hatte es Proteste gegeben. Auch damals bezeichnete die Regierung das Vorgehen als Notwehr eines Beamten in akuter Lebensgefahr. Doch auch damals zeichneten Videos ein anderes Bild.

Im ganzen Land sorgt die Abschiebepolitik von US-Präsident Trump immer wieder für Proteste.

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